Podcast „Vier Flaschen“

Welches Geheimnis sich in uralten Rebstöcken verbirgt

Lesedauer: 6 Minuten
In seinem Element: Albert Costa vom spanischen Weingut Vall Llach im Priorat, einer Weinregion in Katalonien.

In seinem Element: Albert Costa vom spanischen Weingut Vall Llach im Priorat, einer Weinregion in Katalonien.

Foto: Marco Grundt, Axel Leonhard

Das spanische Weingut Vall Llach liefert ohnehin nur 100.000 Flaschen im Jahr. Warum es jetzt noch viel weniger sind.

Hamburg. Wenn in unserer Reihe „Vier Flaschen“ mit Weinkenner Michael Kutej, Riesling-Liebhaber Lars Haider und Apfelschorlentrinker Axel Leonhard nur drei Flaschen (Rot-)Wein getestet werden, hat das natürlich einen Grund, und das ist diesmal ein zutiefst symbolischer. Denn das Weingut Vall Llach (gesprochen: Vaijak) aus dem Priorat, einem zwar kleinen, aber international sehr anerkanntem Anbaugebiet in Katalonien, hat einen größeren Teil seiner Weinvorräte durch die Schneekatastrophe in Spanien verloren.

Die Geschichte hat in der Weinwelt für viel Aufsehen und Anteilnahme gesorgt, weil sie so unwahrscheinlich schien: Am 10. Januar fiel in der Region so viel Schnee, dass „das Dach unseres Weinguts von 1880 darunter zusammengebrochen ist“, sagt Andreas Claus, ein Deutscher, der seit Jahren für Vall Llach arbeitet. „Glücklicherweise waren keine Menschen darunter, aber Unmengen an Weinflaschen, Abfüllanlagen, Tanks. Wir haben gedacht, dass alles verloren ist.“ Wenigstens diese Einschätzung erwies sich später als falsch. Trotzdem sind im Winter 40 Prozent der Flaschen mit Weinen aus dem Jahrgang 2018 zerstört worden und die Hälfte aller Weintanks. Der Schaden belaufe sich insgesamt auf eine Million Euro, zum Glück sei man gegen Naturkatastrophen, also auch gegen Schnee in Spanien, versichert. „Wir hatten seit den 50er-Jahren nicht mehr so viel Schnee bei uns“, sagt Winzer Albert Costa. Innerhalb von 24 Stunden seien 60 Zentimeter gefallen.

Das Besondere an den Weinen ist ihr hoher Alkoholgehalt

Das Besondere an den Weinen sei ihr hoher Alkoholgehalt, oberhalb von 15 Prozent, den man aber nicht schmecke: „Der Alkohol ist sehr gut eingebunden“, sagt Costa, das Erfolgsrezept des Priorats läge allerdings in den Schieferböden, die Wurzeln der Rebstöcke gingen bis zu 25 Meter in die Erde, um sich dort Nährstoffe zu suchen: „Das schmeckt man aus den Weinen heraus.“ Und: „Die Reben sind sehr alt, im Schnitt 75 Jahre, wir machen aus sechs bis sieben Rebstöcken eine Flasche Wein – in vielen anderen Regionen ist das Verhältnis genau umgekehrt.“ Die ältesten Rebstöcke im Priorat stammten aus dem Jahr 1890.

Ein Wein lässt an Himbeerkonfitüre denken

Zur ersten Flasche, einem Embruix aus dem Jahr 2018 (wie alle Weine heute in der Verkostung), der Name heißt übersetzt so etwas wie „verzaubert“. Die Cuvée enthält fünf verschiedene Rebsorten, unter anderem Grenache, Merlot und Cabernet Sauvignon. Michael Kutej riecht neben den obligatorischen Beeren „etwas wie Minze und Eukalyptus, was dem Wein trotz seines hohen Alkoholgehalts eine Frische gibt“. Und natürlich schmeckt er den Boden heraus, „dieses Mineralische, was das typische Merkmal des Priorats ist“.

Die zweite Flasche, der Priorat Idus, lässt Kutej zunächst an Himbeerkonfitüre denken, „meine Mama macht so eine recht süße Marmelade, diesen Geruch hatte ich sofort in der Nase“. Lars Haider fühlt sich an eine Fruchtteemischung erinnert, „vielleicht sogar an Tritop“. Der Wein besteht zu 88 Prozent aus Carignan, der Rest ist Grenache. Er wird ausschließlich aus Weinen produziert, die Vall Llach anderen Winzern aus dem Priorat abkauft. Carignan ist eine der weltweit am meisten angebauten Rebsorten. „Der Wein ist viel zugänglicher als der erste“, sagt Kutej, der Geschmack halte auch deutlich länger an. Axel Leonhard schmeckt eine „Lakritznote, aber eine sehr elegante“.

Ein Wein aus Rebstöcken, die zum Teil 100 Jahre oder älter sind

Der dritte Wein, der Porrera vi de Vila, ist ein Wein aus dem gleichnamigen Dorf im Priorat. Er besteht aus Rebstöcken, die zum Teil 100 Jahre oder älter sind, das Verhältnis ist 77 Prozent Carignan und 23 Prozent Grenache. Der Wein wird 14 Monate in Eichenfässern gelagert. Michael Kutej riecht „den Sud von schwarzen Oliven, aber auch etwas Rauchiges und Tabakartiges, ein wenig Vanille: Das zeigt schon, wie komplex dieser Rotwein ist.“ Er würde sich, anders als die beiden ersten Flaschen, innerhalb weniger Stunden deutlich verändern, „ich möchte eigentlich permanent daran riechen“.

Axel Leonhard kommt der Wein „extrem komprimiert“ vor, was auch daran liegen kann, dass für eine Flasche sieben Rebstöcke verarbeitet werden. Dazu passt, dass von dem Jahrgang nur 7000 Flaschen produziert würden, was man, wie bei vielen Weinen aus dem Priorat, auch am Preis merke. Die letzte Flasche allein kostet rund 50 Euro. „Aber wenn man so etwas getrunken hat, überdenkt man wirklich seinen Weinkonsum noch mal“, sagt Kutej, der sowieso dazu rät, lieber weniger, dafür aber bessere Weine zu trinken.

Digitale Weinverkostung mit Michael Kutej

Einen Tipp hat er noch: Wer Weine unterschiedlicher Qualität teste, sollte dies zunächst vom guten zum sehr guten und schließlich zum besten tun – um dann die Reihenfolge umzudrehen: „Wenn man nach dem Top-Wein noch einmal die anderen probiert, wird man merken, wie gut oder nicht so gut die in Wirklichkeit sind.“

Wenn Sie selbst einmal live bei einer digitalen Weinverkostung mit Michael Kutej, Lars Haider und Axel Leonhard dabei sein wollen, haben Sie dazu das nächste Mal am 22. April um 19 Uhr die Möglichkeit. Dann wird der deutsche Winzer Eric Manz mit seinen neuen Weißweinen zu Gast sein. Interesse? E-Mail an chefredaktion@abendblatt.de genügt, dann kümmern wir uns um alles weitere.