Gesundheit

Report: Jeder achte Jugendliche leidet unter Kopfschmerzen

Das hilft gegen Migräne

Ein Migräne-Anfall kann nach wenigen Stunden enden oder mehrere Tage anhalten. Dem kann man vorbeugen.

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Kopfschmerzen und Migräne sind bei Kindern und Jugendlichen verbreiteter als man denkt, zeigt ein aktueller Report. Was sind Gründe?

Berlin.  Kopfschmerzen sind ein Volksleiden, das sehr häufig auch Jugendliche und sogar Kinder betrifft. Das zeigten Studien immer wieder, aktuell auch der Kopfschmerz-Report der Techniker Krankenkasse (TK): So wurden bei jedem achten jungen TK-Versicherten zwischen 15 und 19 Jahren Kopfschmerzen diagnostiziert. 15 Prozent der Mädchen sind betroffen und elf Prozent der Jungen.

Kopfschmerzen kommen bei immer mehr Kindern und Jugendlichen vor

Bei Kindern bis 14 Jahre leiden 4,3 Prozent unter diagnostizierten Kopfschmerzen. „Und das sind nur die Kinder und Jugendlichen, die bei einem Arzt vorstellig geworden sind“, sagt Professor Hartmut Göbel von der Schmerzklinik Kiel. Man gehe davon aus, dass es tatsächlich fünf- bis achtmal so viele Betroffene gibt, erklärt der Schmerzmediziner.

Die Ergebnisse des Reports bestätigen einen Trend, den Mediziner schon länger beobachten. Göbel verweist auf eine finnische Studie, die zwar bereits 2002 beendet worden sei, für die aber über Jahrzehnte Daten gesammelt wurden.

Laut dieser Studie haben Kopfschmerzen bei Kindern und Jugendlichen um das Sechsfache zugenommen. „Das sind natürlich erschreckende Zahlen, und wir müssen uns überlegen: Woher kommt das?“, sagt Göbel.

Migräne wird auch von der Umwelt beeinflusst

Kopfschmerzen sind eine komplexe Erkrankung, ebenso komplex ist die Suche nach den Ursachen. 367 Kopfschmerzarten werden unterschieden, die meisten Betroffenen – Kinder wie Erwachsene – leiden unter Migräne oder Spannungskopfschmerzen. Gerade die Migräne ist zwar auch genetisch bedingt, aber nicht nur. Das Verhalten und die Umwelt spielen eine wichtige Rolle.

Und diese habe sich verändert, sagt Schmerzmediziner Göbel: „Die soziale Umwelt der Kinder ist eine andere geworden. Wir ziehen häufiger um, die Eltern arbeiten oft beide, es kommt eine Unruhe in die Situation. Außerdem muss heute alles schneller gehen, das merken auch die Kinder.“

Führen zu viele Reize zu Kopfschmerzen bei Kindern?

Hinzu kämen viele Anregungen – Reiten, Tennis, Klavier. Das Smartphone sei ein wichtiger Punkt, aber auch das Ernährungsverhalten. „Ich sehe immer wieder, dass die Kinder ohne Frühstück in die Schule geschickt werden, dass sie nachmittags erschöpft nach Hause kommen. Das kann so ein Gehirn auf die Dauer nicht aushalten“, sagt Göbel. Lesen Sie hier: Handy für Kinder: Welches Alter empfehlen Experten?

Doch die eine Erklärung für die hohe Zahl der Betroffenen hat kein Mediziner. „Jeder hätte gerne eine schlüssige Antwort auf diese komplexe Frage“, sagt der leitende Kinderneurologe der Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU), Professor Florian Heinen, „aber wenn wir ehrlich sind: Niemand von uns hat sie bislang.“

Ausreichender Schlaf verringert das Risiko für Kopfschmerzen

Zwar sei die Beobachtung, dass sich der Alltag beschleunigt habe, richtig, „und die wirklich freie Zeit, die Kinder und Jugendliche heute haben, ist tatsächlich sehr gering. Aber wirkt sich Stress wirklich auf den Kopfschmerz aus?“

Heinen warnt vor voreiligen Erklärungen: „Wir haben zwar unendlich viele Einzelaussagen. Aber wir können sie in vielen Fällen nicht überprüfen.“ Wer könne schon sagen, ob ein Jugendlicher Kopfschmerzen habe oder nicht zur Mathearbeit erscheinen möchte.

