Hitzesommer

Verteilungskampf ums Wasser: Wer hat Vorrang bei Hitze?

Ab wann spricht man von Dürre?

2018 und 2019 waren besonders starke Dürrejahre. Eine lange Zeit ohne Regen kann zu schlimmen Katastrophen führen.

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Der Hitzesommer führte mancherorts zu knappen Wasservorräten. Bürger, Landwirtschaft, Industrie: Wer hat Vorrang, wenn es eng wird?

Berlin. Im niedersächsischen Lauenau muss die Feuerwehr die Menschen mit Wasser versorgen, weil das aus dem Hahn knapp ist. Im rheinland-pfälzischen Simmern-Rheinböllen dürfen Rasen nicht gewässert, Autos nicht zu Hause gewaschen, Planschbecken und Schwimmbäder nicht mit Wasser befüllt werden.

Im nordrhein-westfälischen Borgholzhausen schließt das Freibad wegen drohender Wasserknappheit. Drei Szenen aus dem Hitzesommer 2020. Sie alle wirken nach.

Droht ein Verteilungskampf ums Wasser?

Die entscheidende Frage ist: Droht ein Verteilungskampf, und wer darf Wasser nutzen, wenn es knapp wird – die Bürgerinnen und Bürger zu Hause, die Kraftwerke zum Kühlen, die Industrie für ihre Produktion oder die Landwirtschaft zum Bewässern ihrer Felder?

Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD) hat vor Kurzem für 2021 eine Nationale Wasserstrategie angekündigt, in der auch eine Rangordnung für den Wasserverbrauch festgelegt werden soll. Nun wird um Antworten gerungen.

Längst sorgen sich Bürgerinnen und Bürger. Erst vor wenigen Tagen hat zum Beispiel in Lüneburg die ortsansässige Bürgerinitiative Unser Wasser zu einer Demonstration aufgerufen. Mehrere Hundert Menschen kamen. Sie fürchten alle um ihr Trinkwasser.

Denn der Coca-Cola-Konzern bohrt dort einen weiteren Brunnen, um doppelt so viel Grundwasser wie bisher abzupumpen, das er dann als Vio-Mineralwasser verkaufen will.

Experten erwarten regional mehr Engpässe beim Wasser

Ein ausreichend gefüllter Grundwasserspeicher ist ein hohes Gut. Denn Wetterextreme werden zunehmen, da sind sich Klimaforscher einig. Regnet es mancherorts wenig, schwinden Wasservorräte – erst recht, wenn sich trockene, heiße Phasen aneinanderreihen wie 2018, 2019 und 2020.

Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe schrieb schon 2018 in seiner „Risikoanalyse Dürre“, dass es „zu Problemen bei der Versorgung der Bevölkerung mit Trinkwasser“ kommen könne. In Gänze wird Deutschland das Wasser zwar nicht ausgehen – es gibt sogar Regionen, in denen traditionell Ackerland trockengelegt und das Wasser ins Meer gepumpt wird. Doch regionale Engpässe wird es vermehrt geben.

Eine Region, die immer wieder unter solchen Engpässen leidet, ist Brandenburg. Im Juli warnte der Landwirtschaftsminister des niederschlagsärmsten Bundeslandes, Axel Vogel (Grüne), vor zunehmenden Wasserproblemen.

Videografik: So halten Städte der Hitze stand
Videografik- So halten Städte der Hitze stand

Landwirtschaft soll sich an neue Klimaverhältnisse anpassen

Um die Grundwasservorräte zu schonen, müsse sich etwa die Landwirtschaft an die veränderten klimatischen Verhältnisse anpassen – zum Beispiel durch Getreide, das weniger Wasser brauche. Oder durch kleinere Felder mit mehr Hecken, an denen sich der Wind brechen könne. Das würde ein besseres Kleinklima in die Landschaft bringen. Sprich: Der Boden trocknet nicht mehr so schnell aus.

Außerdem untersuchen Forscher derzeit in Brandenburg gemeinsam mit Land- und Forstwirtschaft, wie sich das wenige Wasser, das vom Himmel fällt, besser im Boden halten lässt und welche Pflanze wie viel Wasser benötigt.

