Car2go

Der Praxistest: Wann lohnt sich Carsharing?

Lesedauer: 8 Minuten
René Soukup

Anbieter Car2go lockt in Hamburg mit minutengenauer Abrechnung und Gratisparken. Die Fahrt kann trotzdem teuer werden.

Hamburg. Beim Blick auf die Tankquittung kommen Pkw-Besitzern derzeit die Tränen. 1,65 Euro für den Liter Superbenzin waren diese Woche in Deutschland der Normalzustand. Autofahren ist ein teures Vergnügen. Denn hinzu kommen Versicherung, Kfz-Steuer, Inspektion und Reparaturen. Die Stiftung Warentest errechnete jüngst, dass selbst der Kauf eines fünf Jahre alten Kleinwagens für 5000 Euro bei einer jährlichen Fahrleistung von 5000 Kilometern den Besitzer immer noch 200 Euro pro Monat kostet. Und das ist schon die Spar-Variante.

Einige Großstädter steigen auf öffentliche Verkehrsmittel um, andere nutzen das Fahrrad - aber eben nicht jeder. Das Zauberwort heißt Carsharing, so preisen es zumindest die Anbieter an. Das Prinzip: Viele Menschen teilen sich ein Auto. Es wird nur das gezahlt, was gefahren wird. Ist dieses Modell zukunftsweisend? Und für wen lohnt es sich überhaupt? Das Hamburger Abendblatt machte den Praxistest mit dem Anbieter Car2go, der in Hamburg 300 Smart vermietet - vom Registrieren bis hin zum Abfahren verschiedener Strecken samt Kostenaufstellung.

Wie kann ich mich anmelden?

Die Registrierung erfolgt ausschließlich online (www.car2gohamburg.de). Ein entsprechendes Siegel zum Öffnen des Wagens erhalten Kunden in einer der acht Registrierungsstellen in Hamburg. Ich wähle den Car2go-Shop am Jungfernstieg. Hier erwarten mich zwei kompetente Mitarbeiter. Sie überprüfen die Daten, Kunden müssen dafür ihren Führerschein vorzeigen. Stimmt alles, wird eine blaue Marke auf die Fahrerlaubnis geklebt - mein Zugang zum Auto. Nach 18 Minuten verlasse ich den Shop.

Das kostet Autofahren mit Car2go

Jeder Kunde zahlt eine einmalige Registrierungsgebühr von 29 Euro. Das Fahren kostet pro Minute 29 Cent, dazu kommen 29 Cent Kilometergeld ab dem 21. Kilometer - die ersten 20 sind für den Neukunden umsonst. Wer das Auto parkt, die Miete aber nicht beendet, ist mit neun Cent pro Minute dabei. Die Stunde kostet 12,90 Euro, der Tagessatz liegt bei 39 Euro (beides plus der gefahrenen Kilometer). Im Preis enthalten sind Benzin, Steuern, eine Vollkaskoversicherung mit 500 Euro Selbstbeteiligung und die Parkgebühren im Geschäftsgebiet auf allen öffentlichen Parkplätzen und in ausgewählten Parkhäusern.

Wie finde ich einen Pkw?

Ich benutze das iPhone, lade mir die kostenlose App des Anbieters herunter. Dort kann ich sehen, in welchen Straßen die Autos stehen. Sofort wird mein Standort lokalisiert, Sekunden später weiß ich: Der nächste Smart steht in nur 285 Meter Entfernung. Dort angekommen, halte ich meinen Führerschein mit dem blauen Siegel an die Windschutzscheibe, da sich dahinter das Lesegerät verbirgt. Es macht klick - und kurz darauf sitze ich hinterm Steuer des Smart.

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Was das Auto bietet

Der erste Eindruck ist in Ordnung. Radio und Navigationsgerät sind vorhanden, CD-Spieler und Kindersitz nicht. Um zu starten, muss eine vierstellige PIN-Nummer eingegeben werden. Doch bevor ich losfahre, erscheinen auf dem Display noch zwei Fragen: Gibt es Schäden am Wagen und ist das Fahrzeug sauber? Schalten muss ich beim Fahren nicht, denn der Smart (Modell Fortwo mhd, 60 PS, 2,69 Meter lang und mit einem Verbrauch von 4,5 Litern auf 100 Kilometern) verfügt über ein halb automatisches Getriebe. Auf den ersten Metern stelle ich mit Erstaunen fest, wie schnell die Bremsen auf einen geringen Pedaldruck reagieren. Also aufpassen, der Wagen kommt zügig zum Stillstand.

