Pemöllers PS

Gedankenspiele am Schlagloch

Foto: Michael Rauhe

Eine Glosse von Daniela Pemöller

Positives Denken ist gerade in. So wie Bio-Produkte, die Grünen oder die Mode der 80er-Jahre. Nun muss man nicht jeden Trend mitmachen. Den Fehltritt der Modebranche, ausgerechnet das Jahrzehnt des schlechten Geschmacks wieder aufleben zu lassen, kann wohl jeder getrost an sich vorbeiziehen lassen. Positives Denken hingegen, das ist ein anderer Schnack.

Als ich neulich wieder durch Hamburgs Straßen holperte, auf eines dieser kantigen Souvenirs von Väterchen Frost stieß (meine Favoriten finden sich auf der Königstraße, der Ebertallee und dem Stellinger Weg) und dabei rüde aus meinen Tagträumen gerissen wurde, musste ich daran denken. Vielleicht nicht gleich. Mein erster Gedanke ging nach Albanien, wo ich zu Zeiten des Kosovo-Krieges unterwegs war und ähnliche Straßenverhältnisse erlebte. Zugegeben, der Durchmesser der Asphaltkrater im Armenhaus Europas war ein wenig üppiger. Aber von der Schlagkraft her können die Hamburger Löcher durchaus mithalten.

Die Wut darüber, dass die Stoßdämpfer meiner Amazone (meines Volvos) auch in diesem wirtschaftlich wieder florierenden Land arg gebeutelt werden, übermannte mich. Ich wünschte mir russische Verhältnisse. Einst hatte ich gelesen, dass der Politiker Boris Nemzow, Ex-Gouverneur der Provinz Nowgorod, den Bau einer Straße gerne persönlich abnahm. Mit seinen eigenen Bewertungskriterien. Der von der russischen Presse als "russischer Belmondo" bezeichnete Ex-Vizeministerpräsident schenkte sich ein Glas Wodka ein - randvoll - und stellte es auf die Motorhaube seines Wagens. Dann fuhr er los. War das Glas nach der Probefahrt leer, hatte das Konsequenzen. Liebe Senatorin Anja Hajduk, wäre das nicht ein wunderbares Prüfverfahren auch für Hamburgs Straßen? Der Wodka könnte von mir aus gegen Wasser von Viva con Agua getauscht und somit gleich zwei gute Taten vollbracht werden.

Als ich abends die Nachrichten einschaltete, wünschte ich sie mir nicht mehr, die russischen Verhältnisse. Von einem Journalisten war da die Rede, der kritisch über den Bau einer Straße berichtet hatte und dafür ins Koma geprügelt wurde. Auch das sind russische Verhältnisse.

Vielleicht, so mein Einsehen, sind die Schlaglöcher in Hamburg doch nicht so dramatisch. Positiver kann man nicht denken, oder?