Nostalgischer Luxus am Meer

Kleine Fluchten: Das Hotel Miramar in Westerland zelebriert seine Vergangenheit mit Plüsch und Stuck

Als „Privatier“ trug sich der aus Berlin angereiste Gast unter der Nummer 6385 in das Fremdenverkehrsbuch der Gemeinde Sylt ein. Womöglich wollte der 65-Jährige Otto Busse an jenem 12. August 1902 sein wahres Ansinnen nicht verraten, als er mit seiner zweiten Frau Wilhelmine im Hotel Stadt Hamburg in Westerland abstieg. Manche Geschäfte wickelt man nun mal am besten diskret ab. Busse, vermögend dank Restaurants in seiner Berliner Heimat, sucht Anfang des 20. Jahrhunderts ein Grundstück für seinen großen Traum, ein Luxushotel zwischen den Dünen. „Es fehlt hier an modernen Häusern“, schreibt er seinem Sohn Georg. Busse wird fündig direkt am Strand, Arbeiter ziehen binnen sechs Monaten das vierstöckige Hotel Miramar hoch, benannt nach dem Lustschloss bei Triest, für das der Hotelier seit einer Italien-Reise schwärmt.

Liebhaber von Design-Hotels sind im Miramar an der falschen Adresse

Gut 111 Jahre nach der Eröffnung im Frühjahr 1903 zeigt Hausherr Nicolas Kreis, 55, auf das gläserne Kuppeldach, das sich über der gediegenen Bar mit dunklem Parkett und Biedermeiersesseln wölbt. „Das Dach hat mein Urgroßvater Otto entwerfen lassen“, sagt der Hotelchef stolz. In der Hotelchronik findet sich noch das erste Plakat des „Logirhauses Miramar“, das mit „vorzüglichen Betten und jedem Komfort der Gegenwart“ wirbt. Zur Wahrheit gehört allerdings auch, dass das schöne Haus knapp drei Jahre nach der Eröffnung fast von einer Sturmflut verschluckt worden wäre. „Die geschäftstüchtigen Insulaner haben meinem Urgroßvater leider nicht gesagt, mit welcher Macht die Elemente auf der Insel zuschlagen können“, sagt Kreis. Ein eilends errichteter Damm, später Beginn der berühmten Westerland-Promenade, rettet das Miramar.

Alles andere wäre auch ein Jammer gewesen. Das Miramar ist eben keines der oft seelenlosen Häuser großer Hotelketten. Die Lobby gleicht eher einem gediegenen Wohnzimmer, die Stufen hinauf zu den Zimmern knarzen bei jedem Schritt. Wer ein solches Hotel führt, darf alte Zöpfe nur ganz behutsam mit der Nagelschere abschneiden. „Den Charakter dieses Hotels zu wahren ist uns sehr wichtig“, sagt Kreis.

Das ist aufwendig. Und mitunter sehr teuer, da ergeht es Kreis nicht anders als privaten Bauherren, die eine alte Villa sanieren wollen. „Bei Renovierungen entdeckt man häufig gleich das nächste Problem“, sagt Kreis. Und nicht alle Überraschungen sind so spaßig wie beim Umbau der Bar, als hinter einer Wand plötzlich „nackte Rubens-Weiber“ (Kreis) auftauchten, die der künstlerisch veranlagte Sohn des Gründers gepinselt hatte.

Liebhaber durchdesignter, cooler Hotels sind im Miramar definitiv falsch. Das Haus bekennt sich zu seiner Vergangenheit, zu Plüsch und Stuck. Der Rezeptionist, der die Gäste zum Zimmer begleitet, tippt kurz auf die opulenten Vorhänge: „Die ganz vorne sind nur Dekoration. Manche Gäste ziehen und ziehen – und reißen dann die ganze Stange runter.“

Der Blick durch die Fenster offenbart dann den unschlagbaren Vorzug des Miramars: die Lage. Der hauseigene Werbeslogan „Ihr Logenplatz am Meer“ mag abgegriffen klingen, aber er stimmt. Wer es sich auf den Polstern auf dem Balkon gemütlich macht, hat das Gefühl, er liegt am Strand. Das Gewusel der Friedrichstraße, der Fußgängerzone Westerlands, mit Kneipen, Eisdielen und Souvenirshops scheint so weit weg wie Hamburg.

Zugegeben, diese Lage hat ihren Preis, das Miramar ist auch in der Nebensaison alles andere als ein Schnäppchen. Dafür gönnt sich Kreis allerdings auch einen Service, der jeden Controller in den Wahnsinn treiben würde. Beim Frühstück zum Beispiel schneidet ein eigens abgestellter Koch Schinken, Salami und Wurst für die Gäste frisch auf. Unterdessen stellt eine Kellnerin für einen Stammgast, der offenbar immer zur gleichen Uhrzeit frühstückt, den frisch gepressten Saft zwei Minuten vor dessen Eintreffen auf den Tisch.

„Wir haben Gäste, die uns schon seit Jahrzehnten beehren, manche kommen mehrmals im Jahr“, sagt Kreis. Wer sich auch noch den Nachmittags-Kuchen – bei gutem Wetter stilecht in den Strandkörben auf der Terrasse serviert – sowie das Dinner bei Kerzenschein gönnt, sollte den Gang auf die Waagen in den Bädern meiden. Der Steinbutt in schwarzem Sesam auf Kartoffelpüree mit roten Zwiebeln und Forellenkaviar oder das Kalbsfilet auf Kirschtomaten-Pasta mit Weißweinsauce und Chips vom Trüffel-Schweinefiletschinken sind zu lecker, um sich groß mit dem leidigen Thema Diät aufzuhalten. Und wer mag, kann ja im Hallenbad ein paar Kalorien abbauen. Oder im großzügigen Wellness-Bereich mit drei Saunen den Wein vom Vorabend ausschwitzen.

Übrigens: Kinder unter elf Jahren logieren im Zimmer der Eltern kostenlos, ein Spielzimmer gibt es auch. Aber seien wir ehrlich: Das ist nicht unbedingt eine gute Idee. Kulinarische Kinder-Favoriten wie Pommes mit Ketchup und Mayo oder Salami-Pizza passen zum gepflegten Dinner, wo das Essen natürlich unter Silberhauben serviert wird, wie ein Billy-Regal ins Antiquitätengeschäft. Im Miramar-Luxus schwelgt man entschieden besser zu zweit, die lieben Kleinen müssen dann eben mal für ein paar Tage zu Oma und Opa oder zu guten Freunden.

Und dann inspiriert das nicht ganz jugendfreie Bild von Udo Lindenberg, ausgestellt in der Bibliothek, auch eher für nächtliche Freizeitgestaltung. Der Alt-Rocker ist Miramar-Fan, in der Hotelchronik schreibt er sogar, dass er genau hier vor langer Zeit entschieden habe, mit deutschen Texten Karriere zu machen. Im Restaurant hängt ein weiteres Lindenberg-Plakat. „Miramar ist wunderbar“, hat der Künstler es betitelt. Da hat er recht, der Udo.