Dennoch gebe es eindeutige Faktoren, die einen Einfluss auf die Häufigkeit von Kopfschmerzen hätten. „Ich verringere Kopfschmerzen, wenn ich ausreichend schlafe“, sagt der Neurologe. Das gelte sowohl für Spannungskopfschmerzen als auch für Migräne.

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Sport und eine gute Ernährung beugen vor

Heinen empfiehlt seinen Patienten außerdem, genug zu trinken, und weist bei Jugendlichen darauf hin, dass Tabak und Alkohol zu mehr Kopfschmerzen führen. „Und damit ist nicht der Kater am Morgen gemeint.“ Auch Sport, besonders Ausdauersport, und eine gesunde Ernährung gelten als gute Möglichkeiten, Kopfschmerzen vorzubeugen.

Medikamente eigneten sich bei Kindern als Prävention jedoch kaum, sagt Göbel. „Übersichtsstudien haben gezeigt, dass sie anders als bei Erwachsenen kaum wirken.“ Brauchen Betroffene akut Hilfe, sei zum Beispiel Ibuprofen ein geeignetes Medikament. „Bei Kindern ab 14 Jahren kann man auch ein Aspirin geben.“ Von Paracetamol rät Göbel ab, weil es kaum wirke.

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Diagnose Kopfschmerz: 23 Prozent der Kinder nahmen ein Medikament

Vor dem allzu schnellen Griff in den Arzneischrank aber warnt der Mediziner. „Es klingt paradox, aber wenn man Medikamente zu häufig einnimmt, riskiert man Kopfschmerzen durch den Übergebrauch.“

Laut dem TK-Report bekamen 2018 knapp 23 Prozent der Kinder und Jugendlichen bis 19 Jahre bei einer Kopfschmerzdiagnose ein schmerzstillendes Arzneimittel verordnet. Auch interessant: Wie die Antikörper-Therapie Migräne-Patienten helfen soll

Zum Arzt wenn die Schmerzen das Leben behindern

Die Frage, wann Eltern mit ihrem Kind bei einem Arzt erscheinen sollten, ist nicht pauschal zu beantworten. Heinen erklärt es so: Wenn ein Kind ab und an Kopfschmerzen habe, ansonsten aber munter seinen Alltag weiterlebe, sei es völlig in Ordnung oder sogar gesund, nicht gleich einen Arzt aufzusuchen.

Wenn die Schmerzen Kinder oder Jugendliche aber in ihrem Leben behindern, wenn sie deswegen den Geburtstag der Freundin sausen lassen oder auf das Fußballtraining verzichten, sei es wichtig, sich professionelle Hilfe zu suchen.

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Kinder können den Kopfschmerz nicht benennen

Gerade bei jüngeren Kindern ist es jedoch für Eltern nicht einfach, Kopfschmerzen zu erkennen. „Kinder haben oft noch keine Vokabeln für Kopfschmerzen, häufig sprechen sie dann von Bauchschmerzen“, sagt Hartmut Göbel. Deswegen müsse man die Kinder beobachten.

Diese seien blass, zögen sich zurück, hätten keinen Appetit, seien überempfindlich bei Berührungen. „Wenn das immer wieder auftritt, könnten sie eine Migräne haben.“ Auch an möglichen Vorläufererkrankungen könnten sich Eltern orientieren, sagt Florian Heinen: „Kinder, die Koliken, eine ausgeprägte Reisekrankheit oder häufiges heftiges Erbrechen oder Schwindel haben, könnten eine Migräne entwickeln.“

Kopfschmerzen haben Folgen für das ganze Leben

Und je früher diese oder andere Arten von Kopfschmerzen diagnostiziert seien, desto besser, betont Göbel. Denn waren Kopfschmerzen früher nicht mal als Krankheit anerkannt, weiß man heute: Sie können gravierende Folgen haben für das Leben.

„Sie reduzieren die körperliche, aber auch die psychische Gesundheit, sie limitieren möglicherweise auch Lebenschancen.“ Die Wissenschaftlerin Marie Curie, erzählt Göbel, habe als Studentin wegen ihrer chronischen Kopfschmerzen überlegt, ihr Studium abzubrechen. Später gewann sie zwei Nobelpreise.