Wahlkampf

Comeback auf dem Kirmesplatz: Donald Trump ätzt gegen Biden

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Dirk Hautkapp
Trump "freut sich sehr" auf nächste US-Präsidentschaftswahl

Trump "freut sich sehr" auf nächste US-Präsidentschaftswahl

In seiner ersten Rede seit mehreren Monaten hat der frühere US-Präsident Donald Trump eine mögliche erneute Kandidatur für das Amt angedeutet. 2024 sei "ein Jahr, auf das ich mich sehr freue", sagte Trump beim Parteitag der Republikaner in Greenville im Bundesstaat North Carolina. 2024 findet in den USA die nächste Präsidentschaftswahl statt.

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Fünf Monate nach dem Ende seiner Amtszeit hat Ex-US-Präsident Trump wieder eine Großkundgebung abgehalten. So war der Auftritt.

Wellington/Washington. Im August feiert der Kirmes-Platz von Lorain County im US-Bundesstaat Ohio 175-jähriges Bestehen. Das Areal im 5000-Seelen-Ort Wellington in der Nähe von Cleveland bekam am Samstagabend vorzeitigen Geburtstagsbesuch: Donald Trump, mit seiner Abwahl immer noch hadernder Ex-Präsident, leitete dort, eingeklemmt im Terminkalender zwischen einer Hochzeit und einer Schulungsmaßnahme für Pestizid-Anwender, fünf Monate nach dem unrühmlichen Abgang aus dem Weißen Haus sein Comeback auf öffentlicher Bühne ein.

Unter dem Etikett "Rettet Amerika" gab der 75-Jährige vor mehreren Tausend eingefleischten Anhängern eine 90-minütige Kundgebung, die in Stil und Inhalt an Dutzende ähnlicher Veranstaltungen während seiner Präsidentschaft anknüpfte: Die Demokraten sind unfähig und böse. Und Amerika ist (ohne ihn) praktisch verloren. "Linksradikalen Mobbern" und "sozialistischen Bürokraten" in Washington müsse Paroli geboten werden.

Donald Trump hält an seiner Wahlbetrugs-Lüge fest

Neu war die bizarre Steigerung seiner von Dutzenden Gerichten widerlegten Behauptung, die Demokraten hätten ihm den "gewaltigen Sieg" bei der Wahl im vergangenen November gestohlen. "Das ist das Verbrechen des Jahrhunderts", las Trump bei schwül-heißen Abendtemperaturen um 30 Grad vom Teleprompter ab.

Er beklagte standardmäßig die Weigerung der meisten Medien, über den von über 50 Prozent der republikanischen Wähler geglaubten "Wahlbetrug" zu berichten. Trumps destilliert daraus diese trübe Suppe: "Wir haben die Wahlen zweimal gewonnen. Es ist möglich, dass wir sie zum dritten Mal gewinnen müssen."

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Trumps Rede wurde nicht einmal von Fox News übertragen

Apropos Medien: Bis auf die rechtspopulistischen Spartensender OAN und Newsmax übertrug kein US-Netzwerk die in der Sache nachrichtenfreie bis redundante Rede; auch nicht Trumps Ex-Lieblingskanal Fox News.

Ein Grund für die Zurückhaltung dem Vernehmen nach: Trumps Firma, ein Konglomerat, das Hotels, Immobilien und Golf-Klubs besitzt, könnte schon sehr bald offiziell auf der Anklagebank sitzen. Ein Anwalt des Konzerns bestätigte in US-Medien, dass die Staatsanwaltschaft in New York das Unternehmen des früheren Präsidenten strafrechtlich belangen will.

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Klage gegen Trumps Firma wegen Steuervergehen auf dem Weg

In der Anklage, die für diese Woche erwartet wird, soll es unter anderem um Steuervergehen bei Begünstigungen gehen, die die Trump-Organisation Spitzenmanagern wie dem obersten Finanzaufseher Allen Weisselberg gewährt haben soll; etwa die Nutzung von Wohnungen, Autos und das Begleichen der Bildungskosten für Kinder und Enkelkinder.

Trump ging auf die bedrohliche Situation nur kursorisch mit seiner Standard-Replik ein, wonach eine politisch motivierte "Hexenjagd" gegen ihn im Gange sei.

