Renault

Zoe soll Kleinwagenkäufer elektrisieren

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Thomas Geiger

In Zeiten der Krise präsentiert das französische Unternehmen Renault sein erstes strombetriebenes Auto, das man wirklich ernst nehmen kann.

Das Timing hätte kaum schlechter sein können. Als Renault gemeinsam mit der Schwester Nissan vor vier, fünf Jahren großspurig die elektrische Revolution ausgerufen hat, war die Autobranche buchstäblich elektrisiert und Konzernchef Carlos Ghosn gar nicht mehr zu halten. Bis zu 500.000 Stromer im Jahr hatte er damals für Renault und Nissan zum Ende des Jahrzehnts prophezeit. Doch mittlerweile ist die Euphorie der Ernüchterung gewichen. Bis heute sind insgesamt gerade einmal 20.000 elektrische Renault und 50.000 Nissan verkauft. Statt über reine Batteriefahrzeuge spricht alle Welt nur noch von Plug-in-Hybriden, und die Zulassungszahlen sind niedriger, als es selbst die Pessimisten erwartet haben.

Ausgerechnet in diese Stimmung platzen die Franzosen jetzt mit ihrem ersten Elektroauto, das man wirklich ernst nehmen kann. Denn nach dem verspielten, aber vielleicht gerade deshalb halbwegs erfolgreichen Stadtflitzer Twizy und den umgerüsteten Versionen von Kangoo und Fluence bringen sie im Juni den Zoe in den Handel. Erstmals konsequent um den Elektroantrieb herumentwickelt, mit einem halbwegs konkurrenzfähigen Preis und mit fast schon alltagstauglichen Werten für Tempo und Reichweite soll er Kleinwagenkäufer elektrisieren und wieder ein bisschen Spannung ins Geschäft mit den Akkuautos bringen.

Dabei setzt Renault neben einem fröhlichen und vergnüglichen Design vor allem auf einen überzeugenden Preis: Waren die ersten Stromer noch prohibitiv teuer, wurde so lange gespart und gerechnet, bis sie im besten Fall auf 21.700 Euro heruntergekommen sind. Das sind gut 12.000 Euro weniger als beim Nissan Leaf und nach Renaults Lesart nicht viel mehr, als man für ein vergleichbares Kompaktmodell mit Dieselmotor zahlen muss. Doch ist das nicht die ganze Wahrheit. Denn erstens ist der Zoe eben kein Kompakt-, sondern ein Kleinwagen, zweitens kostet der vergleichbare Clio mit 90-PS-Diesel rund 5500 Euro weniger, und drittens fehlt beim Zoe noch das wichtigste Bauteil: der Akku. Den muss man wie immer bei Renault zusätzlich leasen und zahlt dafür pro Jahr je nach Laufzeit und Fahrleistung noch einmal zwischen 948 und 1464 Euro. Danach allerdings ist der Zoe billiger als jedes andere Auto: Von der Steuer ist er für die ersten zehn Jahre befreit, die Wartungskosten sind durch den Wegfall von Auspuff, Ölwechsel und Co. um 20 Prozent geringer, und einmal Volltanken kostet weniger als sechs Euro. Außerdem ist im Kaufpreis schon die Wallbox zum Schnellladen in der heimatlichen Garage inbegriffen. Ohne die geht es allerdings auch nicht. Denn unverständlicherweise kann man den Zoe als aktuell einziges Elektroauto nicht an einer konventionellen Steckdose laden. Wer keine eigene Garage hat, fällt bei Renault schon von vornherein durch das Raster der kompatiblen Kunden.

