Hamburger Müllkreislauf

Wir Wegwerfer und Mülltrennungs-Muffel

Autoteile im Verpackungsmaterial, Schuhe in der Papiertonne, Gartenscheren im Bioabfall: In Europas Umwelthauptstadt 2011 nimmt man es mit der Müllsortierung nicht so genau.

Wenn der Hamburger Müll zu Alfred Eisenberg in den Bunker kommt, ist es zu spät für die Mülltrennung. Alles, was hier vor Eisenberg liegt, wird verbrannt. Schummrig ist es in der Krankanzel, auch der Müllbunker ist nur spärlich beleuchtet. 5000 Tonnen liegen im Bunker – von der Kanzel aus blickt Eisenberg auf einen riesigen Abfallhaufen. Alfred Eisenberg lässt seinen Greifer losfahren, er steuert ihn mit einem Joystick. Die Riesenkralle fällt über den Müllberg her, es knirscht. Fünf Tonnen sind jetzt im Greifer. Der Arm reicht bis zu einem Förderband, das den Restmüll ins Kesselhaus transportiert. Bei 800 Grad Celsius wird Hamburgs Restmüll verbrannt.

Doch das meiste, was hier in der Müllverbrennungsanlage Stellinger Moor nahe dem HSV-Stadion ins Feuer kommt, müsste gar nicht brennen. Es könnte zu Kunststoff recycelt werden. Oder wieder zu Papier werden. Oder in Biogas oder Kompost verwandelt werden.

Graue Tonnen haben der Fahrer Rüdiger Körner und seine Auflader Ralph Mundt, Danny Schöner und Holger Ladwig von der Hamburger Stadtreinigung auf ihrer Tour durch die Heimhuder Straße in Harvestehude geleert. Was da alles zusammenkommt: Rasenschnitt, Glas, alte Pullover, Zeitungen, Wahlplakate der CDU, Getränkeverpackungen, Pfandflaschen, Dosen, eine Radkappe von einem Mercedes, eine Kühlbox. Mehr als 80 Prozent dieses Abfalls müssten gar nicht verbrannt werden. Weil diese Stoffe kein Restmüll sind.

700.000 Tonnen Müll produzierten die Hamburger im vergangenen Jahr. Pro Kopf sind das rund 400 Kilo. Der größte Teil davon ist Restmüll – pro Kopf 265 Kilo. Keine andere deutsche Stadt produziert mehr Restmüll. Die Bürger aus Frankfurt am Main kommen auf 225 Kilo Restmüll, die Berliner auf 234, die Freiburger sogar nur auf 109 Kilo.

Hamburg ist auch die Hauptstadt der Mülltrennungs-Muffel: Es gibt die geringsten Recycling-Raten, die geringsten Altpapier-Raten, die geringsten Kompostierungsraten. Und das, obwohl Hamburg sich ein teures System mit vier Mülltonnen leistet: die gelbe Wertstofftonne, die blaue Papiertonne, die grüne Biotonne und die graue Restmülltonne.

Warum ist das so?

Müll – das sind begehrte Wertstoffe. Die Idee eines Wertstoffkreislaufs ist so einfach: Was wir nicht mehr brauchen, schmeißen wir weg, es wird abgeholt, sortiert und recycelt und gelangt in irgendeiner Form erneut zu den Konsumenten. Wenn alle mitmachen würden, dann gäbe es kaum noch Restmüll. Aber es machen nicht alle mit: die Bürger nicht, die Lebensmittelindustrie nicht – und auch die Politik und die Verwaltung nicht. Manche Stoffe sind begehrt und werden recycelt – andere sind nicht begehrt und werden verbrannt. Wenn Geld ins Spiel kommt, schwindet das grüne Gewissen. Auch bei den Verbrauchern. Bei ihnen vor der Haustür beginnt der Hamburger Müllkreislauf.

