Einer hanseatischen Villa auf der Spur

Vor den Augen des Publikums erwecken Restauratoren das Landhaus Rücker zu neuem Leben

Neugierig schauen zwei 17-Jährige aus einer Schulklasse der Restauratorin über die Schultern. Hoch konzentriert fahndet sie auf einer Holzverzierung nach verborgenen Farbspuren. Nebenan untersucht eine Kollegin das Fragment einer historischen Tapete. "Das ist ein spannendes Thema, das unter Umständen sogar gefährlich werden kann", erklärt Restauratorin Silke Beiner-Büth, die das derzeit wohl interessanteste und ambitionierteste Projekt des Museums für Hamburgische Geschichte leitet.

Unter dem Titel "Wachgeküsst - die Wiederentdeckung eines hanseatischen Landhauses" bemühen sich Restauratoren und Historiker, vor den Augen der Ausstellungsbesucher eine bedeutende klassizistische Villa zu neuem Leben zu erwecken. Kaufmann Johann Hinrich Rücker hatte sich 1830 das stilvolle Landhaus an der Hammer Landstraße 238 erbauen lassen. Bevor es 1909 abgerissen wurde, fotografierten, zeichneten und dokumentierten Wissenschaftler des damals gerade im Aufbau begriffenen Museums für Hamburgische Geschichte die Räume. Otto Lauffer, der Gründungsdirektor des Museums, plante, die wichtigsten Räume im Museumsneubau am Holstenwall erstehen zu lassen. Dafür hatte er eigens eine Raumfolge nach den Grundrissen des Landhauses entwickeln lassen. Aber dazu kam es nicht, die eingelagerten Bauteile des Landhauses Rücker gerieten weitgehend in Vergessenheit.

Damit ist es nun vorbei, nach einem Jahrhundert Dornröschenschlaf entsteht das historische Gebäude in Teilen neu. "Wir untersuchen zunächst die erhaltenen Ausstattungsstücke, die Paneele, Supraporten, Stuckverzierungen oder Tapeten, vergleichen die Fragmente mit historischen Fotografien oder Zeichnungen und restaurieren die Objekte, die restaurierungsfähig sind", erklärt Silke Beiner-Büth, die gemeinsam mit ihren Kollegen darauf hofft, dass sich genügend Sponsoren finden, damit die Villa eines Tages doch noch in den ursprünglich vorgesehenen Räumen wiedererstehen kann.

"Und warum kann diese Arbeit gefährlich sein?", möchte einer der Gymnasiasten wissen. Beiner-Büth lächelt und erzählt, dass man im 19. Jahrhundert die Malfarbe "Schweinfurter Grün" aus Grünspan und Kupferarsenit hergestellt hat: "Diese Farbe kann extrem gesundheitsgefährdend sein, Napoleon ist sie möglicherweise zum Verhängnis geworden. Unter seinen Fingernägeln und Haaren fand man Arsenspuren. Das könnte darauf hindeuten, dass er an schleichender Arsenvergiftung gestorben ist, die er sich durch die grüne Wandfarbe seines Hauses auf St. Helena zugezogen hat."

Wachgeküsst. Eine öffentliche Restaurierungsausstellung im Museum für Hamburgische Geschichte, Holstenwall 24, Di-Sa 10-17, So 10-18 Uhr. Umfangreiches Begleitprogramm mit Führungen und Stadtrundgängen, Infos unter www.hamburgmuseum.de