Corona

Wie sind die Aussichten auf einen zuverlässigen Impfstoff?

Videografik: So wirken Impfungen

Das Tübinger Biotechunternehmen CureVac hat in Deutschland die Genehmigung für eine klinische Studie mit einem potenziellen Corona-Impfstoff erhalten. Die Videografik zeigt, wie Impfstoffe funktionieren.

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Wo steht die Welt im Wettlauf um den Impfstoff gegen das neuartige Coronavirus? Wir haben die Antworten auf die wichtigsten Fragen.

Berlin.  Weltweit forschen Wissenschaftler an einem Virus, das bis vor wenigen Monaten nicht mal einen Namen hatte. Wenig Zeit, um sich Wissen anzueignen. Dennoch war die Forschung wohl noch nie so schnell. Experten und Pharmafirmen in China, Indien, Russland, den USA, auch Deutschland – sie alle wollen das Mittel finden, das die Pandemie beendet.

Und schon Mitte 2021 könnte die Welt über einen Impfstoff verfügen, der auf breiter Basis gegen das neue Coronavirus Sars-CoV-2 eingesetzt werden könnte, sagte die Chefwissenschaftlerin der Weltgesundheitsorganisation (WHO), Soumya Swaminathan. Mehr als 20 Kandidaten befänden sich derzeit in klinischen Studien. „Es wäre sehr viel Pech, sollten alle scheitern“, sagte Swaminathan. Wo steht die Welt im Wettlauf um den Impfstoff? Antworten auf die wichtigsten Fragen.

Wer arbeitet derzeit an der Entwicklung eines Impfstoffs?

Laut WHO laufen weltweit mehr als 160 Impfstoffprojekte. Mehr als 20 mögliche Kandidaten werden bereits an Freiwilligen getestet, darunter auch zwei aus Deutschland: Das Mainzer Biotechunternehmen BionTech arbeitet gemeinsam mit dem Pharmariesen Pfizer an einem Impfstoff. Erste Tests an Menschen laufen seit Ende April und Mai in Deutschland und den USA. Auch das Tübinger Unternehmen CureVac befindet sich in der ersten Phase der klinischen Studie.

Noch weiter sind das US-Unternehmen Moderna, das seinen Kandidaten bereits seit Mitte März an Freiwilligen testet, und die Universität Oxford gemeinsam mit der Pharmafirma AstraZeneca. Bei diesem Projekt läuft bereits seit dem 20. Juni mit rund 5000 Brasilianern die dritte Phase der klinischen Studie.

Einer aktuellen Studie zufolge scheint der Oxford-Impfstoff sicher zu sein und das Immunsystem anzuregen. Das berichtet das Fachblatt „The Lancet“. Das Mittel löse zwei Antworten des Immunsystems aus: Es fördere die Bildung von spezifischen Antikörpern und von T-Zellen – beide sind für die Immunabwehr wichtig. Im Rahmen einer Impfstoffallianz hatten sich Deutschland und andere EU-Länder 400 Millionen Impfdosen bei AstraZeneca gesichert.

Welche Impfstoffarten gibt es?

Es lassen sich vor allem drei Typen unterscheiden: Tot- oder Lebendimpfstoffe und ein genbasierter Impfstoff. Totimpfstoffe enthalten Teile des Virus oder inaktivierte Viren, die für eine Reaktion des Immunsystems ausreichen.

Bei Lebendimpfstoffen wird ein Virus, das nicht krank macht, vereinfacht gesagt verkleidet. Diese sogenannten Vektorviren tragen dann an ihrer Oberfläche Merkmale des krank machenden Erregers – im konkreten Fall von Sars-CoV-2 –, auf die der Körper mit Bildung von Antikörpern reagiert.

Die Universität Oxford nutzt zum Beispiel für ihren Impfstoffkandidaten als Vektorvirus einen Erreger, der eigentlich bei Affen vorkommt.

Genbasierte oder mRNA-Impfstoffe, wie sie etwa von BionTech, Moderna oder CureVac derzeit getestet werden, enthalten Gene des Virus, die wiederum die Bildung von Virusproteinen auslösen, auf die das Immunsystem dann reagiert. Bislang ist noch nie ein solcher Impfstoff auf den Markt gekommen.

