Sind so viele Geiger

Das Festival präsentiert ein ganzes Kaleidoskop an Musikerpersönlichkeiten

Offiziell ist natürlich die Türkei das Schwerpunktthema des diesjährigen Schleswig-Holstein Musik Festivals. Doch auch wer ein Faible für exzellente Violinisten hat, kommt 2011 voll auf seine Kosten: Leonidas Kavakos, Anne-Sophie Mutter und Patricia Kopatchinskaja sind die bekanntesten Vertreter der Geigerzunft, die dieses Jahr als Solisten zu erleben sind.

Ray Chen, der neuste Stern am Geigenhimmel, wird auch zu hören sein. Und mit Linus Roth und Serge Zimmermann kommen ein jüngerer und ein ganz junger Violinist, die beide noch Geheimtippstatus haben.

Zwei gegensätzlichere Persönlichkeiten als Anne-Sophie Mutter und Patricia Kopatchinskaja sind wohl kaum denkbar. Hier die kühle, entrückte Geigengöttin, dort das barfüßige Enfant terrible. In der letzten Festivalwoche kann man sie in Kiel und Hamburg hören. Zusammen mit dem Pittsburgh Symphony unter Manfred Honeck wird die Mutter neben Felix Mendelssohn Bartholdys Konzertklassiker in e-Moll dann auch ein neues Werk von Wolfgang Rihm spielen. Nach dem Erfolg von "Gesungene Zeit", das Rihm 1991/92 für Mutter geschrieben hatte, komponierte er nun im Auftrag der Anne-Sophie-Mutter-Stiftung ein Werk mit dem schönen Titel "Lichtes Spiel. Ein Sommerstück für Violine und Orchester" (27.8. Hamburg).

Weniger ätherisch geht es bei der Kopatchinskaja zu. Tschaikowskys Violinkonzert könne man förmlich "stinken hören", hat der Kritikerpapst Eduard Hanslick mal behauptet. Was der snobistische Ästhetik-Professor für vulgär befand, waren Tschaikowskys leidenschaftlicher Tonfall und seine Vorliebe für Volksliedmelodien. Bei der temperamentvollen Moldawierin ist die hemmungslos emotionale Musik des Russen genau in den richtigen Händen. Zusammen mit dem Tschaikovsky Symphony Orchestra of Moscow unter der Leitung von Vladimir Fedoseyev spielt Kopatchinskaja am 22.8. in Kiel Musik von "Russischen Meistern"; außerdem auf dem Programm stehen Werke von Glasunow und Strawinsky.

Wenn so viel geballte Werbemacht hinter einem jungen Künstler steht wie bei dem australisch-taiwanesischen Geiger Ray Chen, weckt das bei erfahrenen Konzertgängern auch Skepsis. Denn Chen ist der neue Star des Musikriesen Sony/DEAG. Doch wer mit 20 Jahren schon den Concours Reine Elisabeth gewonnen hat, muss tatsächlich ein überragender Könner sein. Bei seinem Hamburg-Debüt im Kleinen Saal der Laeiszhalle im März jedenfalls überzeugte Chen die Rezensenten. Zusammen mit den Münchner Philharmonikern unter Herbert Blomstedt wird Chen nun am 24.7. im Großen Saal der Hamburger Laeiszhalle Max Bruchs Violinkonzert g-Moll spielen.

Auch der junge Serge Zimmermann wird wohl noch eine Weile gegen Skepsis zu kämpfen haben. Serge ist der Sohn von Frank Peter Zimmermann, und so muss der 18-jährige Youngster damit leben, dass man ihn an Papa misst. Dabei hat auch Zimmermann junior schon mit Orchestern wie dem Pittsburgh Symphony und Dirigenten wie Herbert Blomstedt und Manfred Honeck gearbeitet. Im Ahrensburger Marstall spielt Serge Zimmermann am 30.7. mit dem Pianisten Enrico Pace Sonaten von Ludwig van Beethoven und Robert Schumann sowie Maurice Ravels Zigeunerkracher "Tzigane".

Ohne Rückendeckung durch einen Musikmulti oder einen berühmten Vater kommt Linus Roth aus. Dafür legt seine Mentorin Anne-Sophie Mutter ihre kostbare Hand für den jungen Geiger ins Feuer. Sie bescheinigte ihrem Stipendiaten "musikalische Sensibilität und Virtuosität" und eine "offene, ausdrucksstarke Persönlichkeit". Mit dem Stuttgarter Kammerorchester unter Wolfram Christ wird Linus Roth am 22.7. in Wotersen Mozarts Konzert A-Dur KV 219 spielen.

Den Auftakt zum Geigerreigen beim Schleswig-Holstein Musik Festival macht Leonidas Kavakos. Beim Eröffnungskonzert am 9. und 10.7. in Lübeck spielt der Grieche mit dem NDR Sinfonieorchester unter Semyon Bychkov Beethovens Violinkonzert D-Dur. Wobei Kavakos bei diesem scheinbar allem Irdischen entrückten Werk betont für eine nüchterne Lesart wirbt: "Beethovens Konzert ist nun mal ein klassisches Stück, kein romantisches", so Kavakos' Credo.