Gelbe Tonne

Jenfeld, Glogauer Straße, an einem Mittwochmorgen im Juli. Vor den Häusern stehen gelbe Tonnen, sauber aufgereiht. Fahrer Nikolai Gerliz fährt vor, Auflader Andy Scheel rollt die Tonnen an den Lastwagen heran und wuchtet die Behälter auf den „Kipper“. In die gelbe Tonne gehören Metall, Kunststoff oder Verpackungen. Darüber hinaus auch noch Gegenstände, die mindestens zur Hälfte aus Kunststoff oder Metall bestehen wie etwa Dosenöffner, Bratpfannen oder Kinderspielzeug.

Bis zu 400 gelbe Tonnen leeren Gerliz und Scheel an diesem Vormittag. Die klassische Tonne ist gefüllt mit: Chipstüten, Einkaufstüten, Getränkepackungen, Joghurtbechern. Doch die beiden Entsorger können nicht verhindern, dass auch Dinge in ihren Laster plumpsen, die gar nicht hineingehören: Rotweinflaschen zum Beispiel. Häufig finden sie auch Eimer mit Farbe, Autoteile oder Restmüll. Fällt ihnen das vor dem Aufladen auf, lassen sie die Tonne stehen.

Die gelbe Tonne ist das komplizierteste Mülltrennungssystem: Die Verpackungsverordnung schreibt den Herstellern vor, ihre Produkte wieder zurückzunehmen. Doch diesen Job lagern die Hersteller aus: Zehn private Unternehmen sind für die Wiederverwertung von Verpackungsmüll in Deutschland verantwortlich. Die Hersteller zahlen Hunderte Millionen Euro dafür, dass sie sich nicht darum kümmern müssen, ihre Verpackungen nach dem Gebrauch wieder einzusammeln und zu recyceln. Das bekannteste Unternehmen ist das Duale System Deutschland – es vergibt für Produkte den Grünen Punkt.

Firmen wie DSD sammeln die Verpackungsabfälle in der Regel nicht selbst ein, und sie sortieren sie auch nicht. Die Aufträge werden öffentlich ausgeschrieben. In Hamburg hat die Stadtreinigung mit ihrer Tochtergesellschaft Wert GmbH den Auftrag für das Einsammeln der Wertstoffe erhalten. Sortiert werden die Abfälle aus der gelben Tonne vom französischen Konzern Veolia, in einer Anlage in Billbrook.

Rückwärts fahren die Mülllaster auf eine Rampe, die Luke wird geöffnet – und der Müll fällt in eine riesige Halle. Es riecht süßlich hier, Mücken schwirren herum. Und dennoch hat dieser Haufen etwas Ästhetisches: Man schaut in ein buntes Kaleidoskop. Ab und zu entdeckt man etwas Vertrautes: einen Joghurtbecher der Marke des Vertrauens, eine Milchtüte. Schön bunt sind die Verpackungen. Genauso, wie der Kunde sie will. Deshalb stellt die Verpackungsindustrie sie so her. Egal, wie schwer es ist, sie später zu trennen.

Ein Mitarbeiter von Veolia schiebt den Müll mit seinem Frontlader auf ein Fließband, eine Zackenwalze reißt die gelben Säcke auf. Das Sortieren kann beginnen. Ein Magnet zieht Eisenmetalle ab – Dosen, Kronkorken, Marmeladenglasdeckel. Aluminium, Kupfer und Messing werden elektrisch aufgeladen und ebenfalls mit einem Magneten abgezogen. Sensoren entdecken Papier, Folien und Plastiktüten.

Die Anlage filtert die verschiedenen Kunststoffe heraus – etwa PE-Kunststoffe, aus denen Waschmittelverpackungen gemacht sind, oder PP-Kunststoffe, die als Material für Joghurtbecher dienen. Kunststoffe, die nicht getrennt werden können, kommen als „Mischkunststoffe“ aus der Anlage.

Etwa ein Sechstel des Materials, das hier ankommt, kann nicht mehr recycelt werden. Es wird zerkleinert – und als Ersatzbrennstoff statt Kohle genutzt, zum Beispiel in Zementfabriken.

Die sortierten Kunststoffe werden zu Ballen gepresst, jeder wiegt etwa eine halbe Tonne. 33.000 Tonnen Kunststoffe, Metalle und Verpackungen aus Hamburg wurden von Veolia in Billbrook im vergangenen Jahr sortiert.

