"Vier Flaschen"

Wie schmecken eigentlich die Bestseller?

Lesedauer: 7 Minuten

Vier Flaschen mit Matthias Graf Lambsdorff

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Grauburgunder, Primitivo und Sauvignon blanc: Für die Rieslings-Liebhaber des Podasts eine willkommene Abwechslung.

Hamburg. Normalerweise schlägt ja Michael Kutej die jeweiligen Weine und/oder Winzer vor, um die es in unserer Reihe „Vier Flaschen“ geht. In dieser Folge ist das anders: Mit Matthias Graf Lambsdorff ist der Inhaber von mehreren Geschäften der Kette Jacques Wein Depot zu Gast – und er hat die drei Weine mitgebracht, die sich dort am besten verkaufen.

Es geht deshalb diesmal um einen Grauburgunder, einen Sauvignon blanc und – das ist tatsächlich eine Premiere in den „Vier Flaschen“ – einen Primitivo, „der seit ein paar Jahren richtig angesagt ist“, so Lambsdorff.

Und die vierte Flasche? Die hat dann doch Michael Kutej, Weinexperte und Geschäftsführer der Hanse Lounge, ausgesucht: einen „sehr guten Riesling, der es preislich mit den drei anderen aufnehmen kann“.

Alle verkosteten Weine diesmal unter 10 Euro

Soll heißen: Diesmal kostet keiner der Weine, die neben Kutej Riesling-Liebhaber Lars Haider und Axel Leonhard, eigentlich ein passionierter Biertrinker, testen, mehr als 10 Euro. Und, damit auch das geklärt ist: Matthias Graf Lambsdorff hat tatsächlich etwas mit dem legendären FDP-Politiker Otto Graf Lambsdorff zu tun, der unter Bundeskanzler Helmut Schmidt Wirtschaftsminister war – er war sein Onkel.

Wie heißt nun die Rebsorte, die sich nicht nur in den Geschäften des Grafen am besten verkauft? Wer die „Vier Flaschen“ regelmäßig verfolgt, der weiß die Antwort: Grauburgunder. „Das ist und bleibt ein Wein, der niemandem wehtut, der 99 von 100 Menschen schmeckt“, sagt Kutej, „also so etwas wie der kleinste gemeinsame Nenner, zumindest in Deutschland“.

Getestet wird im Podcast ein Grauburgunder aus Rheinhessen vom Weingut Winter Jahrgang 2019, die Flasche für 7,10 Euro. Laut Kutej riecht er wie „eingelegte Konservenaprikose“, Haider findet ihn für „einen Grauburgunder gar nicht so schlecht“, Leonhard widerspricht sofort: „Mir schmeckt der gar nicht, ziemlich fad.“ Das Zwischenfazit könnte das (Erfolgs?-)Rezept des Grauburgunders sein: „Er hat weder zu viel Frucht noch zu viel Säure oder Zucker, er ist in keine Richtung extrem“, sagt Kutej. „Man weiß, was einen erwartet: nämlich relativ wenig.“ Der Wein sei ihm zu langweilig, er habe nicht die Tiefe wie andere Weine, die sonst in den „Vier Flaschen“ getrunken würden, „aber es muss ja auch einen Grund geben, warum er nur 7,10 Euro kostet“, so Kutej.

Darauf sagt Lambsdorff: „Robert Parker, der König der Kritiker, hat einmal gesagt, dass es keinen Grund gibt, warum ein Wein mehr als 20 Euro kosten sollte.“ Alles, was darüber gehe, sei Fantasie. Zur Erinnerung: Im Schnitt gibt der Deutsche für eine Flasche Wein etwa drei Euro aus.

Flasche Nummer zwei ist ein Sauvignon blanc, Les fumées blanches, ebenfalls Jahrgang 2019, aus der Winzer-Dynastie der Lurtons, die seit dem 17. Jahrhundert in Frankreich Weine anbaut, die Flasche für 6,70 Euro. „Der schmeckt mir auf jeden Fall besser als der Grauburgunder“, sagt Leonhard. Haider sieht das anders: „Das ist so ein Wein, den trinke ich, und habe ihn schon vergessen.“ Und was sagt Kutej? Er sagt wirklich: „Die Nase ist aromatisch betörend, ohne dass sie zu laut ist.“ Ansonsten sei dieser Sauvignon blanc ein unkomplizierter, leichter Sommerwein, der „nicht wahnsinnig viel Spannung hat“, aber ganz ordentlich sei.

