Podcast "Vier Flaschen"

Weinkonsum in Deutschland: "Aufmachen, trinken, Spaß haben!"

Lesedauer: 7 Minuten

Vier Flaschen, Folge 33 mit Ina Finn

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Die Folge unseres Podcasts "Vier Flaschen" ist eine Liveverkostung mit Usern und Weinexpertin Ina Finn von der Villa Verde aus Hamburg.

Hamburg. Spanien ist mit etwas weniger als einer Million Hektar Rebfläche nach wie vor das größte Weinanbaugebiet, einer der Vorreiter bei ökologisch produzierten Weinen – und das Land, um das es in dieser Folge unserer Reihe „Vier Flaschen“ geht (zu hören unter www.abendblatt.de/podcast, zu sehen auf unserem YouTube-Kanal). Weinkenner Michael Kutej, Riesling-Liebhaber Lars Haider und (der ehemalige) Biertrinker Axel Leonhard haben diesmal Ina Finn zu Gast: Sie war unter anderem Sommelière im Louis C. Jacob, ist Leiterin der Deutschen Weinund Sommelierschule in Hamburg sowie Autorin des Buches „Weinwissen – in zwei Tagen zum Kenner“. Und die vier sind nicht allein: Bei der Aufzeichnung der Verkostung trinken 120 Leser/Hörer/ Zuschauer mit – natürlich digital, also zu Hause vor dem (Computer)-Bildschirm.

Los geht es mit dem (einzigen) Weißwein, dem Autocton Xarello aus dem Jahr 2017. „Autochton heißt immer, dass es sich um eine Rebsorte handelt, die es nur in einer bestimmten Region gibt“, sagt Kutej. Für ihn hat der Wein eine Mandarin- oder Grapefruit-Note, „dieses leicht Süße mit etwas Herbem dabei“. Ina Finn mag die „kühle Frische“ des Weines, der mit 14 Prozent relativ viel Alkohol hat – zumindest für einen Weißwein: „Man merkt, dass er Wumms hat. Das ist kein Wein für die Terrasse, der sollte zum Essen gereicht werden“, so Finn. Ideal seien Tapas, möglich aber auch gegrillter Fisch oder helles Fleisch.

Der Merlot hat heute ein echtes Imageproblem

Zu den Rotweinen, und damit als Erstes zum Merlot, der im Vergleich zu Weinen aus dem Rioja oder dem Bordeaux ein Imageproblem hat. „Der Merlot ist der rote Grauburgunder“, sagt Ina Finn. Soll heißen: Er wird von vielen Menschen oft und gern getrunken, hat aber bei (vermeintlichen) Kennern kein besonders hohes Ansehen. „Man wird allerdings weder dem Grauburgunder noch dem Merlot gerecht, wenn man pauschalisiert. Der Merlot hat ein unglaubliches Potenzial, es gibt Weine, die gehören zu den teuersten, die es auf dieser Welt gibt“, sagt Finn. „Aber wenn man auf Menge und Massenkompatibilität setzt, kommt ein dünnes Weinchen dabei heraus.“

Michael Kutej erzählt, dass er in der Hanse-Lounge an der Binnenalster, deren Chef er ist, seit fünf Jahren nicht mehr nach einer Empfehlung für einen Merlot gefragt worden sei: „Die Rebsorte ist aus dem Blickfeld vieler Menschenverschwunden. Deshalb habe ich heute mal einen mitgebracht, der günstig und gut ist.“ Der Merlot Consentido aus dem Jahrgang 2019 sei es wert entdeckt zu werden, das Preis-Leistungs-Verhältnis (ca. 6,50 Euro pro Flasche) sei fast unschlagbar: „Das ist ein Wein, mit dem man viel Spaß haben kann – den man aber auch schnell trinken sollte“, sagt Ina Finn. Was wiederum den Deutschen entgegenkomme: „70 Prozent aller Weine werden bei uns drei Stunden nach dem Kauf konsumiert.“