Der Stadtreinigung stehen für das Einsammeln 16,4 Prozent der eingesammelten Wertstoffe zu. Sie verkauft Metalle und Kunststoffe auf dem freien Markt. Im vergangenen Jahr nahm sie so 114.000 Euro ein – das Geld wird mit den Kosten für die Müllsammlung gegengerechnet und fließt so in die Kalkulation der Müllgebühren mit ein.

Mischkunststoffe, die nur schwer voneinander getrennt werden können, erzielen auf dem Markt schlechte Preise. Meistens werden sie deshalb verbrannt. Doch die Stadtreinigung hat einen Abnehmer gefunden: Einmal in der Woche fährt ein Lastwagen mit Ballen nach Niedergebra in Thüringen, zur Firma mtm plastics.

Ralf Böttner bringt einen Putzeimer und eine Staubsaugerdüse mit zum Gespräch. Der Produktionsleiter von mtm plastics will zeigen, was aus dem Müll aus der gelben Tonne aus Hamburg gemacht wird. Hier in Thüringen, mehr als 300 Kilometer von Hamburg entfernt, wird aus dem Hamburger Wertstoffmüll das Produkt Dipolen. Böttner kippt kleine Plastikplättchen auf den Tisch. Aus den Plättchen werden Putzeimer und Staubsaugerdüsen gemacht. Recyceltes Plastik kostet halb so viel wie neues – und dennoch gehen viele Firmen, die auf wiedergewonnenes Material zurückgreifen, damit nur zögerlich an die Öffentlichkeit. Die Verbraucher wollen neue Ware, keine alte, das Image von recyceltem Plastik könnte besser sein, sagt Böttner.

Die Firma mtm kauft Wertstoffe ein, recycelt sie und verkauft sie wieder. Das Geschäft, sagt Böttner, laufe sehr gut. Er führt uns in die Anlieferungshalle, wo die Ballen aus Hamburg liegen. Das Material wird kleingeschreddert. Es sollen ausschließlich Kunststoffe verarbeitet werden – alles andere muss raus. Die Stoffe werden gewaschen und eingeschmolzen und durch eine Art Fleischwolf gedreht. Wenn der Stoff wieder fest wird, ist das Produkt fertig.

Von den Materialien, die in Niedergebra ankommen, kann die Hälfte zu Dipolen verarbeitet werden, zehn Prozent sind Wasser. 40 Prozent sind jedoch nicht zu verwerten – das Material wird überwiegend als Ersatzbrennstoff genutzt.

So funktioniert das System der gelben Tonne. Nicht alles kann recycelt werden. Und gerade das ist die Kritik des Hamburger Chemie-Professors Michael Braungart an der gelben Tonne. Er gibt der Industrie und vor allem der Politik die Schuld dafür: Braungart fordert, die Inhaltsstoffe von Verpackungen so festzuschreiben, dass alles recycelt werden kann.

„Es befinden sich immer noch viel zu viele Schadstoffe in den Verpackungen“, sagt Braungart. In einem Joghurtbecher mit Metalldeckel ließen sich 127 Chemikalien nachweisen. Von Systemen wie dem Grünen Punkt hält Braungart nicht viel: Diese Systeme hätten es nicht geschafft, Schadstoffe wie PVC, Antimon oder Blei-Chromat aus dem Kreislauf zu beseitigen. Das schädliche PVC komme immer noch in zwei Prozent der Verpackungen vor, ebenso Antimon in PET-Flaschen und Blei-Chromat in Kartoffelnetzen.

Die Sortieranlagen wie die von Veolia könnten die Müllmengen noch viel feiner sortieren, sodass das Recycling höherwertig wird. „Eine Colaflasche kann zu Garn recycelt und zu Kleidung werden. Aber aus Textilien kann keine Colaflasche werden“, kritisiert Braungart. Doch gerade das müsste das Ziel eines echten Kreislaufs sein – dass am Ende bessere und nicht schlechtere Produkte dabei herauskommen. „Upcycling“ nennt Braungart das. Nur: Das kostet Geld – feines Aussortieren lohnt sich nur, solange die Wertstoffe auf dem Markt gut verkauft werden können. Im Moment ist die Nachfrage nach PET-Kunststoff eingebrochen. Branchenkenner befürchten, dass PET eines Tages nicht mehr recycelt wird – sondern einfach verbrannt.