In Fahrt bringt den Zoe ein Elektromotor, der 88 PS leistet. Weil der Stromer ein maximales Drehmoment von 220 Nm hat, reicht das für ein angenehm flottes Fahrgefühl. Bis Tempo 100 vergehen zwar 13,5 Sekunden, und bei 135 km/h schieben ihm die Franzosen mit Rücksicht auf die Reichweite schon wieder einen Riegel vor. Doch in der Stadt wirkt der charmant gezeichnete Clio-Cousin damit richtig spritzig und lässt beim Ampelspurt viele andere Kleinwagen stehen. Immerhin ist er in nur vier Sekunden auf 60 Sachen. So modern die Antriebstechnik und das Infotainmentkonzept sein mögen, so rückständig ist das Interieur des Autos: Schön gedacht, aber schlecht gemacht - dieser Eindruck bleibt nach der ersten Testfahrt hängen. Denn das Cockpit mit dem stromsparenden TFT-Monitor hinter dem Lenkrad und der weißen Mittelkonsole sieht zwar aus wie von Apple, fühlt sich aber an, als käme es vom Discounter. Die harten Kunststoffe sind billig und lieblos, die Bezüge wirken fast schon fadenscheinig, die Rückbank ist wie zuletzt in den 80ern nicht mehr geteilt, sondern nur im Ganzen umklappbar, und der Dachhimmel mit dem Leiterplattensignet sieht beinahe albern aus.

Auch wenn Renault hart kämpfen musste, um den Preis so weit zu drücken, sind die Franzosen da über das Ziel hinausgeschossen. Denn auch Ökos wissen sehr wohl ein wenig Luxus zu schätzen.

Tadellos sind dagegen Platzangebot und Raumgefühl in dem Kleinwagen: Mit den Akkus im Wagenboden und dem vergleichsweise kleinen Motor vorn unter der Haube bleibt auch bei kaum mehr als vier Meter Länge innen genügend Platz für vier Erwachsene und im Heck reichlich Raum fürs Gepäck - selbst wenn das Ladekabel in seiner Transporttasche fast so viel Platz wegnimmt wie eine Getränkekiste.

Auch das Fahrverhalten ist so, wie man es von einem Stadtflitzer erwartet - wenngleich die stolzen 1,6 Tonnen Leergewicht sich natürlich in Kurven und beim Federn bemerkbar machen. Aber trotzdem ist der Zoe sehr wendig.

Selbst der Blick auf den Monitor mit dem aufwendig inszenierten Bordcomputer ruft einem das nicht sofort wieder in Erinnerung. Denn die auffälligste Erkenntnis bei der Testfahrt mit dem Zoe ist die große Unbekümmertheit, mit der man den Wagen bewegt: Hat man beim Konzernbruder Nissan Leaf oder beim Smart ed anfangs noch ebenso gebannt wie ängstlich nach der Reichweite geschielt, fährt man den Zoe vergleichsweise sorglos. Die 210 Kilometer Aktionsradius, die von den Franzosen für den sparsamsten Modus versprochen werden, kann man zwar getrost vergessen (bei unserer Testfahrt hat der Monitor selbst bei vollem Akku nie mehr als 150 Kilometer ausgewiesen). Aber drei Stunden in der Stadt und auf dem Autobahnring haben uns nie auch nur annähernd in die Bredouille gebracht. Selbst nach einer ausgedehnten Citytour genügte der Strom in den 22 kWh großen Akkus noch für mehr als 60 Kilometer. Und weil der Zoe vier Lademodi programmiert hat, reicht im besten Fall ein kurzes Mittagessen an einer Schnellladestation schon zum Volltanken.

Wer die Angst vor dem Ende der Reichweite trotzdem nicht ablegen kann, der wird von den Franzosen liebevoll umsorgt. Dafür haben sie nicht nur ein besonders aufwendiges Navigationssystem mit allen öffentlichen Ladesäulen programmiert, sondern auch ein Beruhigungsprogramm eingebaut: Auf Knopfdruck klingt der Zoe so entspannend wie die Meditationsmusik im Zen-Kloster, und aus der Klimaanlage duftet ein eigens komponiertes Parfüm: "Calming" - Beruhigung.

(Die Reise zur Präsentation des Zoe wurde unterstützt von Renault.)