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CSU: Der erzwungene Abschied von Horst Seehofer

Ende der Ära Seehofer: Die fünf absurdesten Szenen der letzten zwei Jahre

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Ende der Ära Seehofer: Die fünf absurdesten Szenen der letzten zwei Jahre

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Markus Söder hat den CSU-Vorsitz von Seehofer übernommen. Den Bayern geht es um Erneuerung beim Sonderparteitag.

München.  Er kann und mag es nicht lassen: Auch am Tag seines Abschieds von der CSU-Spitze muss Horst Seehofer unken. „Sie verlieren auf keinen Fall Ihr Gesicht, wenn Sie eine getroffene Entscheidung revidieren. Sie gewinnen im Gegenteil an Respekt“, zitierte der 69-Jährige bei seiner Ankunft an der Kleinen Olympiahalle aus dem Horoskop seiner Heimatzeitung. Er brauche nun ein „paar Minuten, um diese Güterabwägung durchzuführen“.

Die Umstehenden lachen, CSU-Generalsekretär Markus Blume wirft leicht gequält ein: „War aber nur Spaß, oder?“ Schließlich will die CSU nach langen Machtkämpfen in München den bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder zum neuen Parteichef wählen. Und Seehofer hatte in der Vergangenheit wiederholt mit Rücktritten von Rücktrittsankündigungen für Unruhe gesorgt.

Seehofer geht auch auf das schwierige Jahr 2018 ein

Der scheidende Parteichef kommt in seiner Abschiedsrede darauf zurück, zitiert sein Horoskop (Sternzeichen Krebs) erneut, diesmal vor den Delegierten des Parteitags. Und schließt: „Vor fünfzehn, ja auch noch vor zehn Jahren hätte ich das als Auftrag empfunden. Heute fehlt mir die Risikobereitschaft.“ Ein Raunen im Saal, viele atmen tief durch.

Seehofer beschreibt in seiner gut zehnminütigen Rede seine derzeitige Gemütslage. Er habe 3739 Tage für die CSU gearbeitet. „Ich gebe heute das Amt weiter, aber es bleibt bei mir ein glühendes Herz für meine politische Familie CSU.“ Er betrachte das Amt als großes Geschenk in seinem Leben. Sein „einziger Wunsch“: „Verachtet mir die kleinen Leute nicht.“ Kleine Leute seien die „rechtschaffenen Bürger, die in Verantwortung für Familie und Partnerschaften“ leben. Die in den meisten Fällen mehr täten als ihre Pflicht, sich etwa ehrenamtlich engagierten.

CSU wählt Söder zum Nachfolger von Parteichef Horst Seehofer

Bei einem Sonderparteitag am Samstag in München wählten die Delegierten Söder mit 87,4 Prozent der Stimmen zum Nachfolger von Horst Seehofer.
CSU wählt Söder zum Nachfolger von Parteichef Horst Seehofer

Seehofer geht auch auf das schwierige Jahr 2018 ein. Eine Ursache für den Einzug der AfD in den Landtag liege „in bestimmten Rahmenbedingungen, die nicht primär in München gesetzt wurde“. Der daraufhin notwendig gewordene Spagat sei nicht vorteilhaft gewesen, sagte Seehofer, ohne den Krach mit Kanzlerin Angela Merkel (CDU) über deren Migrationspolitik direkt anzusprechen. Er war damals der Wortführer in der Auseinandersetzung mit der CDU-Vorsitzenden, die fast zu einer Spaltung der Union geführt hätte.

CSU dankt Seehofer mit Standing Ovations

Seehofer benennt indirekt auch den Streit und die Rivalität in der Partei. Der Wettstreit zwischen seinem Nachfolger Markus Söder und ihm, der die die vergangenen Monate, ja Jahre, geprägt hat. Seine eigenen Gefühlslage: Aus der Wehmut der ersten Tage sei ein Stück Dankbarkeit erwachsen. Die Partei dankt ihm mit Standing Ovations.

Seehofer schlägt Söder vor als seinen Nachfolger, der Applaus wird deutlich stärker. Der 72-Jährige kann sich eine Spitze nicht verkneifen: „Am schwierigsten dürfte sein, dass Du Dich nur noch mit Dir selbst koordinieren musst.“ Es sei nicht ganz einfach „mit sich selbst Gespräche zu führen“ unter Anspielung auf die Machtfülle, die nun auf Söder zukommt.

Die Dankesrede muss dann eine Frau halten, die CSU-Vize und Vorsitzende der Frauen-Union in Bayern, Angelika Niebler. Eine der wenigen Frauen, die in der Zeit von Seehofer als CSU-Chef Karriere machten – allerdings vor allem als Europaabgeordnete.

Seehofer hat auch mit weniger Ämtern immer noch Macht in der CSU

Das Geschenk der Partei: Für den Fan von Modelleisenbahnen gibt es Modell der CSU-Landesleitung im H0-Format. Auch hier kann sich Seehofer eine Spitze nicht verkneifen: „Das ist ja so schön, das löst in mir den Wunsch aus, da wieder einzuziehen. Die Hoffnung löst eine Bewerbung aus und die sind ja nie ganz aussichtslos.“ Es ist auch ein Kokettieren mit der Macht, die er in der CSU immer noch hat.