Blaue Tonne

Die Jürgenstraße in Harburg, neun Uhr morgens. Fahrer Holger Schulz und die Auflader Siegfried Lissack und Davor Marjanovic leeren an diesem Vormittag 800 blaue Altpapiertonnen. Bis zu 100 Kilo wiegt so ein Behälter.

Eine blaue Tonne in Hamburg soll enthalten: Zeitungen, Kartons, Eier-Verpackungen, Küchenrolle. Doch die beiden Auflader haben auch schon Schuhe, Aktentaschen und jede Menge Lebensmittelreste in der blauen Tonne gefunden.

Auch das Altpapier wird von Veolia sortiert, in einer weiteren Anlage in Billbrook. Getrennt wird in Kartonage und Zeitungspapier, der Rest ist Mischpapier. Für die Trennung sorgt ein großes Gebläse: Schweres Material wie Pappe fällt nach unten, leichtes Zeitungspapier schwebt nach oben.

Auch Papier ist ein Wertstoff. Um ihn zu vermarkten, hat die Stadtreinigung zusammen mit Veolia eine Agentur gegründet, die Hamburger Papierverwertungsgesellschaft (HPV). Papier läuft gerade weniger gut – dafür verkauft sich Pappe super. Die Konsumenten bestellen Produkte im Internet und lassen sie sich nach Hause schicken – alles muss verpackt sein. Laut Geschäftsbericht der Stadtreinigung konnte die HPV im vergangenen Jahr durch „die gute Absatzstruktur in einem insgesamt von fallenden Papierpreisen geprägten Jahr hohe Erlöse erzielen“.

Wer den besten Preis für das Altpapier zahlt, bekommt den Zuschlag – egal wohin das Altpapier zum Recyceln hinbewegt werden muss. Auch chinesische Unternehmen gehören zu den Altpapier-Kunden der Stadtreinigung. Wie weit das Altpapier um die Welt gefahren wird und wie sehr die Umwelt dabei belastet wird, spielt keine Rolle. 59.000 Tonnen Papier sammelte die Stadtreinigung im vergangenen Jahr aus den blauen Tonnen ein. Alles wird recycelt. 3,4 Millionen Euro nahm das städtische Unternehmen durch die Vermarktung von Papier aus der blauen Tonne ein.

Die Firma Steinbeis in Glückstadt bekommt gerade mal 6000 Tonnen Altpapier aus Hamburg – die Recyclingfirma hätte gerne mehr. Vor der Papierfabrik von Steinbeis stehen riesige Ballen Altpapier. Die Ballen werden auf Förderbänder verladen, aufgerissen. In einer Trommel wird das Papier mit Wasser vermischt, die Papierfasern rutschen durch ein Sieb. Kunststoff, Metall und Glas wird herausgefiltert, die Farbe aus dem Papier herausgewaschen. Am Ende wird das Wasser aus dem Gemisch herausgepresst, übrig bleibt der „Pulp“, der aufgelöste Faserstoff. Dieser Stoff wird wieder mit Wasser versetzt. Die weiße Flüssigkeit, die in die Papiermaschine läuft, besteht zu 99 Prozent aus Wasser und zu einem Prozent aus Fasern. Mit hoher Geschwindigkeit wird das Gemisch auf ein gelochtes Fließband geschossen, sodass die Fasern die feinen Löcher verstopfen und sich eine Papierfaser-Oberfläche bildet. Unter Dampfdruck wird das Material getrocknet und gepresst. Es ist sehr heiß in der Glückstädter Papierfabrik.

20 Tonnen wiegt die komplette Rolle, 55 Kilometer Papier sind drauf. Daraus stellt Steinbeis vier Millionen DIN-A4-Blätter her. Im Schnitt, so die Firma, können aus einer blauen Tonne mit 100 Kilo Füllgewicht 10.000 Blatt Papier produziert werden. Und auch aus dem Hamburger Restmüll ließen sich sicher einige Millionen Blatt Papier zusätzlich gewinnen.