Für Michael Kutej ist der Merlot der ideale Wein, „wenn man Gäste zu Besuch hat, die viel trinken“. Wonach er schmeckt und riecht? Nach Kirschen, gerösteter Paprika und Dörrobst: „Das extrem Fruchtige und Frische macht Spaß“, sagt Axel Leonhard. Zu einer anderen, deutlich weniger bekannten Rebsorte, für die Michael Kutej bewusst „etwas Werbung“ machen will. Was zumindest bei Lars Haider gelingt: Er ist von dem Trapio Monastrell aus dem Jahrgang 2017 komplett begeistert, „der kontaminiert den ganzen Mund, ist viel kräftiger als der Merlot: Da ist richtig was los“. Und Ina Finn ergänzt: „Das ist ein intensives Stöffchen mit einer Wahnsinnskonzentration.“ Oft wird die Rebsorte als Beimischung einer Cuvée verwendet, in diesem Fall besteht der Wein zu hundert Prozent aus Monastrell. Der Wein hat viel Frucht, die Runde schmeckt aber auch Wacholder – und Weihnachtsgebäck. Essensempfehlung: gereifter Käse, Wild oder geschmorte Rote Beete.

Und welcher Wein war jetzt der beste?

Die vierte Flasche kommt aus Spaniens bekanntester Weinregion. Es geht um den Trinidad del Conde de Hervias, Jahrgang 2018. Das Rioja umfasst 65.000 Hektar, die Haupt- und bekannteste spanische Rebsorte ist Tempranillo – sie macht in diesem Fall 100 Prozent des Weines aus. „Das ist ein sehr eleganter Wein, ein Gentleman“, sagt Michael Kutej. „Sehr weich, sehr harmonisch“, findet Axel Leonhard. Für Ina Finn hat er einen „leicht orientalischen Einschlag“, man schmeckt Nelken, Piment, Kreuzkümmel, Lorbeer, Granatapfel, Vanille, getrocknete Bananenchips. „Wenn man den über mehrere Stunden trinkt, wird er immer wieder anders schmecken.“

Und welcher Wein war jetzt der beste? Normalerweise sind sich die vier Teilnehmer der „Vier Flaschen“ einigermaßen einig – diesmal überhaupt nicht. Lars Haider schwärmt noch vom Monastrell, Ina Finn fand den Weißwein am besten, Axel Leonhard den Rioja – und Michael Kutej, man kann es kaum glauben, den Merlot. Warum? Darum: „Ich finde selten für diesen Preis einen Wein, den ich gern ausschenke und auch noch sehr gern selber trinke.“

Nachgefragt

Worauf sollte man achten, wenn man seinen Kindern einen Wein aus ihrem Geburtsjahr kauft, um ihn dann zum 18. Geburtstag zu verschenken?

Ina Finn: „Die Weine sollten ein Potenzial mitbringen, damit sie so lange durchhalten. Entsprechend sollte man sich in einem Fachgeschäft beraten lassen oder selbst die Berichte über die jeweiligen Jahrgänge lesen. Wenn es um Spanien geht, kann man sicher mit einem Rioja nicht so viel falsch machen, selbst wenn der nur um die 20 oder 30 Euro kostet. Wenn man Weißweine weglegen will, sollte man möglichst süße nehmen.“

Michael Kutej: „Ich stelle mir zwei Fragen. Erstens: Welcher 18-Jährige freut sich denn über einen alten Rotwein? Zweitens: Welche Eltern haben wirklich die Möglichkeit, eine oder mehrere Flaschen 18 Jahre lang vernünftig zu lagern? Nichtsdestotrotz haben meine Frau und ich unseren Kindern auch teure Weine aus ihrem Geburtsjahr gekauft. Die haben damals 300 Euro gekostet. Und wenn unsere Töchter 18 werden, werden wir ihnen anbieten, sie ihnen zu dem Preis abzukaufen, die sie dann wert sind. Gerade deutsche Süßweine haben ein großes Potenzial, was die Preisentwicklung angeht. Grundsätzlich würde ich eher Weine aus traditionsreichen Anbaugebieten kaufen.“

Wie viele Stunden vorher sollte man den Merlot dekantieren?

Ina Finn: „Gar nicht. Flasche öffnen, einschenken und trinken – und nicht vergessen, den Wein ordentlich zu kühlen. Überhaupt sollten die meisten Weine, die in Deutschland gekauft werden, relativ schnell getrunken werden.“

Sollte man oft das Glas schwenken und daran riechen?

Ina Finn: „Für mich ist das eine Selbstverständlichkeit, der Genuss ist vor jedem Schluck umso größer und intensiver.“

( HA )