Verhütung

60 Jahre Antibabypille: Wann gibt es die Pille für den Mann?

Die Pille für die Frau hat Nebenwirkungen. Eine Studie zu einem Präparat für Männer wurden wegen unerwünschten Begleiterscheinungen abgebrochen.

Die Pille für die Frau hat Nebenwirkungen. Eine Studie zu einem Präparat für Männer wurden wegen unerwünschten Begleiterscheinungen abgebrochen.

Foto: areeya_ann/iStockphoto / iStockphoto

Seit 60 Jahren ist die Verhütung weitgehend Frauensache. Warum ein entsprechendes Präparat für das andere Geschlecht noch immer fehlt.

Berlin. Die selbst erklärte Feministin Alice Schwarzer bezeichnete sie einst als „Geschenk Gottes“. Tatsächlich gilt sie bis heute für viele als das Verhütungsmittel der Wahl: Vor 60 Jahren kam die Pille für die Frau auf den Markt. Zuerst in den USA, ein Jahr später auch in Deutschland.

Und obwohl die katholische Kirche sie verteufelte, einige Politiker sie gar verbieten lassen wollten, avancierte das Präparat bald zum Inbegriff weiblicher Selbstbestimmung. Mittlerweile entscheiden sich immer mehr Frauen für eine andere Art der Freiheit – nämlich die, sich gegen die Pille zu entscheiden.

Ärztin: „Die Pille ist kein Lifestyle-Präparat“

Während vor zehn Jahren noch fast jede zweite junge Frau bis zu einem Alter von 20 Jahren mit dem hormonellen Medikament verhütet hat, war es im vergangenen Jahr nicht einmal mehr jede dritte. Zu diesem Ergebnis kommt das Wissenschaftliche Institut der AOK. „Das kann mit einer besseren Aufklärung und einem stärkeren Bewusstsein dafür zu tun haben, dass die Pille kein Lifestyle-Präparat ist, sondern in den Hormonhaushalt eingreift und Nebenwirkungen haben kann“, sagt Ärztin Eike Eymers. Lesen Sie auch: Pille für den Mann? So soll Verhütung revolutioniert werden

Wahrlich könnte dem, der die Liste möglicher Begleiterscheinungen studiert, mulmig werden. Steht dort doch, dass die Verhütungspille das Risiko für Thrombosen und infolgedessen auch für Lungenembolien erhöht, Kopfschmerzen verursachen, zu Libidoverlust und Stimmungsschwankungen führen kann und dass selbst das Suizidrisiko der Konsumentinnen steigt.

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Verhütung wird zur Frauensache

Wen wundert es da, dass sich zahlreiche Frauen bewusst gegen das Präparat entscheiden und stattdessen fragen: Wo bleibt sie eigentlich, die Pille für den Mann? Schließlich machte die Tablette auch eins: Verhütung zur Frauensache. Dabei könnten auch Männer Hormone einnehmen, um eine Schwangerschaft ihrer Partnerin zu verhindern.

Das zeigte bereits eine Studie der Weltgesundheitsorganisation (WHO) aus dem Jahr 2008. Damals testeten internationale Forscherinnen und Forscher ein Hormonpräparat, das ganz ähnlich wirken sollte wie die Verhütungspille für die Frau. Nur statt dem weiblichen Körper eine Schwangerschaft vorzugaukeln und so einen Eisprung zu verhindern, sollte das Präparat die Spermienproduktion in den Hoden verringern.

230 Paare aus acht Ländern nahmen an der Studie teil, für die die männlichen Probanden das Verhütungsmittel einmal pro Monat per Spritze verabreicht bekamen. Ihre Spermienzahl sank, wobei die Verhütungswirkung ähnlich zuverlässig war wie die der Pille für die Frau. Lesen Sie auch: Hitzewelle – So kann sie sich auf die Periode auswirken

Begleiterscheinungen, die Frauen kennen

Dennoch brach die WHO die Studie nach drei Jahren ab. Grund dafür war, dass zehn Prozent der Teilnehmer über Nebenwirkungen wie Stimmungsschwankungen, Libidoverlust oder Niedergeschlagenheit bis hin zu Depressivität geklagt hatten. Über Begleiterscheinungen, die Frauen seit Jahrzehnten von der Einnahme der Pille kennen.