Grüne Tonne

Saseler Mühlenweg, Sasel. Fahrer Andreas Komrad und die Auflader Florian von Rekowski und Kristof Bialek leeren die grüne Tonne. In den Tonnen: Rasenschnitt, Blätter, Blumensträuße, Obstreste. Die Auflader finden jedoch auch häufig Gehwegplatten und Sand in den grünen Tonnen. Schon am Gewicht merken sie dann, dass etwas nicht stimmt – und lassen die Tonne stehen.

600 Tonnen später fahren die drei Entsorger der Stadtreinigung in Tangstedt in die Anlieferhalle des Biogas- und Kompostwerks Bützberg. Zweige, Blätter und Gras zischen auf den Boden. Manchmal knistert es: Dann ist gleich ein ganzer Laubsack mit in die Tonne geraten.

Auch hier kommt das Material auf ein Fließband. Ein Magnet zieht Metall heraus. In einem Eimer landen die Dinge, die die Hamburger in die grüne Tonne tun, obwohl sie darin nichts zu suchen haben: Eisenwolle, Löffel, Gabeln, Gartenscheren, Harken. Im Mai, zur Spargelzeit, sortiert der Magnet besonders viele Spargelschäler aus.

Der Bioabfall wird zerkleinert und landet in einer der 21 Kammern der Biogasanlage. Drei Wochen gärt der grüne Haufen vor sich hin. Das Gas, das dabei entsteht, wird in große Gasspeicher auf dem Dach der Anlage abgeführt. Von dort aus wird es gereinigt, zu Biomethan aufbereitet – und ins Gasnetz eingespeist. Im vergangenen Jahr waren es 6,4 Millionen Kilowattstunden – das entspricht dem jährlichen Strombedarf von 1800 Haushalten.

Der braune, dampfende Haufen, der aus den Kammern kommt, landet für fünf Wochen in der „Rotte-Halle“, wird zu Kompost verarbeitet – und an der Anlage Bützberg verkauft, der Kubikmeter kostet elf Euro.

Graue Tonne

Zurück im Stellinger Moor, in der Müllverbrennungsanlage. Der brennende Abfall erhitzt Wasser, der dabei entstehende Dampf wird mit Turbinen in Strom umgewandelt. Dann wird noch einmal auf Metalle und Feinstaub gefiltert. Die Schadstoffe werden gewaschen. Was am Ende vom Hamburger Restmüll übrig bleibt, ist ein grobes, schwarzes Pulver. Schlacke. Auch sie kann noch verwendet werden, zum Beispiel im Straßenbau.

Es klingt alles so wunderbar: Wertstoffe werden zu Putzeimern. Altpapier zu neuem Papier. Biomüll zu Energie und Kompost. Und Restmüll zu Strom und Schlacke. Und trotzdem hat Hamburg nur eine Recycling-Quote von 32 Prozent. Frankfurt etwa kommt auf 39 Prozent, Freiburg gar auf 67.

Laut dem Hamburgischen Abfallwirtschaftsgesetz und mehreren Verordnungen sind eigentlich alle Bürger dazu verpflichtet, ihren Müll zu trennen. Die Lücke im Gesetz: Wer keinen Platz für Mülltonnen hat, kommt drum herum. Vor allem Vermieter drücken sich und verweisen darauf, dass sie im Keller, im Hof oder vor dem Haus keinen Platz für die Tonnen haben. Die Stadtreinigung gibt violette Müllsäcke aus, die die Bewohner mit ihrem – ungetrennten – Müll füllen und an die Straße stellen. Dort reißen die Säcke schon mal auf und locken Ratten an. Nur 69 Prozent der Hamburger Haushalte haben eine blaue, gerade 54 Prozent eine grüne Tonne.

Mit einer großen Kampagne versucht die Stadtreinigung, die Bürger zum Mülltrennen zu bewegen. Gelockt wird mit Geld: Die Höhe der Abfallgebühr bemisst sich am Restmüll. Und es hat auch schon etwas gebracht: Die Restmüllmenge ist im Jahr 2012 um fünf Prozent zurückgegangen. Und trotzdem hat Hamburg immer noch den höchsten Restmüllanteil – und die schlechtesten Trennungsraten und Recyclingquoten.

