Insekten

Guck mal, wer da brummt – die Maikäfer fliegen wieder

Maikäfer flieg: Der markante Frühlingsbote benutzt einen Finger als Startrampe zum Flug. Durch die milden Temperaturen sind die Käfer bereits seit Ende April unterwegs.

Maikäfer flieg: Der markante Frühlingsbote benutzt einen Finger als Startrampe zum Flug. Durch die milden Temperaturen sind die Käfer bereits seit Ende April unterwegs.

Foto: dpa Picture-Alliance / Patrick Seeger / picture alliance / Patrick Seege

Die nachtaktiven Maikäfer sind mehr denn je im Höhenflug. Für einige sind die Frühlingsboten Glücksbringer, für Landwirte eine Plage.

Berlin.  Kaum ein Tier polarisiert so sehr wie der Maikäfer. Über Jahrhunderte beflügelt der Frühlingsbote Liedermacher, Dichter und Denker.

Er bestimmt das Volkslied „Maikäfer flieg“, das wohl im Dreißigjährigen Krieg entstand, taucht im fünften „Max und Moritz“-Streich von Wilhelm Busch auf, reist in Gerdt von Bassewitz’ „Peterchens Mondfahrt“ als Herr Sumsemann mit den Menschenkindern Peter und Anneliese zum Mond, um sein verlorenes sechstes Beinchen wiederzufinden.

Der Maikäfer war Vorbild für den Käfer-Volkswagen und Namensgeber für das Sondermodell VW 1200, und ist, wie jetzt wieder, massenhaft in Schokoladenform zu finden.

Schreckgespenst der Landwirtschaft

Auf der anderen Seite ist der Maikäfer ein Schreckgespenst der Land- und Forstwirtschaft. Alle paar Jahre kann es zu einer Plage kommen, weil massenhaft auftretende Maikäfer schwere Schäden in Feld und Wald anrichten können.

Jetzt sprechen die Grünlandexperten wieder von einem „Hauptflugjahr“. Sie rechnen damit, dass sich Maikäfer vielerorts zu einem Problem auswachsen können. Etwa alle drei bis fünf Jahre kommt es aufgrund der mehrjährigen Entwicklungszeit zu einem großen Auftritt der Käfer.

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„Wie lange das dauert, hängt auch mit der Wetterlage und der Klimaentwicklung zusammen“, sagt Werner Schulze, Insektenforscher beim Naturschutzbund Nabu. Fest steht: Je mehr der Boden sich erwärmt, desto besser gedeihen die Engerlinge, also die Larven. Vor allem sie sind gefürchtet.

Wird es wärmer, stürzen sie sich auf die frischen Blätter

Engerlinge schlüpfen aus den Eiern der Maikäfer-Weibchen, die sie tief in lockere Erde eingegraben haben – im Schnitt gut 50 Stück pro Käfer. Im Boden nagen die Engerlinge an Gras- und Baumwurzeln. Dabei könnten große Wiesenflächen vertrocknen, neue Saaten zerstört und Waldgebiete schwer beschädigt werden, so Schulze.

Sind sie nach einigen Jahren groß und fett, verpuppen sich die Engerlinge. Einige Wochen später schlüpfen die Maikäfer, kritz-kratz, aus ihrer Hülle. Wenn es an der Erdoberfläche wärmer wird, schwärmen sie aus und stürzen sich auf die frischen Blätter von Laubbäumen, am liebsten die der Eiche.

Maikäfer ist nicht gleich Maikäfer

Gerade in den Maikäferjahren kann es zu einem regelrechten Kahlfraß kommen. Insektenkundler Schulze hat aber wenig Bedenken: „Weil der Käfer noch recht früh im Jahr unterwegs ist, grünen die Bäume schnell wieder nach.“

Dabei ist Maikäfer nicht gleich Maikäfer. In weiten Teilen Deutschlands ist der gemeine Feldmaikäfer (Melolontha melolontha) in Parks, Gärten und auf Lichtungen zu Hause, wogegen am Oberrhein, zwischen Basel und Bingen, der Waldmaikäfer (Melolontha hippocastani) fliegt, der Waldgebiete bevorzugt.

Auf das Flugjahr folgt ein Hauptfraßjahr

So einem Flugjahr wie jetzt, wissen Experten, folgt immer ein Hauptfraßjahr. Um die Entwicklung der Käfer im Auge zu behalten, zählen Fachleute mancherorts die Larven im Boden. Solche Zählungen haben zum Beispiel ergeben, dass in Teilen von Rheinland-Pfalz im nächsten Jahr mit einem Massenauftreten zu rechnen ist.

