Geliebt & Unvergessen

Heidi Kabel war warmherzig, offen und hilfsbereit

Die Volksschauspielerin Heidi Kabel im August 1979. Sie mochte diese Bezeichnung übrigens sehr.

Die Volksschauspielerin Heidi Kabel im August 1979. Sie mochte diese Bezeichnung übrigens sehr.

Foto: dpa Picture-Alliance / Karl Staedele / picture-alliance / dpa

Schauspieler Christian Seeler spricht im Podcast über Schauspielerin Heidi Kabel, die nicht nur sein Platt korrigierte.

Hamburg. „Nimm mal hier das Kissen. Und jetzt umarm das mal und stell dir vor, das ist dein Mädchen. Dann geht das gleich viel besser!“ Wie recht sie hatte. Auf einmal war der schwärmerische Tanz für den noch unerfahrenen Schauspieler Christian Seeler kein Problem mehr. Das war bei Weitem nicht der einzige gute Tipp, den Heidi Kabel ihrem jungen Kollegen für dessen erste große Rolle auf der Bühne des Ohnsorg-Theaters gegeben hat. Nicht zu vergessen die zahlreichen Male, in denen sie seine plattdeutsche Aussprache korrigierte. Holsteiner Platt musste es sein, nur ja kein anderer Akzent. Da war die Kabel sehr pingelig.

Und wie war sie sonst, hinter der großen Bühne? „Sie war wunderbar“, sagt Christian Seeler. „Sie war warmherzig, offen und hilfsbereit. Sie legte immer großen Wert auf ein harmonisches Ensemble, und es war ihr wichtig, dass auch die anderen gut waren und reüssieren konnten. Ich bin ihr mein Leben lang dankbar dafür, wie sehr sie mich gefördert und unterstützt hat.“

Heidi Kabel starb am 15. Juni 2010

Christian Seeler, der Schauspieler und frühere Ohnsorg-Intendant, denkt oft an Heidi Kabel. Auch heute noch, zehn Jahre nach ihrem Tod. Anlässlich dieses Datums – sie starb am 15. Juni 2010 – erinnert er in einer neuen Folge des Abendblatt-Podcasts „Geliebt & Unvergessen“ an Hamburgs große Volksschauspielerin. Ein Titel, den sie selbst übrigens sehr gemocht hat. „Dieser Begriff war eine Auszeichnung für sie“, sagt Seeler. „Das Publikum konnte sich mit ihr identifizieren. Und genau das war es ja, was ihr wichtig war: für die Leute Theater zu spielen.“

Also war sie auch nicht einfach Heidi Kabel, für ihr Publikum war sie „Uns Heidi“ – eine Art Adelstitel, der gezeigt habe, wie sehr die Leute sie geliebt haben. Wenn sie abends, nachdem die Ohnsorg-Produktionen auch im Fernsehen gezeigt wurden, über den Bildschirm flimmerte und ihren Weg in Millionen von Wohnzimmern fand, gehörte sie praktisch zur Familie. Unvergessen, auch für Seeler, ist dabei natürlich ihre Rolle als Meta Boldt in „Tratsch im Treppenhaus“. „Das war eine Glanzleistung, ein Paradestück“, sagt Seeler. Dieser besondere Humor gehörte zu Heidi Kabel, doch sie habe durchaus auch eine ernste Seite gezeigt – privat und auf der Bühne.

Ganz persönlich mag Seeler Heidi Kabel heute aber noch in der Rolle am liebsten, die sie damals, 1984, gemeinsam mit ihm spielte: Als Ida Bodendiek, die mit ihrem Mann aus Geldnot ein möbliertes Zimmer vermietet – aus Versehen doppelt. So gibt es eine Mieterin für tagsüber und einen Mieter für nachts, und beide dürfen sich nicht treffen. Wie das ausgeht, kann man sich denken. Und wie Heidi Kabel diese Rentnerin in „Kein Auskommen mit dem Einkommen“ verkörperte, das kann sich jeder, der auch nur ein einziges Stück von ihr gesehen hat, lebhaft vorstellen.

Auch Heidi Kabel hatte Lampenfieber

„Wenn man ihr auf der Bühne gegenüberstand, wurde man selbst als Kollege durch ihre Blicke und Gesten verzaubert“, erinnert sich Seeler. „Das war so ehrlich.“ Dabei habe auch die große Heidi Kabel Lampenfieber gehabt. Selbst nach 65 Jahren auf der Bühne.