Die Fahrt im Feierabendverkehr

Es ist 17.45 Uhr, ich starte am Gänsemarkt, will in die Habichtstraße nach Barmbek-Nord. Die Route führt mich um die Alster. Der Verkehr wird dichter, so mal eben durchflutschen geht nicht. Nach 20 Minuten und 7,3 Kilometern bin ich am Ziel - macht 8,12 Euro. Zum Vergleich: Mit der U-Bahn benötigt man nur 18 Minuten. Das Ticket kostet 2,85 Euro. Es geht zurück. Ich fahre ein paar Umwege und komme über den Mittelweg, das Navi zeigt die Route zum Verlag Axel Springer an - und zwar mitten durch die Baustelle am Dammtor. Für Ortskundige kein Problem, doch der Tourist kann sich jetzt leicht verirren.

Später bin ich in Alsterdorf bei einem Freund, es ist 22.15 Uhr. Die Wohnung liegt fünf Minuten Fußweg von der U-Bahn entfernt. Wir wollen ins Schanzenviertel auf ein Bier bzw. ein nichtalkoholisches Getränk, denn bei Car2go gilt die 0,0-Promille-Grenze für den Fahrer. Laut App benötigen wir nur zweieinhalb Minuten bis zum nächsten freien Smart - stimmt. Also einsteigen. Nach 13 Minuten sind wir da, kriegen einen Parkplatz vor der Tür. Schneller geht es auch mit der U-Bahn nicht. Zwei Stunden später fahren wir zurück - mit demselben Wagen, den wir freigegeben hatten. Und in der gleichen Zeit.

Morgens City, nachmittags Umland

Tag zwei, ich starte wieder von Alsterdorf aus, Ziel ist der Valentinskamp in der City. Mit der U-Bahn sind es exakt 15 Minuten plus fünf Minuten Fußweg. Den Pkw habe ich binnen fünf Minuten gefunden, dann aber wird es schrecklich. Die Straßen sind heute verstopft, teilweise geht es nur im Schritttempo voran. Für die 8,5 Kilometer benötige ich 31 Minuten. Macht 11,60 Euro - ein teures Vergnügen und jede Menge Stress. Zum Glück ist das nicht jeden Tag der Fall.

Am Nachmittag geht es nach Oststeinbek (Kreis Stormarn). Mein Sohn wartet in der Kita auf mich. Eine Fahrstrecke beträgt 17 Kilometer, nach 22 Minuten ist das Ziel erreicht. Das Auto lässt sich jetzt nicht abmelden, da sich der Ort außerhalb des Geschäftsgebiets befindet. Während ich das Kind hole (13 Minuten), wird weiter gezahlt - neun Cent pro Minute. Schnell den Kleinen zur Oma fahren und dann wieder zurück in die City. Unterwegs noch einmal rasch an die Zapfsäule, die Tankkarte steckt im Armaturenbrett. Wenige Minuten später ist der Gänsemarkt erreicht. Kosten für die Fahrt ins Hamburger Randgebiet samt Rückweg: 24 Euro und ein paar Cent.

Modell nicht für jedermann

Für Bewohner des Hamburger Umlands kommt das Modell aufgrund des kleinen Geschäftsgebiets (siehe Karte unten) nicht infrage, weil dort keine Autos stehen. Gleiches trifft auf die Hamburger Bürger südlich der Elbe zu. Wem ein eigener Pkw zu teuer ist, für den kann Carsharing unter bestimmten Bedingungen günstiger sein. Er sollte nur drei- bis viermal die Woche ausschließlich im Geschäftsgebiet wenige Kilometer fahren, auf zeitintensive Ausflüge ins Umland verzichten.

Für spätes City-Hopping eignet sich Carsharing durchaus. Die Straßen sind leer, alles geht schnell. Wenn es um Arbeitswege (Morgen- und Feierabendverkehr) innerhalb des Geschäftsgebiets geht, siegt die U-Bahn. Sie ist günstiger und mitunter schneller am Ziel. Für Kurzstrecken (ein Weg) ist auch das Taxi oftmals die bessere Alternative.

Ein Manko bei Car2go: Der Flughafen hat zwar eine Registrierungsstelle, liegt aber außerhalb des Geschäftsgebiets. Autos sind dort nicht vorhanden.

Carsharing-Anbieter in Hamburg: Neben Car2go zum Beispiel Cambio Hamburg ( www.cambio-CarSharing.de/hamburg ), Greenwheels ( www.greenwheels.com ) oder Flinkster ( www.flinkster.de ).