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Miriam Gillis-Carlebach: Eine mutige Hamburger Jüdin

Historikerin Barbara Vogel erinnert an die verstorbene Jüdin Miriam Gillis-Carlebach. Ihrem 90. Geburtstag feierte sie 2012 in Gesellschaft von Bürgerschaftspräsidentin Carola Veit (Archivbild).

Historikerin Barbara Vogel erinnert an die verstorbene Jüdin Miriam Gillis-Carlebach. Ihrem 90. Geburtstag feierte sie 2012 in Gesellschaft von Bürgerschaftspräsidentin Carola Veit (Archivbild).

Foto: Klaus Bodig

Im Abendblatt-Podcast „Geliebt & Unvergessen“ erinnert Prof. Barbara Vogel an die Wissenschaftlerin.

Hamburg. Mit 46 Jahren hat sie ihr Abitur gemacht und mit 62 Jahren promoviert. Im neuen Abendblatt-Podcast „Geliebt & Unvergessen“, in dem wir verstorbener Hamburger gedenken, erinnert die Historikerin Professorin Barbara Vogel an eine mutige und zielstrebige Frau: die Jüdin Miriam Gillis-Carlebach.

Sie war eines von neun Kindern des letzten Hamburger Oberrabbiners Joseph Carlebach, der mit seiner Frau und drei seiner Kinder 1942 von den Nazis ermordet wurde. Miriam überlebte nur deshalb, weil sie als 16-jährige Hamburgerin kurz nach der Pogromnacht 1938 emigrieren konnte. Israel sollte bis zu ihrem Tod am 28. Januar dieses Jahres zur Heimat werden. Gillis-Carlebach wurde 98 Jahre alt.

Zunächst besuchte die junge Frau eine Landwirtschaftsschule. Sie heiratete Mosche Gillis, einen Lehrer und Jugenddorfleiter, wurde Mutter und Hausfrau. Erst nach dem Krieg erfuhr sie, dass ihre Eltern und drei ihrer Geschwister ermordet worden waren. „Das bedeutete für sie der Zusammenbruch ihres Selbstbewusstseins“, sagt Barbara Vogel, langjährige Sprecherin des Joseph-Carlebach-Preises, im Abendblatt-Podcast.

Weder Stadt noch Jüdische Gemeinde interessierten sich für Gilles-Carlebach

Es war im Jahr 1982, als Miriam Gilles-Carlebach erstmals wieder Hamburg besuchte. Während ihre Kinder und später die Enkelkinder die deutsche Sprache nicht beherrschen, hat sie Deutsch neben Englisch und Hebräisch immer gesprochen. Aber in Hamburg interessierte sich damals weder die Universität noch die Jüdische Gemeinde für sie und ihren ersten Aufenthalt in der Stadt nach der Emigration. Eine Frau sei damals als Wissenschaftlerin schlichtweg nicht wahrgenommen worden, kritisiert Barbara Vogel. Immerhin sei die Promotion für sie zum „billet d’entrée“ in die akademische Welt geworden.

Zielstrebig arbeitete sie an ihren wissenschaftlichen Projekten als Dozentin für Erziehungswissenschaften in Israel und begann mit der Erforschung des Lebenswerkes ihres Vaters, der nicht nur promovierter Mathematiker, sondern auch Rabbiner und Direktor der Talmud-Tora-Realschule war. Die Joseph-Carlebach-Konferenzen in der Hansestadt führten in den vergangenen Jahren Forscher aus dem In- und Ausland zusammen. „Frau Gillis-Carlebach war eine bedeutende Persönlichkeit mit eigenständigem wissenschaftlichem Anspruch“, würdigt die Historikerin Vogel ihre Kollegin, „und eine anerkannte Herausgeberin der Schriften ihres Vaters.“

Bornplatzsynagoge ist kein "städtebaulicher Gewinn"

Ob der geplante Wiederaufbau der Bornplatzsynagoge am Joseph-Carlebach-Platz ganz im Sinne der Tochter des Oberrabbiners gewesen wäre, vermag Barbara Vogel nicht zu sagen. Sie selbst meint dazu: „Mit einem Wiederaufbau würde so getan, als ob gar nichts gewesen wäre.“ Im Übrigen sei das Bauwerk auch heute kein „städtebaulicher Gewinn“.

Hintergrund: Unter den Nationalsozialisten wurde die Bornplatz-Synagoge erst zerstört und dann 1940 abgerissen. Durch den Bau eines heute noch erhaltenen Hochbunkers, inmitten des Bornplatzes, wurde das ursprüngliche Areal in zwei Hälften geteilt – eine Teilung, die heute noch sichtbar ist mit dem Allende-Platz und dem Joseph-Carlebach-Platz. Granitsteine als Erinnerungsort zeichnen das frühere Deckengewölbe der Synagoge im Originalmaßstab nach. Später wurde der Platz nach dem letzten Hamburger Oberrabbiner Dr. Joseph Carlebach (1883–1942) benannt.