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Kommt die zweite Corona-Welle? Was die Fallzahlen verraten

Corona: 15-Minuten Schnelltest soll im September kommen

Ein neuer Corona-Schnelltest soll schon nach 15 Minuten eine Diagnose liefern. Das Schweizer Unternehmen Roche will die Tests bereits Ende September ermöglichen.

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Deutschland diskutiert über die zweite Corona-Welle. Wird die Pandemie bei uns wieder schlimmer? Antworten auf die wichtigsten Fragen.

Berlin. Ist sie schon da, kommt sie noch oder ist der Begriff fehl am Platz? Deutschland diskutiert über eine zweite Corona-Welle und die Bedeutung der Infektionszahlen. Woran liegt es, dass sich wieder mehr Menschen mit dem Virus infiziert haben? Wie gefährlich ist das und stimmt das überhaupt? Wir liefern Antworten auf die wichtigsten Fragen.

Corona-Pandemie: Woher kommt der Wellenbegriff?

Das für die Corona-Überwachung zuständige Robert-Koch-Institut (RKI) kennt in einem Infektionsgeschehen keine offizielle Wellendefinition. Und auch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) vermeidet den Begriff. Trotzdem: Das Wellenbild hält sich seit Jahrzehnten.

Gründe dafür sind die Grippe im Allgemeinen, die Spanische Grippe im Besonderen und jene grafische Kurve, die das Infektionsgeschehen abbildet. Diese steigt mit Beginn der Grippezeit schnell an und sinkt nach einigen Wochen wieder ab. Eine Linie entsteht, die Kinder zeichnen würden, wenn sie eine Welle darstellen wollen.

Bei der Grippe gibt es einen solchen Verlauf einmal im Jahr. Bei der Spanischen Grippe 1918 und 1919 gab es diesen in leicht abgewandelter Ausprägung sogar dreimal.

Der aktuelle Corona-Verlauf zeigt sehr wohl eine erste Welle, aber keine echte zweite. Virologe Hendrik Streeck von der Universität Bonn spricht deshalb lieber von einer Wellenbewegung.

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Wie sind die aktuellen Corona-Zahlen?

Auf dem Höhepunkt der Corona-Pandemie meldete das RKI für die Woche vom 30. März bis zum 5. April im Schnitt 5150 Neuinfektionen pro Tag. Dann griffen die Schutzmaßnahmen, die Zahlen sanken. Vom 8. bis 14. Juni gab es nur noch 334 gemeldete Neuinfektionen pro Tag. Ab dem 6. Juli stieg die Zahl dann wieder an – auf durchschnittlich 1360 gemeldete Neuinfektionen am Tag vom 17. bis 23. August. In der vergangenen Woche kippte die Entwicklung dann erneut. Die Zahlen sanken. Aktuell liegt das Sieben-Tage-Mittel bei etwa 1200, Tendenz sinkend.

Was sind Gründe für die Entwicklung der Pandemie?

Die Politik hat in den vergangenen Wochen auf Massentests gesetzt, an Flughäfen etwa oder Bahnhöfen: Vom 10. bis 16. August zum Beispiel gab es 875.500 Corona-Tests – mehr als doppelt so viele wie im März. In der vergangenen Woche stieg die Zahl nach Angaben des Verbands Akkreditierte Labore in der Medizin sogar auf fast eine Million. Für viele ist deshalb klar: Mehr Tests bedeuten mehr Infektionen.

Belastbar werden Aussagen über die Bedeutung der Massentests nur dann, wenn man zwei Zahlen ins Verhältnis setzt. Die der Tests und die der dabei entdeckten Infektionen. Daraus ergibt sich eine sogenannte Positivrate.

