Podcast „Vier Flaschen“

Günther Jauchs These: „Man trinkt sich immer nach oben“

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Im Podcast erleben Sie Günther Jauch mal nicht im Fernsehen, sondern als Winzer und Kämpfer für eine veränderte Weinkultur.

Wie kommt ein Mann, den Millionen aus dem Fernsehen kennen, an ein eigenes Weingut? Lohnt sich das? Was ist seine Mission, und welche Rolle spielt dabei Aldi? Wieso haben die trockenen Deutschen eigentlich eine solche Angst vor süßen Weinen, und wie lässt sich das ändern?

In der neuen Folge unserer Reihe „Vier Flaschen“ hatten Weinkenner Michael Kutej, Riesling-Liebhaber Lars Haider und Biertrinker Axel Leonhard so viele Fragen an ihren Gast, dass sie tatsächlich statt vier nur zwei Flaschen (!) Wein probierten: einen Kanzemer Riesling 2018 (Kutej: „idealer Essensbegleiter“) und einen Herrenberger Riesling Kabinett 2018 (Haider: „süß und salzig, fantastisch) vom Weingut von Othegraven in Kanzem an der Saar. Dieses gehört seit zehn Jahren Günther Jauch, der als Winzer, Weinkenner und Weinliebhaber noch unterhaltsamer und leidenschaftlicher ist als im Fernsehen …


Das sagt Günther Jauch über ...


… seinen Weg zum Wein:

„Ich habe bis zu meinem 30. Lebensjahr gar keinen Alkohol getrunken. Er hat mir nicht geschmeckt, das hatte nichts mit einer Tugendhaftigkeit zu tun. Ich habe im Biergarten in Bayern, wo ich damals beim Rundfunk gearbeitet habe, immer eine Orangenlimonade, Florida Boy, bestellt, und es hat zehn Jahre gedauert, bis ich eine gediegene Hefeweizen-Sozialisierung hinter mich gebracht hatte.

Mit 40 Jahren stand ich erstmals vor einem Weinregal. Damals ging es mir wie allen, die mit dem Weintrinken anfangen: Man nimmt zunächst diese schweren Fruchtbomben aus Übersee, nach dem Motto: Da hat man am meisten im Glas. Ich musste langsam lernen, was Wein für eine riesige Welt ist. Weißwein spielte damals überhaupt keine Rolle. Mittlerweile trinke ich mehr weiß als rot.“


… den Kauf des Weinguts von Othegraven vor zehn Jahren:
„Das Weingut stammt aus unserer Familie. Es geht zurück auf meinen Ururururgroßvater, der es 1805 an der Saar gegründet hat. Er war damals zweiter Bürgermeister von Trier und hat die Geburtsurkunde von Karl Marx unterschrieben. Ich war als Kind sehr viel auf dem Weingut, bis mein Großonkel gestorben ist, damals war ich zwölf Jahre alt. Danach bin ich nicht mehr hingefahren. Meine Großtante hat meinen Großonkel 30 Jahre überlebt und aus ihrer Familie eine Großnichte adoptiert, die das Weingut bekommen hat. 40 Jahre nachdem ich zuletzt dort gewesen war, hörte ich in Berlin bei einem Abendessen das Gerücht, dass das Weingut verkauft werden soll. Ich habe noch in der Nacht an die Eigentümerin, eine Ärztin aus Köln, geschrieben, ob das denn stimmen würde. Sie hat mich sehr freundlich eingeladen, und meine Frau und ich sind zwei Jahre lang immer wieder hingefahren.