Wenn aber Forscher ebendiese Nebenwirkungen für Männer als unzumutbar erachten, warum werden sie bei Präparaten für Frauen in Kauf genommen? „Die Verhütungspille würde heute wahrscheinlich unter strikteren Kriterien oder gar nicht mehr zugelassen werden“, glaubt Eberhard Nieschlag, ehemaliger Direktor des heutigen Zentrums für Reproduktionsmedizin und Andrologie am Uniklinikum Münster. Lesen Sie auch: Sex, Trennungen und Tinder in Zeiten von Corona

Klage über Abbruch der WHO-Studie

Die WHO-Studie hielt der Mediziner für vielversprechend. Dass sie abgebrochen wurde, könne er nur schwer nachvollziehen. „Ein großes Problem war sicher, dass die Kriterien zur Beurteilung der Nebenwirkungen nicht einheitlich waren“, sagt Nieschlag. So seien beispielsweise Stimmungsschwankungen nur unzureichend von depressiven Symptomen abgegrenzt worden.

Immerhin: Am fehlenden Zuspruch seiner Zielgruppe scheint das Projekt Pille für den Mann nicht zu scheitern – in allen bislang durchgeführten Akzeptanzstudien gaben die Befragten mehrheitlich an, neuen Verhütungsmitteln gegenüber aufgeschlossen zu sein.

Wirkstoff gegen Spermienproduktion

Und tatsächlich steht die Forschung nach einer hormonellen Verhütungsmethode für Männer seit 2011 keineswegs still. So haben Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler um Christina Wang vom Los Angeles Biomedical Research Institute einen Wirkstoff entdeckt, der die körpereigene Testosteronproduktion innerhalb der Hoden und somit die Spermienproduktion stoppen soll. Lesen Sie auch: Verhütungspille soll bis zum 22. Lebensjahr kostenlos sein

11-Beta-MNTDC heißt die Substanz, mit der eines Tages womöglich auch Männer verhüten können. Bereits im März 2019 verkündeten die amerikanischen Forscher, dass sich 11-Beta-MNTDC zumindest in einer Phase-1-Studie als sicher und verträglich erwiesen habe.

Forschung vermeldet Fortschritte

An der Untersuchung teilgenommen hatten 40 Männer, wobei 30 von ihnen 28 Tage lang unterschiedliche Dosen des Wirkstoffes und zehn weitere ein Placebo eingenommen hatten. „Unsere Ergebnisse zeigen, dass diese Pille, die verschiedene Hormontätigkeiten kombiniert, die Spermienproduktion reduziert, während sie die Libido aufrechterhält“, sagte Wang. Und: Lediglich einige wenige Männer hätten von Nebenwirkungen wie Müdigkeit, Kopfschmerzen oder Akne berichtet. Lesen Sie auch: Antibabypille bekommt Warnhinweis – wegen Depressionsrisiko

Reproduktionsmediziner Nieschlag jedenfalls hält die Forschung seiner amerikanischen Kolleginnen und Kollegen für einen „genialen Ansatz“. Einzig die voraussichtliche Wartezeit bis zur Marktzulassung des Präparats könnte die Euphorie dämpfen. Denn nach Angaben der beteiligten Mediziner könnten bis dahin noch mindestens neun Jahre vergehen.

Wie lange wird es also noch dauern, bis die Forderungen nach einer Pille für den Mann Wirklichkeit werden? „1970 war ich dahingehend sehr optimistisch und hätte dem Ganzen nur noch wenige Jahre gegeben. Heute mache ich lieber keine Zahlenangaben mehr“, sagt Nieschlag.