Anfang April gab es bei knapp 408.000 Tests 36.880 positive Ergebnisse, die Positivrate lag bei 9,03. Getestet wurden Menschen mit Symptomen. Dann nahm die Rate beständig ab und schwankte. Anfang Juli zählte das RKI 510.100 Tests und 2990 positive Ergebnisse, die Rate hatte ihren bisher niedrigsten Wert erreicht – 0,59. Ab Kalenderwoche 30 stieg die Rate wieder an bis auf den Wert 0,99, um dann wieder unter 0,9 zu fallen. Das bedeutet: Ab dem 20. Juli gab es einen realen Anstieg der Infektionszahlen unabhängig von den Testzahlen.

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„Es gibt den Anstieg und er ist echt“, sagt Alexander Kekulé vom Lehrstuhl für Medizinische Mikrobiologie und Virologie der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Die meisten Neuinfektionen hätten mit klassischen Risikokon­stellationen zu tun, sagt er. Mit Feiern, Familienbesuchen im Ausland oder Reisen.

Auch das RKI macht nur einen Teil des Anstiegs zwischen dem 20. Juli und dem 24. August an den Massentests fest. Darüber hinaus seien lokale Ausbrüche dafür verantwortlich gewesen, vor allem in Altenheimen, Kliniken, in Flüchtlingsunterkünften und nach privaten Feiern und Reisen.

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Wie ist die regionale Entwicklung?

Die kumulative Inzidenz der letzten sieben Tage – eine fürchterlich klingende Bezeichnung für die Häufung von Infektionen pro Einwohner – liegt deutschlandweit bei 9,3 pro 100.000. Kritisch wird diese Zahl ab einem Wert von 50 pro 100.000. Die WHO hält alles darunter für kontrollierbar.

Die regionalen Unterschiede bleiben groß, das Virus aber hat sich mehr in der Fläche ausgebreitet. Mitte Juni gab es in Deutschland 139 von 401 Kreise und kreisfreie Städte, die an sieben Tagen hintereinander keine neue Corona-Infektion gemeldet hatten, derzeit sind es nur noch 20. Brenzlig aber ist das nicht. Denn nur in 16 Kreisen in Baden-Württemberg und Bayern gibt es eine erhöhte Sieben-Tages-Inzidenz mit mindestens 25 Fällen pro 100.000 Einwohner. In 142 Kreisen liegt die Sieben-Tages-Inzidenz hingegen unter 5,0 pro 100.000.

Und für ganz Deutschland gilt: Die Zahl schwerer Covid-19-Verläufe bis hin zum Tod verharrt auf niedrigem Niveau, weil sich mehr junge Menschen infiziert haben, die nicht zu einer Risikogruppe gehören.

Wie schätzen Virologen, Epidemiologen und Infektiologen die Lage ein?

Der Grund für den Anstieg der Infektionszahlen liegt am Ende des Lockdowns und am veränderten Verhalten der Menschen. Gérard Krause, Leiter der Abteilung Epidemiologie am Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung in Braunschweig, nennt den Zusammenhang ein „Pingpongspiel“. Dass sich Menschen anders verhalten, wenn Infektionszahlen sinken, „ist gesunde Normalität“, sagt er.

Was das aber für die Entwicklung bedeutet, ist unklar, eine Vorhersage ist kaum möglich: Zahlen können nicht alles erklären, und es gibt Unbekannte, etwa die Corona-Dunkelziffer oder wie genau die Ansteckungen verlaufen. „In Deutschland tauscht nicht jeder mit jedem seine Viren und Keime aus. Es gibt Teilpopulationen und Gruppen, die womöglich Corona-Muffel sind, aber dennoch um das Virus und die Gefahren für Risikogruppen wissen“, sagt Alexander Kekulé.

Einig sind sich Hendrik Streeck, Gérard Krause und Alexander Kekulé darin: Ziel müsse sein, dafür zu sorgen, dass das Gesundheitssystem nicht überlastet werde. „Als Infektiologe bin ich lieber auf der sicheren Seite“, sagt Kekulé. Er würde mit weiteren Lockerungen warten. „Mit Blick auf Frankreich, wo die Zahlen gerade wieder explodieren, sage ich: Die Situation ist immer noch gefährlich.“

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