Es gibt ihn übrigens nicht nur in Flaschen, sondern auch in einer Fünf-Liter-Box. Das Prinzip: Der Wein wird in einem Karton geliefert, in dem eine Folie ist. „Man zapft den Wein, es kommt kein Sauerstoff ran. Das hat den Vorteil, dass du den Wein bis zu drei Monate trinken kannst“, so Lambsdorff. Eine geöffnete Flasche müsse man in der Regel nach einer Woche wegschmeißen.

Elbphilharmonie auf dem Etikett

Flasche Nummer drei hat Michael Kutej auch deshalb entdeckt, weil auf dem Etikett ein Gebäude zu sehen ist, das inzwischen jeder sofort mit Hamburg verbindet: die Elbphilharmonie. „Wahrscheinlich wissen die Macher der Elbphilharmonie gar nicht, dass die Silhouette des Gebäudes inzwischen auch einen Wein ziert“, so Kutej. Der 2019er Maximin Riesling vom Weingut Maximin Grünhäuser von der Mosel kommt daher wie ein trockener Wein, ist tatsächlich aber feinherb – ein entsprechender Hinweis darauf fehlt auf dem Etikett allerdings. „Das stört die meisten unserer Gäste, die den Wein zum ersten Mal trinken, allerdings nicht“, sagt Kutej, der in Hamburg bekanntermaßen die Hanse-Lounge betreibt. Dort sind Weine, die 8,19 Euro die Flasche kosten, eine Ausnahme – und trotzdem sei dieser Riesling derzeit in aller Munde.

Auch die Runde ist mehrheitlich angetan, weil der Wein anders als der Grauburgunder eben nicht ein-, sondern mehrdimensional ist: „Am Anfang frisch, dann süß, am Ende salzig – und der Geschmack bleibt lange, sehr lange“, sagt Lars Haider. Kutej schmeckt Kiwikerne, aber auch Honigmelone, er würde dazu entweder Schinken, eine Trockenwurst oder, perfekt zu allen süßen Weinen, Sushi essen. Wie findet Graf Lambsdorff den Riesling? „Mir ist der Geschmack etwas zu breit. Ich mag lieber Rieslinge, die mehr Frucht haben“, sagt er. Übrigens: Ein Teil der Erlöse aus dem Verkauf des Weines geht an die Aktion „Kochen für Helden“, mit dem Geld wird zudem die Ausbildung von jungen Sommeliers unterstützt.

Nachgefragt

  • Welche Weißweine verkaufen sich am besten? Graf Lambsdorff: „Grauburgunder, Riesling, Weißburgunder, Sauvignon blanc. Chardonnay ist bei uns nicht so gefragt.“
  • Wie viel des Preises einer Flasche bleibt beim Winzer? Graf Lambsdorff: „Ungefähr die Hälfte.“ Kutej: „In der Gastronomie muss natürlich mehr Geld bei dem Betreiber des Restaurants bleiben, weil der deutlich höhere Kosten als ein Weinhändler hat.“
  • Darf man seinen eigenen Wein in ein Restaurant mitbringen? Kutej: „Bei uns in der Hanse-Lounge kommt das quasi nicht vor. Aber es ist in den meisten Restaurants möglich, insbesondere, wenn es sich um einen Wein handelt, den es dort nicht gibt. Der Gast muss dafür allerdings ein Korkgeld bezahlen. Gern gesehen wird das nicht.“

Zu Flasche Nummer vier, und damit zu einer Rebsorte, die Lob und Vorurteile gleichermaßen anzieht. Primitivo wird vor allem im süditalienischen Apulien angebaut und ist vom Ursprung her dem kalifornischen Zinfandel sehr ähnlich: „Der Name kommt vom italienischen Primo – auf Deutsch: erster“, sagt Lambsdorff. Er hat den Il Pumo aus San Marzano, Jahrgang 2019, mitgebracht, die mit 6,50 Euro günstigste Flasche des Tages. Den Geschmack bringt Michael Kutej (einmal mehr) auf den Punkt: „Am Gaumen ist es wie der Saft von Schattenmorellen, in der Nase habe ich etwas Kakao.“ Haider erinnert der Wein, der nach dem ersten Öffnen einen extremen Geruch verströmt, an „ein Stück Schwarzwälder Kirschtorte“.

( HA )