Schauspielhaus

Karin Beier: Weiß der Henker, ob wir Theatergefühl schaffen

Was planen Schauspielhaus und Thalia nach dem Lockdown? Wie hat es Ronald Schill ins Stück geschafft? Alles im neuen Theater-Podcast.

Hamburg. Irgendwann in den vergangenen Monaten der Coronavirus-Pandemie, als alle Bühnen geschlossen, alle Proben abgesagt und alle Premieren verschoben waren, da ist Karin Beier dann doch kurz mulmig geworden: „Weiß der Henker, ob wir dieses Theatergefühl nochmal erzeugen können“, habe sie gedacht, gesteht die Intendantin des Deutschen Schauspielhauses. Und genau das wird sich nun zeigen: Die Spielzeit beginnt, nach fünf Monaten ohne Premieren und ohne Live-Publikum.

An den Theatern wurden Programme gezimmert und Regeln entwickelt, manche haben ganze Sitzreihen ausgebaut, andere Plexiglas ins Bühnenbild geschraubt. Karin Beier hat mit Schwimmnudelkostümen“ Schlagzeilen gemacht, Thalia-Chef Joachim Lux die Lizenz zum Scheitern ausgegeben und die Schauspielerin Oda Thormeyer ihren Nachbarn erklärt, warum sie in ihrer Wohnung wiederholt exaltiert schreit: „Ich bin Schauspielerin! Ich brauche Aufmerksamkeit!“ (Es fanden Proben per Zoom-Konferenz statt, die Sätze gehörten zum Text.)

Wieviel Corona steckt in den Spielplänen der Hamburger Theater?

In diesen Tagen also beginnt eine Theatersaison, die anders sein wird als alle vor ihr. Auch fremdbestimmt natürlich, fragil und flexibel. Nun ist es das Theater ja gewohnt, auf die Gegenwart zu reagieren – inhaltlich. Wieviel Corona steckt also in den Spielplänen? Kann man sich auch als Ensemble an den Entzug gewöhnen? Wie geht Publikum in Pandemie-Zeiten? Was spielen die Theater jetzt?

Über all das muss man sprechen: Saisonstart haben wir unseren neuen Abendblatt-Podcast zum Theater-Spielzeitbeginn genannt – und uns mit den Hamburger Theatermachern über ihre Pläne und Erfahrungen, ihre Ängste und Vorkehrungen, über „Einbahnsysteme“ und „traurige Saalplanung“, aussortierte Stücke und einen trotz allem prall gefüllten Spielplan unterhalten. Denn „das Leben besteht nicht nur daraus, dass wir etwas tun, es besteht auch daraus, dass wir uns darüber austauschen“, sagt Joachim Lux.

Und so ist auch unsere Podcast-Premiere an diesem Wochenende direkt eine Doppelvorstellung der beiden großen Sprechbühnen: Für das Schauspielhaus („Wir sind ein subventionierter Betrieb, wir sind in der Pflicht etwas zurückzugeben!“) sind die Intendantin Karin Beier und ihre Schauspielerin Lina Beckmann ins Abendblatt-Studio gekommen, für das Thalia Theater Intendant Joachim Lux mit der Schauspielerin Victoria Trauttmansdorff und der Regisseurin Charlotte Sprenger, deren „Opening Night“ bereits unter freiem Himmel stattgefunden hat.

"Bitter", ein neues Stück vor einem "ausgedünnten Saal" zu zeigen

Die Pandemie hat Einfluss auf nahezu jede Theater-Entscheidung. Das kann anregend sein, wenn dabei „Fenstertheater“ erfunden oder neue Perspektiven entdeckt werden. Aber „dieses Virus ist wirklich ein Terrorist“, wettert Joachim Lux. „Es hat alle Themen weggebombt, die nichts mit Virus zu tun haben, es hat ,Gemeinschaft’ weggebombt.“ Dass der Zuschauer „keine Gruppe sein kann, das bricht mir das Herz“, sagt Victoria Trauttmansdorff. Das Publikum sitzt künftig mit 1,50 Meter Abstand zum Nachbarn, in einem großen Saal wie dem Schauspielhaus bleiben von 1200 Besuchern gute 300 übrig – bei ausverkaufter Vorstellung.

„Wir wissen gar nicht, ob wir nochmal und nochmal und nochmal nachkorrigieren müssen“, erklärt Karin Beier. Sicher ist aber: Für den Dramatiker Rainald Goetz, der zuvor 20 Jahre lang nicht fürs Theater geschrieben hatte, sei es „eine richtig, richtig bittere Pille“, sein neues Stück „vor einem so ausgedünnten Saal zeigen zu müssen“. Für sie selbst wohl auch: „Reich des Todes“, die Saisonauftakt-Premiere, wird von der Chefin selbst inszeniert. Geplant war diese Arbeit lange vor Corona, ihre Themen aber liegen, wie auch in anderen Produktionen an beiden Bühnen, verblüffend nah am Hier und Jetzt.

Karin Beier erklärt im Podcast, warum es Ronald Schill ins Stück geschafft hat

Auch wenn in „Reich des Todes“ keine Pandemie den Ausgangspunkt bildet, sondern die Reaktionen auf die 9/11-Anschläge von New York – zentral verhandelt wird die Reaktion der Demokratie auf eine Krisensituation. „Die Zuschauer sind politischer als wir denken und viel intelligenter als wir denken“, glaubt Karin Beier – und erklärt im Podcast auch, wie es ausgerechnet Ronald Schill, Hamburgs einstiger „Richter Gnadenlos“, ins Stück geschafft hat und warum sie einen Regisseur verpflichtet, der ein Doppelleben führt.

Am Thalia wird sich Antú Romero Nunes der Sehnsucht nach der Freiheit widmen, Jette Steckel sich mit „Pippi Langstrumpfs“ Anarchie beschäftigen, Thomas Köck und Christopher Rüping in „Paradies“ dem Weltbetriebsklima auf den Grund gehen. Am Schauspielhaus wird Lina Beckmann Shakespeares „Richard“ proben – und zwar die Titelrolle, obwohl genau diese Inszenierung bei den Salzburger Festspielen im Sommer nicht herauskommen konnte.

Die Hamburger Theater eröffnen ihre Spielzeit

Jetzt kommt sie gleich mehrfach, in „Richard the Kid“ und „Richard the King“. Ein „Training des Aushaltens, wie ein Luftanhalten“ sei das gewesen, beschreibt die Schauspielerin die Zeit der Unsicherheit und des Wartens darauf – der sie jedoch auch schöne Seiten abgewinnt: „Da wurde mir quasi der Sommer geschenkt.“ Bloß nachts, sagt Lina Beckmann, da sei sie manchmal aufgewacht, „in wahnsinniger Panik, dass es das Theater nicht mehr gibt“.

Nun eröffnen die Hamburger Bühnen ihre Spielzeit, einige Häuser spielen schon, nahezu alle planen. Das Theater ist noch da. Und das Publikum darf wieder kommen.