Söder dankt Seehofer danach schnell für die Lebensleistung und beeilt sich, dem Parteitag vorzuschlagen, Seehofer zum Ehrenvorsitzenden zu machen. Ein Vorschlag mit Hintergedanken. Dazu später mehr. Zum Verhältnis zu seinem Vorgänger sagt Söder: Man habe sich manchmal „gegenseitig geprüft“.

Söder hält eine kämpferische Rede. „Wir sind eine proeuropäische Partei und das wollen wir auch deutlich zeigen“. Er wirbt für einen Neuanfang von CDU und CSU. „Wir wollen Profil mit Stil. Die Union sollte wieder miteinander statt gegeneinander arbeiten.“ Und Söder grenzt sich klar von der AfD ab. Wachsende Teile der AfD seien „kein Fall für das Parlament, sondern für den Verfassungsschutz“.

Söder: „Die CSU war nie die Partei der Prosecco-Trinker“

Söder übt sich in Demut: Er sei „wirklich entschlossen“, die richtigen Lehren aus dem Jahr 2018 zu ziehen, und die CSU mit allen zusammen zu neuer Stärke zu führen. Man solle nicht streiten um des Streitens Willen. Die bayerischen Wähler hätten der CSU eine neue Chance geben, die sollte man jetzt nutzen: „Die CSU war nie die Partei der Prosecco-Trinker, sie war immer die Partei der Leberkäs-Etage“, gibt er sich volksnah.

Kurze Zeit später wird der 52-Jährige der neunte Parteichef in der Geschichte der CSU. Der Franke bekommt 87,4 Prozent, er erhielt 674 von 771 abgegebenen gültigen Stimmen. Interessant ist, dass einige Dutzend ihre Stimmen gar nicht abgaben – sie reihten sich stattdessen in die Schlangen vor der Essenstheke.

Die neue CDU-Vorsitzende, Annegret Kramp-Karrenbauer, spricht anschließend von einem „ehrlichen Ergebnis“. Noch sind die Gräben in der CSU tief. Doch eine Baustelle scheint vom Tisch. Die CDU-Chefin bekommt einen warmen Empfang bei der CSU. Sie beschwört die Gemeinschaft von CDU und CSU als „eine politische Familie“. Als AKK die Grünen und die Umwelthilfe kritisiert, bekommt sie Beifallsrufe vom Publikum. „CDU und CSU sind nicht gleich, aber wir ziehen am gleichen Strang. Dafür reiche ich Dir, Markus, die Hand.“

Söder macht Seehofer klar, wer jetzt die Partei führt

Was sie von ihrer Vorgängerin Angela Merkel unterscheidet, mit der die CSU nie warm geworden ist? Antwort aus der engsten Parteispitze: „Wir haben nie gemeinsame Werte festgestellt. Außer ihrem – sehr erfolgreichen – Pragmatismus, war nie ganz klar, wofür sie steht. Das ist bei AKK anders, das mag die CSU.“

Söder verbindet den anschließenden Blumengruß an die Vorsitzende mit einem Seitenhieb gegen den Vorgänger. „Sorry Horst, zwei Fehler werde ich heute nicht wiederholen: Zu lang zu reden und keine echten Blumen dabei zu haben.“ Unvergessen in der CSU-Parteitagsgeschichte ist das Auftreten von Seehofer im Jahr 2015, als er Angela Merkel nach ihrer Rede auf der Bühne stehen ließ und regelrecht abkanzelte. Trotz riesiger Meinungsunterschiede in der Flüchtlingspolitik – dieses Benehmen kam auch bei den eigenen Leuten nicht an.

Söder ist dabei, seine Macht auch institutionell in der Parteizentrale zu etablieren: Seehofers Büroleiter Jürgen Fischer wechselt als Sprecher in die bayerische Wirtschaft, auch der Hauptgeschäftsführer und frühere Sprecher, Michael Strepp, verlässt die Landesleitung. Der Generalsekretär Markus Blume macht hingegen weiter. Und Seehofer bleibt in Berlin Bundesinnenminister. Dies zu verhindern, da reicht Söders Macht noch nicht aus.

Martin Schulz über Söder: Der ist zu allem bereit und fähig

Der Ex-SPD-Chef Martin Schulz jedenfalls traut Söder einiges zu: „Mal abwarten, wann Markus Söder sein wahres Gesicht zeigt“, sagte Schulz unserer Redaktion. Söder sei zu allem bereit und fähig, so Schulz.

Söder und die neue CDU-Vorsitzende Annegret Kramp-Karrenbauer müssten ihren Ankündigungen, dass CDU und CSU in der Koalition nicht mehr streiten wollen, Taten folgen lassen. „Ich erwarte, dass CDU und CSU mit neuer Führung beherzigen, worauf es ankommt: erst das Land, dann die Partei.“ Im vergangenen Sommer habe die Union mit ihrem Flüchtlingsstreit das Land an den Rand des Chaos geführt.

Ehrenvorsitz für Seehofer

Nochmal zum Ehrenvorsitz. Nachdem Söder gewählt wurde, ist seine erste Amtshandlung, die Ehrenvorsitzurkunde an Seehofer zu übergeben. Der sagt spitz, es sei ja schon eine Überraschung, dass er diese schon jetzt bekäme. Es sei „eine Überraschung und eine Ehre“, sagt er etwas spöttisch. „Schauen wir mal, wie es wird“, fügt er zweideutig. Söder pariert: „In meinem Horoskop heute stand: ‚Lassen Sie Sich durch nichts erschrecken‘“.

Es ist auch eine Ansage: Horst, Deine Zeit ist nun vorbei.