Interview

US-Mediziner: So macht uns die Industrie süchtig nach Zucker

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Die Industrie fördert unsere Sucht nach bestimmten Lebensmitteln, sagt US-Mediziner Robert Lustig. Im Interview erklärt er die Masche.

Berlin.  Die Sünde lockt an jeder Ecke. Pommes, Limo, Schokolade – Ungesundes ist in Deutschland nahezu überall günstig zu haben. Und das sieht man. Fast 60 Prozent der Erwachsenen gelten als übergewichtig. Wer könnte das besser verstehen als ein Amerikaner?

Der US-Mediziner Robert Lustig ist überzeugt: Die Lebensmittelindustrie spielt unsere eigenen Hormone gegen uns aus, um unseren Konsum anzukurbeln. Auf dem Zuckerreduktionsgipfel des AOK-Bundesverbands stellte er am Mittwoch sein neues Buch „Brainwa­shed“ vor.

Herr Lustig, in unserem Körper entscheiden vor allem drei Schalthebel darüber, ob wir dick oder dünn, glücklich oder depressiv, ausgeglichen oder süchtig sind. Welche sind das?

Robert Lustig: Die zwei Botenstoffe, sogenannte Neurotransmitter, Serotonin und Dopamin sowie das Hormon Cortisol. Serotonin steht dabei in unserem Körper für Glück, Dopamin für Vergnügen, Cortisol wird bei Stress ausgeschüttet.

Ihre These: Die Lebensmittelindustrie hat uns mithilfe dieser drei einer Gehirnwäsche unterzogen. Wie macht sie das?

Lustig: Das Grundproblem liegt darin, dass wir den Unterschied zwischen Vergnügen und Glück nicht mehr kennen. Uns wurde beigebracht, dass man sich Glück kaufen kann. In Form von Lebensmitteln oder Kleidung oder Autos. Dabei entstehen Glück und Vergnügen in zwei verschiedenen Systemen innerhalb unseres Körpers. Essen, Alkohol, Shopping oder Sex – alles, woran man das Wort Sucht hängen kann, spricht unser mit Vergnügen verknüpftes Belohnungssystem an. Mit Glück hat das nicht viel zu tun.

Wie werde ich denn glücklich?

Lustig: Dafür gibt es kein Patentrezept. Aber man weiß, dass Serotonin dabei eine Rolle spielt. Studien zeigen, dass es zumindest teilweise an dem Gefühl für Glück und Zufriedenheit beteiligt ist. Ist der Serotonin-Haushalt aus dem Gleichgewicht, sind wir reizbar und neigen zu Depressionen. Nahrung kann allerdings nur einen sehr kleinen Beitrag zum Serotonin-Haushalt beitragen.

Die Lebensmittelindustrie muss sich also auf das Belohnungssystem konzentrieren?

Lustig: Richtig. Am Belohnungssystem sind mehrere Stoffe beteiligt, Dopamin sorgt darin für das Verlangen. Ohne diesen Botenstoff wären wir lethargisch, zu viel macht uns aggressiv oder paranoid. Entscheidend ist unter anderem, über wie viele sogenannte Dopamin-Rezeptoren ein Mensch verfügt. Hier dockt der Botenstoff an, um die Belohnung auszulösen.

Nehmen wir an, ich habe großes Verlangen nach einem Schokoeis. Wenn alle dabei ausgeschütteten Dopamin-Moleküle an einen Rezeptor andocken können, fällt das gute Gefühl beim Eisessen groß aus. Doch manche Menschen haben genetisch bedingt bis zu 40 Prozent weniger Rezeptoren. Sie brauchen also deutlich mehr eines Reizes, um das Belohnungszentrum zu aktivieren.

Das Risiko, eine Sucht zu entwickeln, ist bei solchen Menschen erhöht. Denn je häufiger und stärker das Belohnungssystem stimuliert wird, umso schwächer werden die Rezeptoren und können schließlich sogar absterben. Das Dopamin feuert und feuert und man isst und isst, ohne sich dabei je gut zu fühlen, doch das Verlangen bleibt. Werbung für Süßes und Co. verstärkt diesen Prozess noch.

Aber ob ich Schokoeis esse oder nicht, ist doch meine eigene Entscheidung.

Lustig: Wenn man süchtig ist, hat man keine Wahl. Und so eine Sucht kann auch schon im Kindesalter entstehen. Aus diesem Grund halte ich Werbung, die sich gezielt an Kinder richtet, für unverantwortlich. Das Argument der „persönlichen Verantwortung“, von dem auch Politiker häufig sprechen, ist übrigens eine Erfindung der Tabakkonzerne.

Als in den 60ern klar wurde, dass Rauchen schadet, wollten sie eine staatliche Regulierung verhindern. Sie entwarfen also dieses Konzept, das besagt: Die Risiken sind bekannt, jeder kann selbst entscheiden, ob er raucht, wir zwingen niemanden. Bei süchtig machenden Substanzen kann man aber so nicht argumentieren. Ein gewisser Prozentteil der Bevölkerung kann sich nicht selbstständig davon befreien, hier muss der Staat eingreifen.

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Was ist mit dem Bevölkerungsteil, der keine Suchttendenzen hat?

Lustig: Der wird durch Maßnahmen, die andere schützen, nicht geschädigt. Zudem gibt es noch andere Faktoren, die meine Entscheidungsfähigkeit beeinflussen.

Nämlich?

Lustig: Stress. Das Gefahrenalarmsystem unseres Gehirns, die Amygdala, sorgt bei Stress für die Ausschüttung von Cortisol. Ist der Pegel dieses Hormons kon­stant hoch, beeinflusst das unseren präfrontalen Cortex, den Teil unseres Gehirns, der uns vor falschem Verhalten bewahrt.

Zusätzlich sorgt die Amygdala für die Ausschüttung von Dopamin. Diese Kombination kann dafür sorgen, dass aus einem unterbewussten Wunsch ein starkes, unkontrolliertes Verlangen wird. Und die Droge, zu der die meisten Menschen dann greifen, ist Zucker.

Gibt es Strategien, um sich zu schützen?

Lustig: Dieser ganze Mechanismus ist reine Biochemie. Das Verhalten zu ändern, beseitigt nicht das Problem, dass Zucker und andere süchtig machende Substanzen ständig verfügbar sind.

Wie ließe sich das ändern?

Lustig: Werbung für Zuckerhaltiges, das sich an Kinder richtet, sollte komplett verboten werden. Steuern sind eine der brillantesten Lösungen für dieses Problem. Wenn man etwa Limonaden höher besteuert, kann das zusätzliche Geld eingesetzt werden, um Wasser zu subventionieren.

Es gibt eigentlich keine guten Argumente gegen diese Lösung. In anderen Ländern zeigt sie nachhaltige Ergebnisse. Nur so geht es. Wer versucht, das Verhalten der Menschen zu ändern, ohne die Umgebung zu verändern, arbeitet nicht an dem tatsächlichen Problem, sondern nur an dessen Symptomen.