„Diese Erkenntnisse sind die Basis, um die Bedarfe für die Lebensmittelproduktion und die Wasserversorgung erfüllen zu können“, erklärt Forschungsleiterin Dörthe Tetzlaff vom Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei in einer Mitteilung.

Faustregel beim Wasserengpass: „Erst Mensch und Tier, dann der Rasen“

Komme es zu Engpässen, laute die Faustregel „erst Mensch und Tier, dann der Rasen“, so ein Sprecher des Verbandes kommunaler Unternehmen (VKU), dessen Mitglieder nach eigenen Angaben 90 Prozent aller Einwohner in Deutschland mit Trinkwasser versorgen. Lesen Sie auch: Haustiere und Hitze: So helfen Sie Hund, Katze und Co. im Sommer

Berthold Niehues vom Deutschen Verein des Gas- und Wasserfaches (DVGW), der das technische Regelwerk für die Wasserversorgung erarbeitet, verweist auf die Niederlande. Dort ist eine Vorrangliste bereits rechtlich festgezurrt: Trinkwasser geht vor, es folgt Wasser für Kraftwerke, dann das Wasser für „kapitalintensive Ernten“ und „industrielles Prozesswasser“. An letzter Stelle stehen die sonstige Landwirtschaft und alles andere.

Dies gilt zwar nur für Wasser, das landesweit aus Flüssen, Seen und anderen Oberflächengewässern abgepumpt wird, für das Grundwasser können aber regional ähnliche Rangfolgen festgelegt werden. Es könnte ein Vorbild für neue Regeln in Deutschland sein. Nur: Damit allein ist es nicht getan.

Die Wasserversorger prüfen auch, ob sie für die Zukunft mehr Brunnen, mehr Speicher und überregionale Leitungsnetze brauchen. Jedoch ist für sie die größere Frage: Wie lässt sich der Grundwasservorrat sichern?

So kritisiert der VKU, dass Landwirte keine Genehmigung brauchen, wenn sie Drainagerohre verlegen, um ihre Felder zu entwässern. Ein Problem, das auch DVGW-Mann Niehues und Umweltschützerinnen wie die BUND-Wasserexpertin Lilian Neuer sehen: Der Niederschlag versickert dann nicht mehr im Boden, wodurch sich auch kein neues Grundwasser bilden kann.

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Frage um Rückstände im Trinkwasser weiter ungeklärt

Die Wasserfrage wird zu neuen Debatten führen. Dabei sind die alten noch nicht erledigt: Seit Jahren mahnen die Wasserwerke, dass sich in den Trinkwasserressourcen zu viele Rückstände von Medikamenten, Düngemitteln und Pestiziden, aber auch von Wasch- und Pflegemitteln finden.

Der VKU fordert darum, in der nationalen Wasserstrategie das „Verursacherprinzip“ und das „Vorsorgeprinzip“ zu stärken: Hersteller, die Produkte mit belastenden Stoffen verkaufen, sollen an den Kosten für ihre Entfernung beteiligt werden.

Und der Anteil des Ökolandbaus, der mit weniger Chemie auskommt als die konventionelle Landwirtschaft, soll erhöht werden. Es braucht mehr als ein paar Notmaßnahmen im Sommer, damit das Wasser einwandfrei läuft.

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Virtueller Wasserverbrauch oft vernachlässigt

Neben dem reinen Verbrauch wird für Herstellung und Transport von Lebensmitteln und anderen Produkten oftmals viel Süßwasser benötigt. Dieser Anteil wird auch als virtuelles Wasser bezeichnet. Ein Tee liegt bei 27 Litern, eine Pizza bei rund 1300 Litern, und für eine Jeans können laut waterfootprint.org je nach Produktion rund 8000 Liter Wasser verbraucht werden.

Um den eigenen Wasserverbrauch realitätsnah einschätzen zu können, betonen Umweltschützer, müssten zu den persönlichen Haushaltsverbrauchszahlen jene Wasserverbrauchszahlen hinzugerechnet werden, die durch den Konsum von Gütern entstehen. Jeder Deutsche verbraucht neben den rund 130 Litern aus dem Hahn pro Tag rund 4000 bis 5000 Liter virtuelles Wasser.

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