Eigentlich wollte die Dame es nicht verkaufen, weil sie so an dem Weingut hing, und ich wollte es nicht kaufen, weil ich gerade die ARD-Politik-Talkshow übernommen und sowieso genug um die Ohren hatte. 2010 haben sich dann beide Seiten einen Ruck gegeben – seitdem gehört das Weingut meiner Frau und mir.“


… falsche Vorstellungen von dem (romantischen) Leben eines Winzers:

„Je weiter man sich so ein Weingut von außen anschaut, umso romantischer wird es. Wir haben ein herrliches Gutshaus, einen Park mit mehr als 100 Jahre alten Bäumen, einen gewaltigen Steilhang, die Nachtigallen singen in den Hecken. Es ist eine wahnsinnige Idylle. Aber es ist eben auch Landwirtschaft, das darf man nicht vergessen. Da sitzt man nicht einfach auf der Terrasse und trinkt eine Trockenbeerenauslese nach der anderen. Das ist harte Arbeit in einer sehr schwierigen Marktlage: Versuchen Sie heute mal, Wein zu verkaufen. Es gibt genug davon, da wartet niemand auf Sie. Insofern ist es härter gewesen, als ich mir das vorgestellt habe.

Wir haben angefangen mit zehn Hektar, aber in dieser Größe war das Weingut nicht überlebensfähig. Zum Glück wurde uns nach zwei Jahren der Herrenberg angeboten, eine Lage, die meiner Familie früher schon einmal gehört hatte.“


… Handarbeit in steilen Hängen:
„Wir haben Europas längste zusammenhängende Steillagen. Da können wir natürlich nicht mit Maschinen ernten, das geht alles nur per Hand. Und das macht schon einen Unterschied. In dem Moment, in dem ich alles mit der Hand mache, schaue ich mir jede einzelne Traube an. Diese Qualität merkt man im Glas.“


… die teuersten Weine der Welt:
„Saarweine waren vor 100 Jahren die teuersten Weine der Welt. Mein Großonkel hat in seine Bücher geschrieben: ‚Musste ein Prozent der Weine verkaufen, um 100 Prozent der Kosten des Weingutes zu decken.‘ Das war eine Rendite! Eine Flasche hat vier Goldmark gekostet, das war dreimal so viel wie die teuersten Weine aus Frankreich. Vor allem die restsüßen Weine waren damals sehr begehrt, auch bei Königshäusern. Vor 100 Jahren war das Weingut eine Goldgrube.“


… seine Weine bei Aldi:
„Aldi ist auf uns zugekommen und hat gefragt, ob sich von Othegraven eine Zusammenarbeit vorstellen kann. Das konnten wir nicht, allein schon, weil unser Weingut relativ klein ist. Die Menge, die wir im Jahr produzieren, wäre bei Aldi innerhalb von zwei Tagen verkauft. Deshalb sind wir zunächst nicht zusammengekommen. Aber nach einiger Zeit gab es wieder einen Kontakt, und Aldi fragte mich, ob es etwas gibt, was ich im Bereich Wein gern einmal machen würde. Und da gab es schon etwas: Mich hat immer geärgert, dass Einsteiger in der Regel völlig hilflos vor einem Supermarktregal stehen und nicht wissen, was sie nehmen sollen. Dann greifen sie in ihrer Verzweiflung zu Weinen aus Süd­afrika, aus Neuseeland, Italien, Bulgarien usw. Deutsche Weine kommen bei Einsteigern gar nicht vor.

Das fand ich schade und habe deshalb gesagt: Wenn wir es schaffen würden, einen guten roten und einen guten weißen Wein für Einsteiger zu entwickeln, der nur aus deutschen Weinen besteht, wäre ich zusammen mit meinem Kellermeister Andreas Barth dabei. So ist es 2017 zu der Zusammenarbeit mit Aldi gekommen, seitdem gibt es Günther Jauch weiß und Günther Jauch rot. Aber Weine von von Othegraven sind nicht dabei.“


... den viel zu niedrigen Durchschnittspreis einer Flasche Wein:
„Der liegt bei weniger als drei Euro, unsere Weine bei Aldi liegen im Fünf-Euro-Bereich. Im Supermarkt ist das also schon eine gehobene Qualitätsstufe, und tatsächlich sind die Weine in diesem Bereich in den vergangenen Jahren auch immer besser geworden. Meine These ist, dass man sich immer nach oben trinkt. Wenn jemand einmal einen Wein für fünf Euro gekauft hat, wird er beim nächsten Mal nicht auf eine Flasche für drei Euro zurückgreifen. Und wenn es dann in Richtung zehn Euro geht, hat auch der Fachhandel etwas davon.

