Teestunde

Das Erbe des Earls – Leben im Bantry House in Irland

Das Herrenhaus liegt an der Bantry Bay und ist von einem Garten umgeben, der nach historischen Plänen im italienischem Stil angelegt worden ist.

Foto: Patrick Dieudonne / robertharding / Getty Images/Robert Harding World Imagery

Das Herrenhaus liegt an der Bantry Bay und ist von einem Garten umgeben, der nach historischen Plänen im italienischem Stil angelegt worden ist.

Sophie Shelswell-White ist eine moderne junge Frau aus Irland. Doch auf ihren Schulter lasten fast 300 Jahre blaublütige Tradition.

Cork.  Bantry House gilt als das prunkvollste Herrschaftshaus im Südwesten Irlands und größte Sehenswürdigkeit der Stadt. Stolz thront das schlossähnliche Gebäude auf einer Klippe über der Fischerbucht Bantry Bay. 49 prächtige Räume und 17 Bäder erstrecken sich auf fast 3000 Quadratmeter Wohnfläche. Umgeben ist das georgianische Anwesen von einer 26 Hektar ­großen formalen Gartenanlage und 24 Hektar Wald- und Feldbesitz. Seit 1739 residiert hier das Adelsgeschlecht der Whites of Bantry.

Als die Hausherrin, eine junge Frau mit blassem Teint, schwarzen Jeans und bunter Holzkette, in der Empfangshalle mit der düsteren Tapete und den schweren Goldornamenten erscheint, prallt Gegenwart auf Historie. Sophie Shelswell-White ist Nachfahrin des letzten Earls von Bantry und Erbin des herrschaftlichen Anwesens. Besuchern stellt sie sich als General Manager vor. „Auch wenn ich hier groß geworden bin, habe ich mich nie wie eine Prinzessin gefühlt“, sagt sie unprätentiös und streicht sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht. „Ich bin verantwortlich für das Haus, die Angestellten, die Besucher, den Teeraum und die Gästezimmer. Das heißt, ich arbeite täglich von morgens bis abends.“

Die Gärten wurden nach historischen Plänen restauriert

Schon muss sie sich entschuldigen, um eine Busgruppe aus New York zu begrüßen, die zu einer Hausführung angereist ist. Trotz der opulenten Möbel, Skulpturen und Gemälde ist die blaublütige Irin für die amerikanischen Touristen das interessanteste Exponat. Geduldig beantwortet sie Fragen über sich und ihre Familie. „Für mich ist das völlig normal. Ich bin damit aufgewachsen, dass 300 fremde Leute durch mein Haus spazieren“, sagt die 36-Jährige gelassen. Früher strömten bis zu 80.000 Besucher pro Jahr durch die prunkvollen Gemächer. Heute ist es gerade mal ein Viertel so viel. Umso mehr ist sie auf die Eintrittsgelder angewiesen. Fünf Euro kostet ein Spaziergang durch die Gärten, elf Euro die Besichtigung von Haus und Außengelände.

Man muss nicht genau hinsehen, um festzustellen, dass an vielen Stellen Farbe abblättert und Putz bröckelt. Doch die Hausherrin zuckt nur mit den Schultern. „Das trägt zum Charme des Hauses bei.“ Als sie vor acht Jahren das Familienerbe antrat, wusste sie, worauf sie sich einließ. „Man muss immer da sein. Wenn es irgendwo brennt oder das Dach undicht ist, muss ich zur Stelle sein. Ich kann das Haus nie unbeaufsichtigt lassen – auch wenn es bedeutet, dass ich oft nicht mitkann, wenn meine Freunde ausgehen.“ Die meisten ihrer Freunde finden ihr Leben zwischen Prunk und Patina toll – auch wenn ihr der Titel „Lady“ versagt bleibt. „Mein Urgroßonkel, der vierte Earl of Bantry, starb 1991 kinderlos und mit ihm der Adelstitel.“ Die nächsten Nachkommen erbten nur Haus und Verantwortung.

