Pemöllers PS

Wagemut und der alte Affe Angst

Foto: Michael Rauhe

Hamburg. Irgendwie fühle ich mich zurzeit ein bisschen wie ein mattschwarz lackierter Citroën 2CV. Mein Herz schlägt so melancholisch und rastlos. Ich weiß nicht, ob es an den Tonnen Schnee liegt, die seit Wochen von Hamburgs Himmel fallen. Oder an dieser eisigen Miniaturlandschaft von Titanic-Bergen, die sich vor gleich grauer Kulisse stetig wachsend am Elbufer und in unseren beschaulichen Nebenstraßen türmen. Wahrscheinlich aber liegt es an meinen beiden Freunden Kay und Bernd. In zwei Tagen brechen sie zu einem Abenteuer auf, um das ich sie beneide. Sie fahren zur WM nach Südafrika. 18 500 Kilometer. Vom Kiez zum Kap. Einfach so. Weil sie sich das vorgenommen haben. Eine Schnapsidee, geboren im Clubheim vom FC St. Pauli. Schnell war ein Bulli für 5600 Euro ersteigert. Für fast das gleiche Geld wurde der T3-Synchro von 1992 wüstentauglich gemacht. Selbst den Job waren sie bereit zu kündigen für ihren Traum.

Ich frage mich, wann ich das letzte Mal so aufs Ganze gegangen bin. Einfach so. Wir reden hier nicht von den kleinen Träumchen, wie dem schönen aber viel zu teuren Designerkleid. Hier geht es um die großen Dinge. Um Träume von der Art, die Angst machen. Die gern Kopfschütteln auslösen und Sätze, die das Wort "Spinner" beinhalten. Jeder kennt diese Träume. Die meisten von uns haben sie auf dem Acker des Alltags viel zu tief vergraben. Mit dem Motorrad durch Südamerika. Mit dem Segelboot um die Welt. Wir machen es nicht, der alte Affe Angst hält uns ab. Angst, den Job zu verlieren. Angst vor dem Ungewissen. Lieber buchen wir den Pauschalurlaub und gucken uns sicher vom Sofa aus Sendungen wie "Die Auswanderer" an. Wenn die Mutigen blank und bedrückt heimkehren, fühlen wir uns bestätigt:

Siehste, klappt eh nicht. Mein letzter, großer Traum hieß Amazon und wurde auch im Rausch geboren. Zwei Freunde, ein Testwagen und eine Nacht-und-Nebel-Aktion nach Schweden reichten aus, um ihn zu erfüllen. Meine Familie hielt mich für bekloppt. Ich aber halte mich noch heute an den Helden meiner Kindheit, Mark Twain, und sage: Trenne dich nie von deinen Illusionen und Träumen. Wenn sie verschwunden sind, wirst Du weiter existieren, aber aufgehört haben, zu leben. Bernd, Kay, wir sehen uns in Mozambique.