Ungewöhnliche Anhänger

Er macht am liebsten halbe Sachen

Foto: dpa

Bei Jürgen Nachbar kommen alte Wagen nicht auf den Schrott, sondern unter die Säge - und leben als Anhänger weiter

Wenn Jürgen Nachbar mit halben Sachen über die Autobahn braust, klicken die Fotohandys. Auch die Polizei hat ihn schon mal angehalten - allerdings nicht, um ihn zu überprüfen. Die Beamten wollten einfach nur einen Schnappschuss von seinem Gefährt machen: ein Auto und dahinter noch mal ein halbes. "Von hinten sieht es aus, wie ein ganz normales Auto. Doch wenn die Leute mich überholen, schnallen sie das und zücken ihr Handy", erzählt der Kfz-Mechaniker aus Achim, einem Ort südöstlich von Bremen.

Seit vier Jahren bastelt er aus schrottreifen Wagen Anhänger, indem er diese in der Mitte durchschneidet. Der vordere Teil kommt in die Presse, der hintere darf weiter über die Straßen rollen. Dank der Abwrackprämie sind die Schrottplätze eine Fundgrube für Nachbar. "Das habe ich teilweise nicht verstanden, dass die so schöne Wagen abwracken." Manchmal bringen ihm Leute auch ihre alten Schätze vorbei, von denen sie sich nicht trennen möchten. So bekommen sie zumindest eine Hälfte wieder zurück. Auf einem Treffen von VW-Liebhabern entdeckte Nachbar vor Jahren einen durchgeschnittenen Käfer, den ein Bastler in einen Anhänger verwandelt hatte. "Da habe ich mir gedacht, was die können, kann ich auch."

Bei seinem ersten Stück musste er noch etwas länger tüfteln, bis er den Dreh raushatte. Vor allem das Zugrohr erwies sich als kniffelig. "Die Statik muss passen, damit man den Anhänger unterwegs nicht verliert." Mit der Zeit ist der 50-Jährige immer routinierter geworden. Denn was als Hobby begann, ist längst sein Geschäft. Aus ganz Deutschland erhält der Self-Made-Experte Aufträge. Auch nach Dänemark, Frankreich und in die Niederlande gingen schon Exemplare. Denn dass ein Händler solche Umbauten anbietet, ist dem Zentralverband Deutsches Kraftfahrzeuggewerbe zufolge eher selten. Meistens machen sich Bastler die Mühe nur für ihr eigenes Modell. Gerade hat Nachbar seinen 48. Hänger fertiggestellt. Und der nächste Kandidat wartet bereits im Hof: ein silberner Mercedes, natürlich zerteilt. Dafür verwendet Nachbar eine spezielle Säge. Anschließend muss er die elektrischen Leitungen wieder verbinden. Denn später sollen sich nicht nur Türen und Kofferraumklappe öffnen, auch die elektrischen Fensterheber müssen funktionieren. "Das ist ja der Gag, dass alles aufgeht." Etwa zwei Wochen braucht er für den kompletten Umbau. Vom Trabbi bis zum Volvo-Combi - möglich ist eigentlich alles. Nur schwerer als 750 Kilogramm dürfen die Anhänger nicht sein, sonst gibt es keine Zulassung.

Nachbars außergewöhnlichstes Modell war bislang ein Strandkorb-Anhänger aus einem halben Golf-Cabrio: mit Sitzen, einem kleinen Klapptisch und dem Verdeck als Schutz gegen die Sonne. Die Strandkorb-Miete kann sich der Besitzer seitdem sparen. "Er lässt sein Auto auf dem Parkplatz und schiebt den Anhänger an den Strand", berichtet Nachbar. Für den Sommer hätte der Mechaniker selbst gerne so einen. Das Cabrio dafür steht schon in seiner Garage. "Mal schauen, ob ich dazu komme." Die vordere Hälfte müsste diesmal auch nicht auf den Schrott. Denn Nachbar hat schon eine Idee im Kopf. Er möchte aus einem Vorderteil einen fahrbaren Grill bauen - und könnte dann mit Würstchen frisch von der Kühlerhaube beeindrucken.

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