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Teezeremonie als Einnahmequelle

So versucht die eifrige Geschäftsfrau, das alte Gemäuer mit neuen Ideen in Schuss zu halten. Im Ostflügel ver­mietet sie sechs Gästezimmer mit modernen Annehmlichkeiten wie Wlan, Fußbodenheizung und integrierten Bädern zu zivilen Preisen. Wenn das Haus abends für Tagesbesucher schließt, dürfen Übernachtungsgäste in der feudalen Bibliothek mit einem Drink am Feuer sitzen oder sich im Billardzimmer vergnügen wie einst die feine Gesellschaft. Auch für Hochzeiten, Festivals und Filmaufnahmen ist Bantry House zu haben. Für „Jenseits des Ozeans“ nach einem Buch von Rosamunde Pilchers Sohn Robin stand Hardy Krüger junior hier vor der Kamera.

In den vergangenen Jahren entwickelte sich die Teezeremonie zur guten Einnahmequelle. Unter Steinsäulen sitzen Besucher in Rattan-Sesseln auf der moosbewachsenen Terrasse und genießen schwarzen Tee mit Milch, Scones, Irish Cream und Himbeermarmelade, während sie über makellose Rasenflächen und 14 Rundbeete aufs Meer sehen.

„Die Gärten wurden nach historischen Plänen aus dem 18. Jahrhundert restauriert“, erklärt Sophie Shelswell-White stolz. „Unser Blauregen ist 180 Jahre alt.“ Unkräuter, Moos und Grünspan, die zum Shabby-Chic beitragen, werden wohlwollend toleriert.

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Bei Regen können Teegäste in den Wintergarten ausweichen. An kalten Tagen empfiehlt die Gastgeberin den Tearoom im Westflügel, wo einst die Küche war. Fans historischer Fernsehserien wie „Downton Abbey“ fühlen sich sofort heimisch neben dem schwarzen, gusseisernen Ofen, wo früher die Mägde das Teewasser aufsetzten. „Der Herd, die Anrichte, die Töpfe und der Teekessel sind Originalstücke“, sagt Sophie Shelswell-White. Wer im Voraus reserviert, kann sich Sandwiches, Petits Fours und Schokolade in der Bibliothek auf dem Familienporzellan anrichten lassen. Für die Teepräsentation gibt es einen antiken Holzständer, genannt Tea Poy, der für Gäste bereitsteht. „Ich selbst nutze die Möbel, die nicht mehr als Ausstellungsstücke taugen“, verrät die Nachfahrin des Earls genügsam.

Mit ihrem Mann Josh, der sich um die Buchhaltung kümmert, und ihrem Sohn Jacob bewohnt die 36-Jährige ein paar Räume im oberen Stockwerk. Der Alltag der jungen Familie hat mit dem aristokratischen Lebensstil von damals nicht viel gemeinsam. „Auf Intenet und Sky TV möchte ich nicht verzichten“, betont die Hausherrin. Dennoch ist sie sich bewusst, dass ein Herrenhaus, das fast 300 Jahre von derselben Familie bewohnt und betrieben wird, eine Rarität ist. Ihren Vorfahren auf den Ölpor­träts, die überall an den Wänden hängen, fühlt sie sich verpflichtet. „Ich führe das Haus jetzt in der zehnten Generation, und ich möchte nicht diejenige sein, mit der die Tradition endet“, sagt sie.

Unerwartete Unterstützung erhält sie tatsächlich aus Deutschland – von der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste in Stuttgart. Um praktische Erfahrung zu sammeln, reisen deren Studenten in den Semesterferien nach Irland und restaurieren kostenlos alte Gemälde und Skulpturen – und davon gibt es in Bantry House jede Menge.

Tipps & Informationen

Anreise ab Berlin mit KLM und Aer Lingus über Amsterdam nach Cork.

Bantry House Gelegen im Südwesten Irlands im County Cork an der Bantry Bay. Tel, 00353/27/50047, geöffnet
bis Ende Oktober tägl. 10–17 Uhr, Eintritt 11 Euro, www.bantryhouse.com

Bed & Breakfast auf Anfrage, alle sechs Zimmer sind individuell eingerichtet und haben Blick auf den Garten.

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