Corona-Pandemie

So beeinflussten Kälte und Regen die Spanische Grippe

Lesedauer: 7 Minuten

Wie die Spanische Grippe in Bisbee wütete

Wie die Spanische Grippe in Bisbee wütete

Vor rund hundert Jahren wütete die Spanische Grippe in der Bergbaustadt Bisbee im US-Bundesstaat Arizona. Damals dachte niemand daran, deshalb zu Hause zu bleiben. Heute fehlt es der Stadt an Touristen - wegen der Coronavirus-Pandemie.

Beschreibung anzeigen

Herbst 1918: Die Spanische Grippe erlebte die stärkste Welle. Forscher untersuchten, was wir daraus für das Coronavirus lernen können.

Berlin. Virologen, Gesundheitsexpertinnen, Politiker und Bürgerinnen, allen stellen sich derzeit die Frage: Welchen Verlauf nimmt die Corona-Pandemie jetzt, wenn der Herbst beginnt? Wenn die Temperaturen schrittweise fallen, häufiger mit Niederschlägen zu rechnen ist – und somit die Menschen mehr Zeit in geschlossenen Räumen verbringen werden.

Einer von mehreren möglichen Ansätzen ist es, auf die Geschichte zu blicken. Um genau zu sein: 102 Jahre zurück. Im Sommer und Herbst 1918 hatte die Welt ebenfalls mit einer Pandemie zu kämpfen: mit der Spanischen Grippe.

Für heutige Wissenschaftler ist es daher interessant zu untersuchen, welchen Verlauf die verheerende Spanische Grippe im Sommer 1918 und im anschließenden Herbst nahm – um so mögliche Rückschlüsse auf die aktuelle Pandemie ziehen zu können.

Welche Rolle spielte das Klima 1918 bei der Spanischen Grippe?

In einer aktuellen Studie hat ein Team um den Umweltforscher Alexander More von der Harvard University untersucht, welchen Einfluss die Klimabedingungen während des Ersten Weltkriegs (1914 bis 1918) die auf die Sterblichkeit zur Zeit der Spanischen Grippe hatten.

Die Spanische Grippe vor rund 100 Jahren hatte weitaus schlimmere Folgen als die bisherige Coronavirus-Pandemie: In den Jahren 1917 bis 1919 fielen weltweit zwischen 50 und 100 Millionen Menschen der Spanischen Grippe zum Opfer. Allein in Europa wird die Zahl der Todesfälle auf 2,64 Millionen geschätzt, erklärt More im Rahmen der vorliegenden Studie.

Im ersten Schritt hat das US-Forschungsteam das Wetter der damaligen Zeit rekonstruiert. Die Daten dafür konnten die Wissenschaftler aus einem Eiskern aus den Alpen gewinnen. Anschließend haben More und sein Team die so erhaltenen Wetterdaten mit historischen Aufzeichnungen über die Todesfälle während der Kriegsjahre verglichen. Ihre Studie ist in der Fachzeitschrift „GeoHealth“ erschienen.

Regenfälle und Kälte bereiteten Nährboden für die folgende Pandemie

Die Umweltforscher der Harvard University konnten dabei laut eigener Aussage einen Zusammenhang zwischen den damals herrschenden klimatischen Bedingungen und der damaligen Pandemie bestätigen.

„Anhaltende sintflutartige Regenfälle und sinkende Temperaturen haben die Zahl der Opfer auf den Schlachtfeldern des Ersten Weltkriegs erhöht und die Voraussetzungen für die Ausbreitung der Pandemie am Ende des Konflikts geschaffen. Mehrere unabhängige Aufzeichnungen über Temperatur, Niederschlag und Sterblichkeit bestätigen diese Erkenntnisse“, schreibt More.

Grund für die anhaltenden Unwetter war nach Angaben der Wissenschaftler einer höchst seltene Klimaanomalie, die sich erst jetzt belegen ließ. „Die neue, hochauflösende Klimaaufzeichnung aus Europa zeigt eine Klimaanomalie, die nur einmal im Jahrhundert während der Jahre des Ersten Weltkriegs und der Spanischen Grippepandemie auftrat“, heißt es in der Studie.

