Körper

Keine Scham! Warum wir offen über Körpertabus reden sollten

Vielen Menschen ist es peinlich, über Probleme wie Schweiß oder Blähungen zu sprechen.

Vielen Menschen ist es peinlich, über Probleme wie Schweiß oder Blähungen zu sprechen.

Foto: imago stock&people

Blähungen, Probleme beim Sex oder mit Gerüchen: Die Liste der körperlichen Tabus ist lang. Die Ärztin Yael Adler sagt: Sprecht darüber!

Berlin.  Geht es um unseren Körper, gibt es unendlich viele Tabuthemen und -zonen. Zu peinlich, zu eklig, um darüber zu sprechen. Doch ein offenes Wort lohnt sich, findet Dr. Yael Adler.

Sie hat über die Peinlichkeiten des Körpers ein Buch geschrieben („Darüber spricht man nicht“). Die Ärztin für Haut- und Geschlechtskrankheiten möchte Mut machen, über Tabus zu sprechen. Denn am Ende, sagt sie, gehe es um unsere Gesundheit. Ein Gespräch.

Frau Adler, wir lernen in Ihrem Buch, dass die schnellsten Pupse 4 km/h schnell sind, die langsamsten 0,1. Wie wichtig ist das fürs Leben?

Yael Adler: Das sind kleine Funfacts. Relevant sind ja die Häufigkeit und das Allgemeinbefinden. Wissenschaftlich sagt man, 15- bis 20-mal pupsen am Tag ist im Rahmen. Alles darüber hinaus könnte krankhaft sein. 20 Prozent der Menschen denken, dass sie eine Allergie gegen Nahrungsmittel haben und deswegen zu Bauchweh und Blähungen neigen. Wenn man es untersucht, sind es am Ende aber nur drei Prozent. Die anderen leiden oft unter einem Reizdarm.

Sie sprechen über geschwätzige Vaginas, Schweißseen und Analabszesse – ist Ihnen eigentlich noch irgendetwas peinlich?

Adler: Ja, so einiges. Sonst könnte ich mich gar nicht empathisch damit befassen. Auf meiner ersten Liebesreise nach Paris bin ich für drei Tage nicht aufs Klo gegangen. Ich war ja ein Elfenwesen, das so etwas nicht tut. Das nicht stinkt und bei dem es nur Rosenblätter gibt. Irgendwann ging es mir richtig schlecht.

Warum haben wir ein Problem mit Dingen, von denen wir wissen, dass sie andere auch betreffen?

Adler: Oft ahnen die Leute nicht, dass es anderen genauso geht. Sie leiden still und schämen sich. Es wäre schon mal super, wenn Frauen wüssten, dass Ausfluss etwas Normales ist, so was wie der Vagina-Putztrupp. Das ist weder eklig noch ansteckend oder krankhaft und man muss deshalb keine Slipeinlagen tragen.

Dabei könnte man annehmen, wir waren nie so aufgeklärt wie heute.

Adler: Wir kennen die Pornos im Internet und denken, wir wissen alles. Und dann sitzen die Menschen hier in meiner Praxis und es wird sehr schnell klar: Sie kennen ihren Körper nicht. Sie wissen nicht, wie sie ihn gesund halten können, oder überfrachten sich mit Pflege, ohne zu ahnen, dass sie sich damit schaden.

Auch typisch: Männer wissen über ihren Penis schon ganz gut Bescheid: Wie lang, wie groß, wie breit. Aber über den Hoden wissen sie kaum etwas. Wie man den und seine Spermienproduktion sorgsam behandelt, ist jedoch relevant.

Ok, dann mal Aufklärung: Wie pflegt man seinen Intimbereich?

Adler: Mit warmem Wasser. Das reicht. Intimpflegeprodukte sind unnötig. Wer das psychisch braucht, um sich „sauber“ zu fühlen, kann eine saure, milde Waschsubstanz verwenden. Aber nur rechts und links in der Leistengegend und in der Pofalte benutzen, auf keinen Fall für die Schleimhaut. Duftstoffe, Konservierungsstoffe, Farbstoff, Glitzer – das braucht man da alles nicht.