Seeler erzählt, wie das Gedächtnis Heidi Kabel im Alter immer mehr im Stich gelassen hat – aber auch, wie alles anfing. Damals, 1932, als die junge, 17 Jahre alte Heidi, eigentlich nur ihre Freundin Eva zum Vorsprechen am Ohnsorg-Theater begleiten wollte. „Ihre Mutter hatte sie vorher noch ermahnt: ‚Heidi, du nicht!‘“, sagt der heutige Leiter der „Nordtour Theater Medien GmbH“. Aber Heidi wurde es dann. Allerdings nicht sofort, zunächst ließ Richard Ohnsorg sie eine Ochsentour durchs Theater machen, mit Jobs hinter der Bühne. Doch dann kam die erste Rolle, und mit ihr direkt eine gute Zeitungskritik. „Das hat dem Ohnsorg gefallen“, sagt Seeler. „So hat sie in immer mehr Rollen gespielt. Und irgendwann hat er dann auch gesehen, was für ein Juwel er da hat.“

Hans Mahler, der spätere Ehemann von Heidi Kabel, hatte da schon längst ein Auge auf die hübsche junge Frau geworfen. Eine große Liebe, die drei Kinder hervorbrachte. Als er 1970 starb, stand Heidi Kabel in „Suuregurkentied“ auf der Bühne, als ihr Sohn ihr die Nachricht vom Tod ihres Mannes überbrachte. Trotzdem ging sie zurück auf die Bühne und beendete den letzten Akt. „Sie legte eine extrem hohe Disziplin an den Tag“, sagt Seeler dazu. „Sie hat mit Migräne Theater gespielt, mit Krankheiten, mit denen andere längst zu Hause geblieben wären. Es war für sie selbstverständlich, dass die Vorstellung immer an erster Stelle steht.“ Nach dem Tod des Mannes weiterzuspielen sei für eine wie sie eine ganz normale Reaktion gewesen. Der Schock kam danach.

Die Kriegszeit habe Heidi Kabel geprägt

Die fröhliche, lustige Heidi Kabel musste in ihrem Leben mehrere Schicksalsschläge einstecken. Ein Tiefpunkt kam 1945, als sie und ihr Mann aufgrund ihrer NSDAP-Mitgliedschaft aus ihrem geliebten Theater gedrängt wurden. Dabei seien sie nur eingetreten, weil sie hofften, dass Hans Mahler mithilfe des Parteibuchs die Intendanz des Theaters Lüneburg bekommen könnte. „Sie war Mitläuferin, sie hat sich damals sicherlich noch nicht so für Politik interessiert wie später“, sagt Theater-Unternehmer Seeler.

Die Konsequenzen seien schrecklich für sie gewesen, nicht nur wirtschaftlich. Vor allem sei es eine persönliche Demütigung und Kränkung gewesen, von den eigenen Leuten vor die Tür gesetzt zu werden. „Das hat ihr sehr zugesetzt, über viele, viele Jahre“, so Seeler. „Da saß ein Stachel im Fleisch, das hat sie nie verwunden. Sie hat ein bisschen den Glauben an das Gute im Menschen verloren.“

Auch die Kriegszeit selbst habe Heidi Kabel geprägt. Vor allem zwei Dinge seien dauerhaft haften geblieben, berichtet Seeler: der Wunsch nach Wärme – und nach gutem Kaffee. „Sie liebte starken Kaffee. Wenn man bei ihr zu Besuch war, dann kochte sie welchen, und ich mag auch gerne starken Kaffee – aber der war so, dass es einen aus den Schuhen gehauen hat.“

In ihrer Garderobe musste es richtig muckelig warm sein

Kam sie ins Theater, brauchte sie also erst mal „eine schöne Tasse Kaffee“. Und wenn es auf Tour ging, einen Heizlüfter. Denn in ihrer Garderobe musste es richtig muckelig warm sein. Wenn kein anderer es mehr darin aushalten konnte, fühlte Heidi Kabel sich pudelwohl. Genauso im Gastspielbus: „Sie setzte sich ganz nach vorne, wo die Heizung ist, und fühlte sich in ihrem dicken Mantel richtig wohl, während die Schauspieler hinten im Bus im Unterhemd saßen und stöhnten“, erzählt Seeler.

Später ist Heidi Kabel dann gerne in den Süden gereist und hat die Wärme von Thermalbädern genossen. Und sie wurde politischer. Ob man sie heute wohl auf einer Demo von Fridays for Future getroffen hätte? „Ich kann mir schon vorstellen, dass sie da klar Stellung bezogen hätte“, sagt Seeler.

In ihrem Leben habe Heidi Kabel sich nicht nur stets um ihre Familie gekümmert, sie habe vielen Menschen geholfen und sie gefördert. Und sie habe Herzen geöffnet. „Wenn ich sie heute noch mal treffen würde“, sagt Seeler, „dann würde ich sie in den Arm nehmen und sagen: ‚Heidi, was warst du für ein toller Mensch.‘“