Podcast "Vier Flaschen"

Warum 2020 ein gutes Jahr für den "Sonnyboy" der Winzer ist

Der Wein-Podcast "Vier Flaschen" erscheint alle zwei Wochen.

Der Wein-Podcast "Vier Flaschen" erscheint alle zwei Wochen.

Foto: HA

Im Weinpodcast „Vier Flaschen“ ist diesmal Jochen Dreissigacker zu Gast. Mitgebracht zur Verkostung hat er Riesling und Weißburgunder.

Hamburg. Nein, der Name ist kein Marketinggag: Jochen Dreissigacker heißt wirklich so. Er sei der „Sonnyboy“ unter Deutschlands Winzern, sagt Michael Kutej, der alle zwei Wochen zusammen mit Axel Leonhard und Lars Haider zu unserer Reihe „Vier Flaschen“ (zu hören unter www.abendblatt.de/podcast, zu sehen auf unserem YouTube-Kanal, zu lesen an dieser Stelle) einlädt. Und, nicht unwichtig: Dreis­sig­acker kann schon etwas über den Jahrgang 2020 sagen, er hat die Ernte vor wenigen Wochen beendet.

Also, wie ist der Wein aus dem Corona-Jahr? „Für uns großartig. Die Reife der kerngesunden Trauben war sehr gut“, sagt der Mann, der sein Weingut in Rheinhessen hat, Deutschlands größtem Anbaugebiet. „2020 hat sehr viel mit 2019 gemeinsam, insgesamt hatten wir jetzt drei Topjahrgänge hintereinander.“

Weine von Dreissigacker sind über Marke etabliert

Warum hat Michael Kutej sich diesmal Jochen Dreissigacker mit seinen Weinen als Gast ausgesucht? Die Antwort: „Weil er es als einer von nicht ganz so vielen deutschen Winzern geschafft hat, Weine mit Markennamen zu etablieren.“ Los geht es mit einer Flasche, auf der gar keine Rebsorte steht (und auch kein Jahrgang), sondern einfach nur Vintages: „Viele Winzer schreiben auf die Etiketten einige unterschiedliche Dinge, die kein Mensch versteht. Wir glauben, dass sich Marken am besten einprägen“, so Dreissigacker, der sich auf Rieslinge spezialisiert hat – eine Sorte, mit der in Deutschland immer noch viele Menschen „wegen der Säure“ Probleme haben.

„Dabei beneidet uns die ganze Welt um unsere Rieslinge“, sagt der Winzer. Er würde gerade im Corona-Jahr viele Flaschen nach Skandinavien verkaufen, wo grundsätzlich mehr Geld für Essen und Trinken ausgegeben werde. „Wenn du viel Wein trinkst und Spaß an trockenen Weinen hast, wirst du irgendwann beim Riesling landen“, sagt Dreissig­acker. Riesling sei viel komplexer als der hierzulande deutlich beliebtere Grauburgunder, ergänzt Kutej: „Der Deutsche zahlt ungern 15 Euro für eine Flasche Wein, bei der das Risiko besteht, dass er ihm nicht schmeckt.“ Beim Grauburgunder erlebe er solche unangenehmen Überraschungen in der Regel nicht.

„Das ist ein Wein, den du sofort verstehst“

Um Rieslinge mehr Menschen im Riesling-Land schmackhaft zu machen, hat Dreissigacker für Vintages drei Jahrgänge – 2017, 2018 und 2019 – zu einer Cuvee kombiniert: „Ich wollte einen Wein produzieren, mit dem man auch Nicht-Riesling-Trinker erreichen kann.“ Also solche Typen wie Axel Leonhard, der normalerweise eher süße Weine mag – die erste Flasche ist dagegen extrem trocken. „Mir schmeckt er trotzdem sehr gut“, sagt Leonhard, „weil er nicht wehtut. Er ist frisch und fruchtig, den kann man gut trinken.“

„Das ist ein Wein, den du sofort verstehst“, sagt Michael Kutej. Riesling-Liebhaber Lars Haider kann nicht glauben, dass Dreissigacker bewusst NICHT Riesling auf das Etikett geschrieben hat. „Ich wollte einfach, dass die Leute unvoreingenommen an diesen Wein herangehen“, sagt der Winzer. Es gebe einfach zu viele Menschen, die eine Flasche mit der Aufschrift Riesling im Regal stehen lassen und „standardmäßig zum Grauburgunder greifen“ – und damit zu der Rebsorte, die Kutej bekanntermaßen am meisten langweilt.

Zur zweiten Flasche: Ein Riesling Kirchspiel aus dem Jahr 2018, der Lars Haider an den „Gelb- oder an den Grünlack“ vom Schloss Johannisberg erinnert. „Der Wein wirkt sehr opulent“, sagt Kutej, „es ist viel Action am Gaumen.“ „Wenn du den trinkst, hast du den ersten Riesling gleich wieder vergessen“, sagt Haider. Und Leonhard? Der widerspricht: „Mir schmeckt der erste besser, diesen finde ich fast ein bisschen bitter.“ Was Dreissigacker verstehen kann: „Das ist ein spezieller Wein, der einen fordert.“

Die dritte Flasche enthält einen Weißburgunder, Jahrgang 2019: „Ich schmecke Steinobst, so einen reifen Pfirsich. Aber der Wein hat auch eine gewisse Cremigkeit“, sagt Kutej. Haider schmeckt „ganz am Ende Pfefferminze“ und freut sich sehr, als Michael Kutej nach zehn Minuten langem Überlegen sagt: „Du hast recht!“

Haider glaubt, einen „Werthers Echten“ im Mund zu haben

Zur vierten Flasche, einem Wein, bei dem man sofort und stark riecht, dass er im Holz ausgebaut worden ist: Einzigacker aus dem Jahr 2019, der Topweißburgunder von Jochen Dreissigacker, der „ziemlich exotisch schmeckt, fast schon tropisch“, so Kutej. Das liege an dem Alter der Reben, sagt der Winzer, der für diesen Wein fast nur solche Reben verwendet, die älter als 40 Jahre sind: „Umso älter die Rebstöcke sind, desto tiefer ist der Geschmack.“

Wie tief, zeigt sich, als Kutej nicht nur von einem „rauchigen Aroma“, sondern auch von „Karamell oder Butterscotch“ spricht – und Haider glaubt, einen „Werthers Echten“ im Mund zu haben … Übrigens: Der Wein ist der mit Abstand begehrteste aus dem Hause Dreissigacker, „es liegen jetzt schon Reservierungen für den nächsten Jahrgang vor“, so der Winzer.

Nächster Podcast zum Mittrinken am 3. Dezember

Wenn Sie einmal mit den Experten von den „Vier Flaschen“ mittrinken wollen – die nächste Gelegenheit dazu gibt es am 3. Dezember um 19 Uhr, natürlich digital. Wenn Sie daran teilnehmen wollen, schicken Sie bitte eine E-Mail an chefredaktion@abendblatt.de. Wir senden Ihnen dann alle Informationen, die Sie brauchen, zu, die Flaschen, die getrunken werden, kommen per Post. In der Runde am 3. Dezember geht es um Weine aus Spanien.