Was ist schlecht an zu viel Pflege?

Adler: Wir neigen im Intimbereich von Natur aus zu mehr Infektionen, da es dort feucht und warm ist und durch die Schweißdrüsen der Säureschutzmantel etwas alkalischer ist. Zudem tragen wir luftundurchlässige Synthetikunterhosen und schwitzige Slipeinlagen. Wer dann seinen Intimbereich rasiert, mit zu vielen Hygieneprodukten hantiert, verändert das Milieu und begünstigt Infektionen. Das sehe ich in meiner Praxis ständig. Der Intimbereich juckt, ist gerötet und staubtrocken.

Die Intimrasur ist also ein Problem?

Adler: Jedenfalls haben Untersuchungen ergeben, dass Menschen, die sich untenrum ständig rasieren, häufiger Infektionen haben. Ob das nun direkt an der Rasur liegt oder daran, dass sie promiskuitiver leben, ist allerdings unklar. Aber im Grunde ist Schambehaarung sehr gesund. Sie verhindert, dass es schwitzig und feucht wird. Sie legt sich flauschig in unsere Körperfalten und wirkt dabei belüftend wie eine Klimaanlage.

Nicht zu vergessen ihre Aufgabe als Duftverstärker. Die Schamhaare nehmen unser Körperparfüm auf und verstärken es. Viele würden sagen: Genau das möchte ich nicht.

Adler: Aber eigentlich ist es doch absurd, dass wir auf Teufel komm raus versuchen, unseren eigenen Geruch zu überdecken. Er dient der Kommunikation unter Menschen auf unbewusste Weise und beeinflusst wesentlich die Partnerwahl, wenn wir jemanden gut riechen können.

Sie schreiben, Frauen riechen nach Sauerrahm, Zwiebel und Hering. Männer nach Moschus, Sandelholz und Urin. Klingt nicht so verlockend.

Adler: Diese Begriffe nutzen Wissenschaftler, um Aromen wie bei einem guten Wein zu veranschaulichen. Diese Duftkompositionen sind für unser Zusammenleben essenziell. Da stecken viele Informationen drin, zum Beispiel über unser Immunsystem, die bei der Partnerwahl ebenfalls eine wichtige Rolle spielen.

So hat man herausgefunden, dass Frauen den Duft von Männerachseln besonders dann lieben, wenn diese Knoblauch gegessen haben. Knoblauch ist durchblutungsfördernd, eine Art Naturviagra, gut für das Herz-Kreislauf-System, auch die Darmflora wird gesund. Der Achselschweiß sagt uns: Da ernährt sich jemand gesund und hat deshalb vermutlich besseres Erbgut.

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Trotzdem parfümieren wir.

Adler: Letztlich ist das eine Modeerscheinung. Es wird uns suggeriert, dass jedes Waschmittel, Duschgel, jede Seife nach etwas riechen muss, sonst ist man bäh. Natürlich will niemand bäh sein, und kauft sich das ganze Zeug. Aber wir schaden uns damit. Düfte sind der zweithäufigste Grund für Kontaktallergien, die man nie wieder verliert.

Muss man eigentlich wirklich über Ausfluss und Fäkalien sprechen?

Adler: Ich muss jetzt andere Leute nicht beim Stuhlgang begleiten. Einige Tabus dürfen bleiben. Aber einige müssen gebrochen werden. Beispiel trockene Scheide: Frauen in den Wechseljahren klagen darüber, dass sie viel schwitzen und schlecht schlafen. Aber kaum eine Betroffene erzählt, dass sie keinen Sex mehr hat, weil es schmerzt und trocken ist. Dabei gibt es ganz viele Optionen, wie man das behandeln kann. Mein Wunsch ist es einfach, mündig zu machen und aufzuklären.