Ex-Präsident: Trump schießt auch gegen die Republikaner

Ohio war für ihn aber nur der Anfang. Den Sommer über bis in den Herbst wird Trump mehrfach bei ähnlichen Großveranstaltungen den kritikasternden Schatten-Präsidenten geben; am Vorabend des Unabhängigkeitstages 4. Juli etwa in Sarasota/Florida. Dabei steht abseits der maßlosen und meist wahrheitswidrigen Schelte für Joe Biden - "er zerstört unser Land", "er ist eine totale Katastrophe" - Vergeltung im Vordergrund:

Alle jene republikanischen Kongress-Abgeordneten, die ihm im zweiten Amtsenthebungsverfahren (wegen der Erstürmung des Kapitols) die Loyalität verweigert haben, sollen nach dem Willen Trumps ihm hörige Gegenkandidaten bei den anstehenden Zwischenwahlen zum Parlament im November nächsten Jahres bekommen.

Trump startet seinen Rachefeldzug durch die amerikanische Politik

Trumps "endorsement", so nennt man die US-typischen Wahlempfehlungen, gilt in Partei- und Wählerkreisen als Ritterschlag. In Ohio wird das der Abgeordnete Anthony Gonzalez zu spüren bekommen. Er wollte Trump im Januar als einer von zehn "Reps" aus dem Amt entfernt sehen. Nun bekommt er in Max Miller einen Trump-ergebenen Gegenkandidaten aus den eigenen Reihen.

Von diesem vorgezeichneten Rahmen des Rachefeldzugs weicht Trump nur in der nächsten Woche kurz ab. Dann zieht es ihn gemeinsam mit Gouverneur Greg Abbott an die texanisch-amerikanische Grenze. Trump will dort Stimmung machen gegen die Einwanderungspolitik seines Nachfolgers, der seit Monaten mit einem Ansturm von Armutsflüchtlingen aus Latein-Amerika zu kämpfen hat. Das Thema ist emotional enorm aufladbar und kann bei den Kongresswahlen die Frage entscheiden, ob die Demokraten ihre knappe Mehrheit im Repräsentantenhaus behalten.

Donald Trump: Will er 2024 noch einmal antreten?

Tun sie es nicht, rechnen Beobachter damit, dass Trump sich zum Königsmacher ausruft und das offizielle Signal gibt, 2024 erneut ins Rennen um die republikanische Präsidentschaftskandidatur einzusteigen. Bisher flirtet er nur mit der Option. Dabei schmeicheln ihm Umfragen, die den Unternehmer im Feld der möglichen republikanischen Aspiranten konstant weit vorn sehen. Nur Ron DeSantis, Gouverneur von Florida und ein Ziehkind Trumps, kann ihm bisher das Wasser reichen.

Aber weil im Fall seines Antritts, der von juristischen Grätschen New Yorker Staatsanwälte und Richter noch durchkreuzt werden könnte, ein Sieg nicht gewährleistet wäre, haben Strategen aus Trumps Umfeld ein neues, schier abenteuerliches Szenario in Umlauf gebracht:

Danach könnten die Republikaner nach einem etwaigen Sieg bei den Zwischenwahlen im Herbst 2022 Trump zum Sprecher des Repräsentantenhaus wählen. Das ginge verfassungsrechtlich, obwohl der Mann gar nicht aus der Mitte des Parlaments kommt, sagen Juristen. Einmal als "speaker" installiert, könnte Trump mit den Republikanern ein Amtsenthebungsverfahren gegen Joe Biden und Vize-Präsidentin Kamala Harris orchestrieren. Im Erfolgsfall wäre er nach den Statuten der US-Verfassung dann der rechtmäßige Interimspräsident. Bei der nächsten ordentlichen Wahl 2024, so träumen manche, würde Trump vom Volk dann mit einem neuen Mandat über vier Jahre ausgestattet.

Als die Ideenskizze, die in der Theorie nicht abwegig ist, zum ersten Mal öffentlich wurde, war das Gelächter groß. Tenor: Räuberpistole. Das Kopfschütteln stoppte allerdings jäh, als der heutige Sprecher des Repräsentantenhauses, Kevin McCarthy, in einem Interview den Plan bestätigte, dass Trump ihn beerben wolle. In der nächsten Schleife sagte Trump, dem sei nicht so. Er finde die Idee aber "sehr interessant".

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