Bruckners Beziehungen

Thomas Hengelbrocks Programm "Sinfonie und Messe"

Zwei geistliche Werke - und hintendran eine rund einstündige Sinfonie? Klingt ziemlich verrückt. Wenn das Programm aber von Thomas Hengelbrock stammt, dem angehenden Chef des NDR Sinfonieorchesters, dann ist klar: Dahinter steckt System. Hengelbrock hat sich noch stets seinen Teil gedacht und das Publikum, wo es ging, daran teilhaben lassen. Beim NDR Sinfonieorchester wird er deshalb die Einführungsveranstaltungen selbst halten. So auch im September in der Laeiszhalle, bevor er Michael Haydns Missa quadragesimalis, das Requiem von Anton Bruckner und dann noch dessen Sechste Sinfonie dirigiert. Es singt der NDR Chor, die Solopartien übernehmen Sonya Yoncheva (Sopran), Anna Stephany (Mezzosopran), Werner Güra (Tenor) und Dimitry Ivashchenko (Bass).

Schon die Verbindung des klassischen Komponisten mit dem romantischen Schwergewicht Bruckner ist kühn. Die Rezeptionsgeschichte hat Michael Haydn einen festen Platz im Schatten seines älteren Bruders Joseph zugewiesen, doch für Hengelbrock ist Haydn der Jüngere "einer der größten Kirchenmusiker aller Zeiten". So hat sich kein Geringerer als Wolfgang Amadeus Mozart für sein Requiem bei Michael Haydn bedient. Und ein halbes Jahrhundert später war es ausgerechnet Anton Bruckner, der sich als Sängerknabe im Chorherrenstift St. Florian intensiv mit dem Werk Haydns befasste. Als 25-Jähriger schrieb Bruckner, er war inzwischen Organist in St. Florian, sein erstes großes Orchesterwerk, das Requiem d-Moll. Die klassischen Vorbilder Haydn (Michael und natürlich auch Joseph), Mozart, Pergolesi sind in der Tonsprache noch deutlich zu hören.

Viel ist gesprochen, geschrieben, geschwärmt worden über das Gesangliche in Bruckners Sinfonik. Was liegt da näher, als seine Vokalmusik mit einer Sinfonie zusammenzubringen? Das Herz der Sechsten schlägt im Adagio: Violinen und Celli reichen einander die Kantilenen an, kontrastiert durch Anklänge an einen Trauermarsch.

Ganz gegen seine Gewohnheit hat der skrupulöse Bruckner an die Sechste Sinfonie nach der Fertigstellung nicht noch einmal Hand angelegt. Umso tragischer, dass sie zu seinen Lebzeiten nicht zur Gänze aufgeführt wurde. Erst drei Jahre nach seinem Tod brachte Gustav Mahler die vollständige Sinfonie zur Uraufführung.

Zu all den raffinierten Binnenbeziehungen tritt eine äußere: Hat doch das NDR Sinfonieorchester eine große Bruckner-Tradition, die es ganz besonders in den Jahren mit dem Chefdirigenten und großen Bruckner-Exegeten Günter Wand gepflegt hat. Die Zeiten ändern sich; Hengelbrock wird, wie es seine Art ist, einen gänzlich anderen Zugang zu der Musik finden. Doch liegt in diesem Programm auch eine Verneigung des neuen Chefs vor seinem Vorgänger. Was für eine schöne Geste.

Sinfonie und Messe 15.9., 20 Uhr, 18.9., 11 Uhr, Laeiszhalle. Im Abo buchbar in:

Reihe A 10 Konzerte am Sonntagmorgen

Reihe B 10 Konzerte am Donnerstagabend

Klassik nach Wahl 6 Konzerte nach Wahl

Weitere Abos:

Klassik für Einsteiger 3 Konzerte

Klassik am Sonntagmorgen 3 Konzerte

Karten, Abonnements und weitere Informationen unter T. 0180/178 79 80 oder www.ndrticketshop.de