Meine Zusammenarbeit mit Aldi ist auch längerfristig angelegt. Ich sehe das Ganze als Projekt, um deutschen Wein an der Basis zu verankern. Es ist doch jammerschade, dass wir uns dafür rühmen, weltweit zusammen mit den Franzosen die besten Weine zu machen, und im eigenen Land werden die viel zu wenig getrunken.“


… Riesling als Königin der (deutschen) Weine:
„Diese Bandbreite des Rieslings ist faszinierend. Was man aus dieser einen Traube alles machen kann, vom Gutswein bis hin zu den Auslesen, damit kann keine andere Traube mithalten. Nichts gegen einen Grau- oder einen Weißburgunder oder einen Sauvignon Blanc, aber diese Vielfalt bietet nur die Rieslingtraube. Kommt hinzu, dass unsere Weine mit jedem Jahr besser werden, was aber nicht heißen soll, dass man die nicht gleich trinken kann.

Ich bin überzeugt, dass 95 Prozent unserer Weine in den ersten zwei Jahren getrunken werden. Aber das große A und O stellt sich natürlich, gerade unter Kennern, erst bei den gereiften Weinen ein.“

… die Beschreibung von Weinen:

„Ich tue mich immer schwer mit diesen Zurechnungen. Mein Lieblingsbegriff, den ich mal gehört habe, war: ,Und im Abgang einen Hauch von durchgerittenem Damensattel …‘


… Vorbehalte gegen süßere Weine:
„Die billigsten Weine, die Sie heute kaufen können, sind süße Weine. Die teuersten Weine, die Sie kaufen können, sind auch süße Weine. Das heißt also: süß und süß macht einen riesigen Unterschied. Wir müssen die Deutschen, die immer zuerst nach einem trockenen Wein rufen, dafür sensibilisieren, dass ein Riesling eben nicht nur süß ist, sondern dass die Süße quasi mit der Säure kämpft am Gaumen. Das führt zu einem völlig neuen Geschmackserlebnis, das Lust auf ein weiteres Glas oder eine weitere Flasche macht. Und dabei muss man kein schlechtes Gewissen haben, weil diese restsüßen Weine – wie im Fall des Herrenberger Riesling Kabinett 2018 – nur einen Alkoholgehalt von acht Prozent haben. Außerdem verspreche ich Ihnen: Von so einem Wein werden Sie niemals einen dicken Kopf bekommen. Der Begriff Kabinett kommt übrigens daher, dass dieser Wein früher so wertvoll war, dass er in einem Kabinett verwahrt wurde, um ihn vor der buckligen Verwandtschaft zu schützen.“


… den Klimawandel, der seinen Weinen (noch) guttut:
„Die Saar war immer etwas Besonderes, weil es hier etwas kühler ist. Die Saar ist die kühlere Schwester der Mosel. Das war in der Zeit, in der das Wetter in Deutschland etwas rauer war, ein Handicap. Durch die Klimaerwärmung ist es jetzt an der Mosel oft zu warm. Die Saar ist dagegen ein Klimagewinner. Jetzt ist das Klima für die Saar perfekt, ein Jahrgang ist besser als der andere. Aber: Wenn das klimatisch so weitergeht, dann ist es mit unseren schönen Rieslingen irgendwann vorbei.


… die Winzer- und Medienwelt:
„Es gibt (...) Beispiele für Menschen, die sich ein Weingut gekauft haben, um sich noch ein bisschen wichtiger zu machen, als sie es vielleicht als Medienfiguren schon sind. Meine Frau und ich haben das von Anfang an jedoch sehr ernst genommen. Wir sind wie viele andere Winzer auch auf Messen dabei und machen dort ganz normal unseren Standdienst. Speziell die Saar-Winzer haben übrigens ein ganz besonderes Zusammengehörigkeitsgefühl. Die helfen einander, jeder lässt den anderen in seinen Keller schauen. Winzer sind die lustigeren Leute.“