Spitzenklöppler und Tausendsassa

Burhan Öcal webt fleißig im Netz der Kulturen

Burhan Öcal ist nicht nur einer der bekanntesten türkischen Musiker. Der 58-Jährige aus dem Grenzgebiet Thrakien ist eine Institution, die gleichermaßen auf der Bühne als Sänger, als Perkussionist und auf der Leinwand als Schauspieler zwischen den Genres und Kulturen changiert. Öcal ist der personifizierte Beweis dafür, dass viele verschiedene Einflüsse Leben und Kunst erst so richtig interessant machen. Bei zwei Konzerten mit dem NDR Pops Orchestra unter der Leitung von Kristjan Järvi kann sich das Publikum des SHMF selbst davon überzeugen.

Seine Mutter vermittelte dem Heranwachsenden einst die klassische türkische Musik. Der Vater gründet die erste Jazzband Istanbuls und betreibt außerdem ein Kino. Öcal kommt dort mit Roma in Kontakt, die als Gepäckträger und Hilfskräfte arbeiten - und mit deren Musik. Im Alter von 14 Jahren beginnt er mit dem Schlagzeugspiel. Ende der 70er-Jahre will er in die USA ziehen, in New York vom Big Apple des Jazz naschen, Jazzer werden, in Hollywood Karriere machen. Er kommt bis in die Schweiz. Dort bleibt er hängen, spielt mit dortigen Jazzern wie George Gruntz oder Pierre Favre, später mit Musikern aus aller Welt wie dem US-Bassisten Steve Swallow, mit Sting, dem Flamencogitarristen Paco de Lucía oder im Duo mit dem US-Klassikgitarristen Eliot Fisk. Öcal trommelt für die portugiesische Klassikpianistin Maria João Pires und setzt über zehn Jahre den sinfonischen Projekten des österreichischen Jazzpianisten Joe Zawinul osmanische Glanzlichter auf. Gerade Zawinul und dessen Globalmusik beeinflusst Öcal stark. Er belässt es nicht nur bei den traditionellen türkischen Perkussionsinstrumenten und dem westlichen Drumset. Er entdeckt die arabische Darbuka-Trommel, Saiteninstrumente wie Saz und Oud für sich, beginnt zu singen. Und als Spätfolge der cineastischen Prägung durch den Vater versucht sich der Musikersohn auch noch erfolgreich als Schauspieler in Kino- und Fernsehfilmen. Für den Spirituosenhersteller Hennessy wird er dazu das Werbeträgergesicht in den USA.

Nach über 20 Jahren in der Schweiz zieht Öcal zurück an den Bosporus. Schon zuvor hat er eine Vielzahl eigener Ensembles gegründet. Die ersten beiden Alben seines Istanbul Oriental Ensemble, "Gypsy Rum" and "Sultan's Secret Door", gewinnen in den 90ern jeweils den Preis der Deutschen Schallplattenkritik. Mit seiner Trakya All Star Band bringt Öcal in zehn Jahren 36 CDs heraus, jeweils einem Sultan gewidmet. Die Burhan Öçal Group spielt türkischen Funkjazz, auch Techno ist dem Tausendsassa nicht fremd. Den tunesischstämmigen DJ Smadj ließ er alte thrakische Tanzrhythmen aufmischen. So wie sein Heimatland zwischen Thessaloniki und Istanbul, zwischen Orient und Okzident liegt und von beiden Seiten beeinflusst wird, so versteht sich Öcal mittlerweile als eine Art Spinne im Netz der Kulturen, an dessen verschiedenen Fäden er nach Belieben zieht. "Für mich hat die Musik immer dazu gedient, mich selbst zu finden und meine Vergangenheit zu verstehen", schreibt er im Booklet seiner CD "Trakya Dance Party". "Ich entdecke etwas Universelles, wenn ich etwas mir zutiefst Bekanntes verwende."

Oriental Beat 19.8. Lübeck, 20.8. Hamburg