Die Ursache der Klimaanomalie waren ungewöhnliche Zuströme von Meeresluft aus dem Nordatlantik in den Wintern der Jahre 1915, 1916 und 1918. „Die atmosphärische Zirkulation hat sich verändert und es gab mehrere Jahre lang deutlich mehr Regen und häufiger kaltes Wetter in ganz Europa“, sagte More.

Das befeuerte letztlich die Ausbreitung der Spanischen Grippe: „Die Sterblichkeitsdaten zeigen einen Anstieg in Zeiten sich verschlechternden Wetters. Niederschlagsmengen und Temperaturen sind ein Faktor in vielen der großen Schlachten des Ersten Weltkriegs sowie ein möglicher verschärfender Faktor für die Virulenz der Pandemie.“

Soldaten brachten zweite Grippewelle aus Asien nach Europa

Die Forscher um Alexander More untersuchten, warum es ausgerechnet im Herbst 1918 zu einem drastischen Anstieg der Sterberate kam. „Die tödlichste Grippewelle in Europa begann im Herbst 1918 gleich nach einer Periode mit extrem hohen Niederschlägen und kalten Temperaturen.“

In Gegenden wie Europa war die Sterblichkeit nochmal höher, weil die durch Industrie verschmutzte Luft Menschen nochmal anfälliger für Infektionen machte, so die Studie.

Ein entscheidender Auslöser der zweiten Welle habe außerdem fast genau ein Jahr zuvor seinen Ursprung gehabt, so die Forscher: Ende 1917 brachten demnach alliierte Truppen das Virus aus Asien mit, wo diese zuvor stationiert waren. Nach ihrer Verlegung nach Europa schlugen sie ihr Basislager in der Nähe von Boulogne (Frankreich) am Ärmelkanal auf, nicht weit der Grenze zu Belgien.

Zur Mutation des Virus H1N1 und zur tödlichsten Grippewelle im Herbst und Winter 1918 trug laut der Studie somit eine Kombination mehrerer Faktoren bei:

  • Extrem viel Regen aufgrund einer seltenen Klimaanomalie,
  • Millionen von Truppen auf den Schlachtfeldern des Ersten Weltkriegs unter unhygienischen Bedingungen sowie
  • der Einsatz von Chlorgas als chemischer Waffe.

Forscher vermuten auch Stockenten als Überträger

Das Harvard-Forschungsteam um More vermutet außerdem, dass sich die Spanische Grippe nicht nur von Mensch zu Mensch übertragen hat. Demnach könnten Stockenten das Grippevirus über verunreinigte Seen und Gewässer zusätzlich auf den Menschen übertragen haben, Zoonose genannt.

Durch die Klimaanomalie seien zu dieser Zeit ungewöhnlich viele Stockenten in Europa verblieben, da ihnen die Wanderroute durch das ungewöhnliche Klima worden versperrt war. Die Vögel gelten als der tierische Hauptwirt des H1N1-Virus.

Was bedeuten die Erkenntnisse für die Corona-Pandemie?

Philip Landrigan vom Global Public Health Program am Boston College sagte dem österreichischen „Standard“, er halte die Harvard-Studie in Bezug auf das aktuelle Coronavirus für interessant: „Eines der Dinge, die wir bei der Covid-19-Pandemie mittlerweile gelernt haben, ist, dass einige Viren in feuchter Luft länger lebensfähig zu sein scheinen als in trockener Luft. Es klingt also durchaus plausibel, dass die Witterungsbedingungen in Europa in den Jahren des Ersten Weltkriegs die Übertragung des Virus beschleunigt haben könnten.“

Interessant wird somit zu beobachten sein, ob die Infektionszahlen von Sars-Cov-2 in diesem Herbst besonders stark in Gebieten ansteigen, die von starken Niederschlägen oder Überschwemmungen betroffen sind. Und auch bei den heutigen Hygienebedingungen sind weltweit je nach Land und Region große Unterschiede festzustellen, wie Gesundheitsexperten regelmäßig kritisieren.