Flunder im Fliegengewicht

Komfort sucht man beim aufgefrischten Lotus Elise vergebens. Dafür bietet der Zweisitzer maximalen Fahrspaß

Automobiler Minimalismus hat bei Lotus eine lange Tradition. So gibt der Roadster Elise seit vielen Jahren das leichte Mädchen, von dem sich viele andere Sportwagen noch ein paar Diät-Lektionen abschauen können. Immerhin wiegt der Zweisitzer dank Alurahmen und Kunststoffkarosse keine 900 Kilogramm und ist deshalb schon mit kleiner Leistung bereit für große Taten. Das beweisen die Briten einmal mehr mit der jüngsten Modellpflege, die den mittlerweile 14 Jahre alten Sportwagen (der auch Basis für den Opel Speedster und das US-Elektroauto Tesla bildet)fit für die Zielgerade machen soll.

Neben einem retuschierten Design und neuen Scheinwerfern hält dabei im Heck auch ein neuer 1,6-Liter-Motor Einzug, für den Lotus auf 0,2 Liter Hubraum und jede Menge Leistung verzichtet: 136 PS - das muss im neuen Basismodell fürs Erste reichen. Zwar ist die Elise damit schwächer als viele VW Golf, doch auf der Straße beweist der eilige Brite eindrucksvoll, dass weniger tatsächlich mehr ist. Weil die Flunder im Fliegengewicht kämpft und obendrein so wunderbar direkt und ungefiltert ist, wirkt sie aggressiver und agiler als jeder Porsche Boxster.

Während der Motor laut aufbrüllt, schleudert er den Roadster förmlich nach vorn: In 6,5 Sekunden steht der Tacho bei 100, und dass schon bei 204 km/h Schluss ist, will man kaum glauben - so schnell fühlt es sich an. Obwohl der Motor also jede Menge zu tun hat, gibt er sich an der Tankstelle fast schon bescheiden: Ein Normverbrauch von 6,3 Litern ist für einen echten Sportler keine schlechte Ansage. Wirklich genießen kann man das Rendezvous mit der Elise allerdings nur bei gutem Wetter. Denn erstens fehlt dem Sportler nach wie vor das ESP, das die Fehler des Fahrers ausbügeln könnte. Und zweitens ist der Roadster mit geschlossenem Verdeck allenfalls für Schlangenmenschen geeignet. Fahrer und Beifahrer müssen sich durch die schmale Lücke fädeln, die zwischen dem hohen Schweller und dem flachen Dach noch bleibt. Und das Aussteigen gerät erst recht zum turnerischen Experiment.

Also lieber noch eine Runde drehen. Schließlich ist das knapp vier Meter lange und kaum hüfthohe Auto eine Fahrmaschine mit hohem Suchtpotenzial: Kaum ist der Startknopf gedrückt, gibt es kein Entrinnen mehr. Die Füße fliegen über drei schlanke Pedale, und die Augen halten Ausschau nach den nächsten Kurven, die im Lotus mehr Spaß machen als in der Achterbahn. Dafür sorgt auch die tiefe Sitzposition, die einen direkteren Fahrbahnkontakt vermittelt als in jedem anderen Serienmodell. Die Lenkung reagiert frei von jeder Servounterstützung auf den kleinsten Fingerzeig, die Bremsen beißen fest zu.

Weil der Purismus auch für das Interieur gilt, sucht man moderne Annehmlichkeiten vergebens. Nur gegen Aufpreis gibt es Radio, Klimaanlage und ein paar ziemlich überflüssige Elektromotoren etwa für die Fenster. Ein Handschuhfach fehlt, und statt des Cupholders liefern die Briten ein Alukörbchen, in dem Lederriemen die Dosen halten. Selbst wenn dort ständig ein Energy-Drink bereit steht, steigt man aus der Elise aus, als käme man erschöpft aus einem Fitness-Studio. Und trotzdem oder vielleicht gerade deshalb macht der Exot von der Insel einfach einen Riesenspaß - wahrscheinlich sogar mehr, als man sonst für Geld kaufen kann. Schließlich beginnt die Preisliste bei 37 449 Euro. Deutlich weniger, als die Schwaben für ihren vergleichsweise handzahmen Boxster verlangen.