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Im Bienwald seien 44 Larven pro Quadratmeter Boden gezählt worden, teilte das Umweltministerium mit. Der Wurzelfraß habe bereits eine Fläche von 1400 Hektar Wald beschädigt.

Gegen die Engerlinge ist kein Kraut gewachsen

Auch in Nordrhein-Westfalen steht nach den Ergebnissen der Larven-Zählungen 2019 ein Maikäferjahr an. Vor allem am Niederrhein, wo sich der Nachwuchs in den sandigen Böden der Eichenwälder sehr gut entwickeln kann, werden die Maikäfer dann nach Schätzungen des Landesbetriebs Wald und Holz in Massen fliegen und krabbeln.

Gegen die Engerlinge ist kein Kraut gewachsen. Oft bleibt Landwirten nur die Möglichkeit, ihr Feld immerzu mit einer Kreiselegge zu durchpflügen.

Der Maikäfer trotzt dem allgemeinen Insektensterben

Das war mal anders: Von Mitte der 50er- bis in die 70er-Jahre hatte man den Maikäfern mit dem inzwischen verbotenen Insektizid DDT den Garaus gemacht (und vielen anderen Insekten und Vögeln damit auch). Das allgemeine Bedauern über das vermeintliche Aussterben des dicken Brummers mündete im Lied „Es gibt keine Maikäfer mehr“ von Reinhard Mey.

Doch gerade in den vergangenen Jahrzehnten hätten sich die Bestände wieder hochgeschaukelt, teils sogar erheblich, wie Insektenkundler Schulze sagt. Der Maikäfer trotze auch dem allgemeinen Insektensterben. „Man muss sich keine Sorgen um ihn machen. Der Maikäfer ist in keinster Weise bedroht.“

Das Tier ist zum Mythos der Vergangenheit geworden

Und dennoch ist die gefühlte Lage eine andere. Zumindest Städter wollen von dem großen Krabbeln nichts mitbekommen. So ist der Maikäfer zum Mythos der Vergangenheit geworden. Noch in der Jugend gehörte das Spielen mit dem markanten Fühlertierchen wie selbstverständlich zum Leben wie das Kaulquappensammeln.

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Die ältere Generation erinnert sich vielleicht noch an das proteinreiche „Maikäfersüppchen“, dessen Reste – Flügel und Beinchen – oft am Tellerrand klebten. Heute ist es zum Glücksfall avanciert, überhaupt mal ein Maikäfer-Exemplar zu sehen.

Angezogen vom Licht bringen sie sich in Todesgefahr

Dabei, so Insektenforscher Schulze, müsste sich der Mensch abends nur mal mit einer Lampe, am besten UV-Licht, an einen Waldrand begeben. „Da sind sie im Nu umschwirrt von dicken Brummern.“

Erst ab der Dämmerung, wenn sich ihre Fressfeinde, die Vögel, zur Ruhe begeben haben, schwirren die Käfer aus ihren Verstecken. Dann schwärmen sie in großen Gruppen zum „Hochzeitsflug“ aus. Mit den bis zu 50.000 Geruchssensoren auf den Fühlerlamellen spüren die Männchen paarungsbereite Weibchen auf.

Von künstlichem Licht angezogen, das heller leuchtet als der Mond, bringen sich Maikäfer allerdings schon vor der Hochzeit in tödliche Gefahr – und prallen etwa gegen erleuchtete Fensterscheiben.

Maikäfer können am längsten – vier Stunden und mehr

Das sei auch der Grund, warum gut beleuchtete Straßen nicht selten mit toten Maikäfern gepflastert sind, sagt Schulze. „Sie dotzen an die Straßenlaternen und fallen auf den Boden, meistens auf den Rücken. Da versuchen sie strampelnd, sich umzudrehen. Aber die Doppelflügel sind schwer, viele schaffen es nicht. Dann kommen morgens die Pendler und überfahren die Käfer.“

In anderen Dingen ist der Maikäfer ausdauernd. So schreibt es Tierforscher Andreas Kieling in seinem Buch „Maikäfer können am längsten: Dem Liebesleben der Tiere auf der Spur“. Kieling hat beobachtet, dass Maikäfer sich – je nach Wetterlage – vier Stunden und länger paaren.

Allerdings sei der Spaß dabei nicht beidseitig gleich: „Dem Weibchen wird dabei zwischendurch so langweilig, dass es wieder mit dem Fressen anfängt oder einschläft“, so Kieling. Das Männchen stirbt schon kurz nach dem Akt.

Wer also einen zappelnden Maikäfer auf dem Rücken sieht, sollte ihn behutsam umdrehen, sodass er wieder abheben kann – und vielleicht noch ein paar schöne Stunden hat.