Welche Rolle spielen Antikörper?

Derzeit laufen weltweit Antikörperstudien. Die Ergebnisse sollen nicht nur die Entwicklung eines Impfstoffes vorantreiben, sondern auch das Ausmaß der Infektionswelle in der Bevölkerung und eine mögliche Immunität klären.

Antikörper sind Proteine, die vom Immunsystem gebildet werden, um Erreger wie Bakterien und Viren zu bekämpfen. „Antikörper entstehen dann, wenn sogenannte B-Zellen mit einem passenden Antigen in Kontakt kommen“, sagt Bernd Salzberger, Infektiologe am Universitätskrankenhaus in Regensburg. Antigene sind körperfremde Stoffe – wie Eiweiße auf der Oberfläche von Viren. Zu jedem Antigen passe ein Antikörper, sodass das Immunsystem auf verschiedenste Eindringlinge reagieren kann.

Weil Antikörper verlässlich gemessen werden können, wird der Schutz vor Infektionen oft mit deren Vorhandensein gleichgesetzt. Aber: „Wir wissen generell noch nicht genau, wie Antikörper überhaupt schützen. Allein ihre Anzahl sagt noch nichts darüber aus, wie gut ein Mensch das Virus abwehren kann.“

Zwar haben einige Hersteller Daten vorgelegt, denen zufolge Impfstoffkandidaten im Körper die Bildung von spezifischen Antikörpern anregen, die im Laborversuch die Virusvermehrung hemmen. Bislang wurde aber noch für keinen potenziellen Impfstoff nachgewiesen, dass er wirklich Menschen vor einer Infektion mit Sars-CoV-2 schützt. Das müssen klinische Studien nun zeigen.

Wie stehen die Menschen in Deutschland zu einer Corona-Impfung?

61 Prozent der Menschen in Deutschland wollen sich auf jeden Fall gegen das neuartige Coronavirus impfen lassen. Das ist Ergebnis einer repräsentativen Studie des Hamburg Center for Health Economics (HCHE) der Universität Hamburg. Der Anteil der Impfwilligen sei im Juni im Vergleich zu April von 70 auf 61 Prozent gesunken, teilte das HCHE mit.

„Dass zunehmend mehr Menschen eine Impfung gegen Covid-19 ablehnen, ist bedenklich“, sagte der wissenschaftliche Direktor Jonas Schreyögg. Mit großem Abstand hätten die meisten Skeptiker angegeben, sich vor möglichen Nebenwirkungen und um eine nicht ausreichende Wirksamkeit zu sorgen.

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Wie können Impfstoffe oder Medikamente schnell auf den Markt kommen?

Um dringend benötigte Medikamente schneller zugänglich zu machen, gibt es in der EU zwei beschleunigte Verfahren. Eines davon kommt derzeit auch bei möglichen Impfstoffkandidaten zur Anwendung: die „Rolling Submission“.

„Hier werden Zulassungsunterlagen oder -anträge bereits eingereicht und geprüft, ohne dass Studienphasen abgeschlossen sind“, sagt vfa-Sprecher Rolf Hömke. Prüfung und Studien liefen parallel, ohne dass Abstriche an den zu erfüllenden Bedingungen gemacht würden.

Für Behörden und Hersteller sei dieses Verfahren mit einem riesigen Aufwand verbunden. Hömke: „Würde man einen Zulassungsantrag heute noch ausdrucken, hätte er etwa 500.000 Seiten“

Ist ein Impfstoff das Allheilmittel?

„Sobald der Impfstoff breit angewandt werden kann und wir ein hohes Maß an Immunität innerhalb der Bevölkerung haben, können aktuelle Schutzmaßnahmen zurückgefahren werden“, sagt der Infektiologe Bernd Salzberger. Dazu gehören beispielsweise Maskenpflicht und Abstandsregeln. Ob eine Herdenimmunität von zirka 70 Prozent, wie sie häufig zitiert wird, dafür ausreicht, ist derzeit allerdings noch unklar, so der Infektiologe.

WHO-Chefwissenschaftlerin Soumya Swaminathan betont, dass das Impfen vermutlich nur ein Baustein im Kampf gegen das Virus sein wird.

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