Der Senat verweist darauf, dass 80 Prozent der Hamburger zur Miete wohnen und die Hälfte aller Haushalte Single-Haushalte seien, die überproportional viel Restmüll produzieren. Und sicher gibt es auch viele, die sich einen Dreck um Mülltrennung scheren.

Aber ist es das wirklich? Chemie-Professor Michael Braungart wirft Hamburg und der Stadtreinigung „das dümmste Abfall-Management von allen deutschen Städten“ vor. Die Stadtreinigung wolle gar nichts dagegen tun, dass die Restmüllmenge so hoch ist. Denn: Sammeln und Sortieren sind pro Tonne doppelt so teuer wie das Verbrennen. Und: „Müll brennt nur dann gut, wenn man das Papier und die Kunststoffe drin lässt“, sagt Braungart. Müllverbrennen spart Geld – und bringt Geld.

Vier Müllverbrennungsanlagen gibt es im Raum Hamburg. Die Stadtreinigung betreibt nur die Anlage im Stellinger Moor allein, an jener am Rugenberger Damm ist sie beteiligt. Und die Anlagen laufen richtig gut, denn sie sind weitgehend abgeschrieben.

Die Stadtreinigung teilt mit, dass die Müllverbrennungsanlage Stellinger Moor keine eigenständigen Umsätze oder Gewinne mache, als Teil der Stadtreinigung. Um einen Eindruck zu bekommen, wie lukrativ das Ganze ist, lohnt ein Blick auf die Müllverbrennungsanlage Rugenberger Damm. Laut dem Mehrheitseigentümer Vattenfall machte die Anlage 2011 einen Gewinn von 22 Millionen Euro.

Damit die Müllverbrennungsanlagen ausgelastet sind, wird Müll importiert: aus den Landkreisen Harburg, Heidekreis, Stade und Rotenburg/Wümme, Pinneberg und Segeberg. Die Verträge umfassen größtenteils eine feste Menge Müll pro Jahr. Auch aus dem Ausland kommt Restmüll nach Hamburg: „Siedlungsabfälle“ aus Großbritannien. 240.000 Tonnen Müll werden zum Verbrennen aus dem In- und Ausland importiert. Die Verträge laufen teilweise bis zum Jahr 2019.

Michael Braungart nennt die Müllverbrennungsanlagen „Müllvermehrungsanlagen“. Die Stadtreinigung widerspricht. Das städtische Unternehmen lasse sich „grundsätzlich von Zielstellungen des Klima- und Ressourcenschutzes“ leiten. Doch gleichzeitig sei es auch die Aufgabe, die Müllgebühren für die Hamburger stabil zu halten. Deshalb die langfristigen Import-Verträge. Eine nachträgliche Sortierung des Restmülls sei auch deshalb nicht möglich, weil dies einfach zu teuer sei.

Dreimal müssen die Hamburger etwas in ihren Müll investieren: Der Aufschlag für den Grünen Punkt ist beim Kauf der Produkte schon mit drin. Dann die Müllgebühr. Und schließlich noch Zeit fürs Mülltrennen.

Dennoch finden die Stoffe, die sie in die Tonne werfen, nicht immer einen Abnehmer. Das schert die Industrie wenig: Sie produziert, was billig ist – und dem Verbraucher gefällt. Andere Wertstoffe wie Papier werden um die ganze Welt geschickt, um Abnehmer zu finden. Und die Stadt und ihre Reinigung müssen sparen – die Bürger würden bei steigenden Müllgebühren auch schimpfen. Und so ist es die graue Restmülltonne, in der weiterhin alles landet. Eine Vernichtung von Wertstoffen.

Es gibt nicht den Schuldigen in dieser Müll-Geschichte. Sondern viele Verantwortliche. Hamburg hat sich mit dem Titel „Umwelthauptstadt Europas“ geschmückt. Irgendwie passt das nicht zu dieser Geschichte.