Pandemie

Warum viele Corona-Patienten verwirrt und vergesslich sind

Videografik: So wird eine Corona-Infektion festgestellt

Es gibt zwei wichtige Verfahren, um eine Coronavirus-Infektion festzustellen. Bei einem Molekulartest wird in Speichelproben nach Erbgut des Erregers gesucht. Bei einem serologischen Test können im Blut von Patienten Antikörper gegen das Virus Sars-CoV-2 nachgewiesen werden.

Beschreibung anzeigen

Vier von fünf Patienten klagen über neurologische Ausfallerscheinungen. Einige Antikörper im Blut könnten fehlgeleitet sein.

Berlin. Sehr viele Corona-Patienten haben neurologische Ausfallerscheinungen. Sie können sich schlecht erinnern, riechen und schmecken nicht mehr, bekommen epileptische Anfälle oder sind verwirrt. Mediziner des Deutschen Zentrums für neurodegenerative Erkrankungen und der Berliner Charité haben dafür eine mögliche Ursache entdeckt. Einige Antikörper im Blut der Patienten könnten fehlgeleitet sein. Sie binden sich an Hirn und Nervensystem. Die Studie ist in der Fachzeitschrift „Cell“ veröffentlicht.

Eine Untersuchung aus Chicago hat die Häufigkeit neurologischer Beschwerden im Zusammenhang mit Covid-19 aufgelistet: Demnach klagte darüber zu Beginn der Erkrankung fast die Hälfte der Patienten. Bei den Patienten, die wegen Covid-19 in ein Krankenhaus aufgenommen werden mussten, waren es sogar fast zwei Drittel (62,7 Prozent). Und noch einmal höher war der Anteil der Patienten, die insgesamt im Verlauf der Erkrankung neurologische Beschwerden hatten. Das waren den Angaben zufolge 82,3 Prozent, also vier von fünf Patienten. Lesen Sie dazu auch: Corona-Spätfolgen: Was das Virus im Körper anrichtet

Corona greift Gehirn und Nervensystem besonders an

„Wir haben in den vergangenen Monaten gelernt, dass das neuartige Coronavirus verschiedene Organe angreift, und dabei in einem besonderen Maße das Gehirn und Nervensystem“, sagt DGN-Generalsekretär Prof. Peter Berlit. Eine Antikörper-Studie von Wissenschaftlern um Neurologe Prof. Harald Prüß von der Berliner Charité liefere dafür einen plausiblen Erklärungsansatz.

Aufgesetzt wurde die Studie ursprünglich mit dem Ziel, eine passive Impfung gegen Covid-19 zu entwickeln. Das heißt: Bei der Behandlung von Erkrankten sollten im Labor hergestellte, schützende Antikörper per Infusion zum Einsatz kommen. 40 stark neutralisierende Antikörper waren zuvor identifiziert und weiter analysiert worden. In Tierversuchen mit Hamstern – die wie Menschen anfällig für Sars-CoV-2 sind – konnten einige dieser Antikörper die neuartige Lungenerkrankung bei früher Gabe nahezu vollständig verhindern. Ein wichtiger Meilenstein auf dem Weg zu einer passiven Immunisierung beim Menschen - so schien es jedenfalls. Lesen Sie dazu auch: US-Präsident Trump bekam Antikörpermittel

Doch dann fanden die Forscher bei genauerer Charakterisierung der Sars-CoV-2-Antikörper auch heraus, dass es sich bei vielen um sogenannte Keimbahn-nahe Antikörper handelt. Erneut in Tierversuchen zeigte die Arbeitsgruppe dann, dass manche dieser Antikörper mit Eigenantigenen verschiedener Organe reagieren, unter anderem mit Hirngewebe. „Hier könnte also ein Schlüssel für den Zusammenhang von Covid-19 und neurologischen Symptomen sowie Begleit- und Folgeerkrankungen liegen“, erklärt die DGN.

"Sicherheitsbedenken": Versuche mit Antikörper-Cocktail gestoppt
Sicherheitsbedenken - Versuche mit Antikörper-Cocktail gestoppt

Wichtig für das Vermeiden von Komplikationen bei Impfungen

„Als nächstes müssen wir klären, gegen welche körpereigenen Eiweiße sich die Sars-CoV-2-Antikörper genau richten“, erklärt Studienautor Prüß. Insbesondere in Bezug auf die Spätfolgen von Covid-19, aber auch im Hinblick auf vermeidbare Komplikationen zukünftiger Impfungen, sei eine mögliche Kreuzreaktivität mit körpereigenen Strukturen von großer Bedeutung. Das müsse unbedingt weiter untersucht werden, so Prüß.

Gestützt werden die Ergebnisse dieser Studie von Ergebnissen einer anderen Studie aus den USA, die noch auf eine Begutachtung von Fachkolleginnen und -kollegen wartet. Auch in dieser Untersuchung beschreiben Wissenschaftler vom Lowance Center für Human Immunology der Emroy Universitäg (Atlanta, USA) unter Leitung von Ignacio Sanz, dass Covid-19-Patienten mitunter Antikörper entwickeln, die sich gegen den eigenen Körper richten. Ein „alarmierenden Befund“, heißt es dort.

Womöglich ein Grund für die Schwere von Erkrankungen

Untersucht wurde das Blut von 52 Patienten, die schwer an Covid erkrankten und auf der Intensivstation lagen. Keiner von ihnen hatte den Angaben zufolge eine Vorgeschichte mit Autoimmunerkrankungen. Mit Krankheiten also, bei denen sich das Abwehrsystem des Menschen gegen den eigenen Körper richtet. Während der Infektion vom Sars-Cov-2 aber entwickelten den Angaben zufolge mehr als die Hälfte von ihnen plötzlich die dafür signifikanten Antikörper. Und mehr als zwei Drittel der Erkrankten produzierten Antikörper, die das eigene Gewebe angriffen.

„Es ist zwar möglich, dass diese Autoantikörper gutartig oder sogar auf noch nicht identifizierte Weise hilfreich sind, aber es ist auch möglich, dass dies nicht der Fall ist. Möglicherweise tragen diese selbstgesteuerten Antikörperreaktionen tatsächlich zur Schwere der Erkrankung bei und erklären das verzögerte Auftreten schwerer Symptome bei einigen Patienten, die mit der Antikörperproduktion korrelieren können“, sagt Matthew Woodruff, Mitglied der Forschergruppe. Hier brauche es dringend weitere Forschungen.

Studie aus England: Covid-19 kann den IQ senken

Besorgniserregend lesen sich auch die Ergebnisse einer Studie, die am Imperial College in London erarbeitet wurde. Die Arbeit, die in einer Preprint-Version erschienen ist und noch nicht umfangreich begutachtet wurde, enthält die Auswertung von mehr als 84.000 Covid-19-Patienten. Erkenntnis der Forscher: Eine Infektion mit dem Coronavirus kann ernsthafte kognitive Einschränkungen nach sich ziehen. Es habe beobachtet werden können, dass viele Patienten nach der Infektion einen deutlich niedrigeren IQ aufweisen konnten als zuvor.