Entscheider treffen Haider

„Wir brauchen Millionen Arbeitskräfte aus dem Ausland“

Lesedauer: 7 Minuten
Detlef Scheele, Vorstandsvorsitzender der Bundesagentur für Arbeit, sprach mit Abendblatt-Chefredakteur Lars Haider.

Detlef Scheele, Vorstandsvorsitzender der Bundesagentur für Arbeit, sprach mit Abendblatt-Chefredakteur Lars Haider.

Foto: Michael Rauhe / FUNKE Foto Services

Abendblatt-Chefredakteur Lars Haider spricht im Podcast mit dem Chef der Arbeitsagentur Detlef Scheele über die Zukunftsprobleme.

Hamburg. Angesichts der Corona-Pandemie und Millionen Kurzarbeitern könnte man den Eindruck gewinnen, dass steigende Arbeitslosenzahlen eines der größten Probleme für Deutschland in den kommenden Jahren werden könnten. Einer, der es wissen muss, glaubt das nicht – im Gegenteil: Detlef Scheele, Vorstandsvorsitzender der Bundesagentur für Arbeit und damit Chef der mit 96.000 Mitarbeitern größten Behörde des Landes, sagt in unserer Reihe „Entscheider treffen Haider“ voraus, dass es schon bald wieder viel mehr Arbeit als Arbeitskräfte geben wird. Ein Gespräch über 15 Millionen Jobs, die durch Zuwanderung besetzt werden müssen, die Milliarden-Rücklagen der Arbeitsagentur – und das bedingungslose Grundeinkommen.

Das sagt Detlef Scheele über…

…das Wochenende, das die Bundesagentur für Arbeit veränderte:

„Bis zum März 2020 haben wir über ständig sinkende Arbeitslosenzahlen berichten können. Das hat sich dann schlagartig geändert. Wir saßen zunächst etwas konsterniert am ersten Wochenende nach Verkündung des Lockdowns zusammen, weil wir ja keinen Plan für so eine Krise hatten, woher auch? Wir haben dann zum Glück ein paar richtige Entscheidungen getroffen: Unsere Einrichtungen wurden für den Publikumsverkehr geschlossen, was uns ermöglichte, Personal u.a. von der Arbeitsvermittlung und der Berufsberatung in die Unterstützung der Kurzarbeitergeldauszahlung zu schicken. Vor Corona hatten sich darum 700 Mitarbeiter gekümmert, in der Spitze des ersten Lockdowns waren es dann 11.500. Heute sind es immer noch 7.500. Wir haben so viel Personal wie möglich in die schnelle Antragsbearbeitung entsandt, auch meine beiden Sekretärinnen haben sich um Anträge auf Kurzarbeit gekümmert, obwohl sie das vorher noch nie gemacht hatten.“

…die Betreuung von Kurzarbeitern und Arbeitslosen aus dem Homeoffice:

„Im Moment können etwa 54.000 unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus dem Homeoffice arbeiten, das sind etwas mehr als 50 Prozent. Das läuft stabil, was man allein daran sieht, dass trotz Corona im vergangenen Jahr 1,9 Millionen Menschen aus Arbeitslosigkeit eine Beschäftigung aufgenommen und wir auch telefonisch und online Berufsberatung gemacht haben. Aber das Fehlen persönlicher Kontakte erschwert natürlich gerade die Betreuung von Problemgruppen am Arbeitsmarkt, insbesondere von ausländischen Arbeitskräften, die unter den Folgen der Pandemie am stärksten leiden.“

…die Frage, woher das Geld für die Kurzarbeit kommt:

„Wir hatten, als das alles über uns hereinbrach, eine Rücklage von 25,8 Milliarden Euro aus den vergangenen acht Jahren. Die werden wir bis Jahresende ausgegeben haben. Das wird aber nicht reichen. Deshalb werden wir, bei im Schnitt 700.000 Kurzarbeitern, mit dem wir rechnen, ein Defizit von knapp 10 Milliarden Euro haben, das aus dem Bundeshaushalt ausgeglichen wird. Das Geld könnten wir anders nie zurückzahlen.“

…um 15 Millionen geht die Zahl der Arbeitskräfte bis 2060 zurück:

„Unser größtes Problem in Deutschland ist nicht die Arbeitslosigkeit, sondern die demographische Entwicklung. Das werden wir nach der Pandemie sofort wieder erleben. In den nächsten Jahren gehen die geburtenstarken Jahrgänge in Rente. Wir brauchen jedes Jahr eine Nettozuwanderung von 400.000 Arbeitskräften, um diesen Effekt annähernd ausgleichen zu können. Würde niemand aus dem Ausland zum Arbeiten nach Deutschland kommen, würde die Zahl der Erwerbspersonen bis 2060 um 15 Millionen zurückgehen. Es wird sehr darauf ankommen, dass wir aus Drittstaaten eine erhebliche Zuwanderung haben. Und wir sind leider nicht so attraktiv für Zuwanderer wie andere Länder, das fängt schon bei der Sprache an. Fest steht: Der Arbeitsmarkt wird in den nächsten Jahrzehnten stark arbeitnehmerorientiert sein, es wird viel mehr Arbeit als Arbeitskräfte geben.“

…die Branchen mit dem größten Bedarf an Fachkräften:

„Am schwierigsten wird es werden, den Bedarf an Fachkräften im sozialen Bereich zu decken, also etwa in der Pflege oder der Kinderbetreuung. Mehr Erzieherinnen und Erzieher bekommen wir, wenn wir die Ausbildung deutlich intensivieren und die Teilzeitquote anheben. Die Pflegeseite ist deutlich schwieriger, die Probleme dort werden wir ohne Einwanderung aus dem Ausland nicht lösen können. Wir bemühen uns sehr, etwa in Vietnam, Pflegekräfte zu akquirieren, und das geht auch, aber noch viel zu langsam.“

…das Ziel, Arbeitslose so schnell wie möglich wieder in Jobs zu bringen:

„Es ist absolut entscheidend, einen Arbeitssuchenden so schnell wie es irgendwie geht zu vermitteln, am besten direkt von einem Job zum anderen. Je länger man arbeitslos ist, desto schwieriger wird es, wieder eine Beschäftigung zu finden. Nach zwei Jahren liegt die Wahrscheinlichkeit pro Monat unter zwei Prozent.“

…die SPD:

„Ich bin mit 23 Jahren Mitglied der SPD geworden. Wir wohnten alle in Barmbek, und wollten uns engagieren. Und in den Kreisen, in denen ich unterwegs war, ging man entweder zur SPD oder zu den Grünen. Ich habe mich schon damals für den Bereich Arbeit und Soziales interessiert, und da konnte und kann man bei der SPD mehr bewirken als bei den Grünen. Das ist und bleibt das zentrale Thema meiner Partei.“

…seine Beziehung zu Olaf Scholz, mit dem er unter anderem im Bundesarbeitsministerium und im Hamburger Senat zusammengearbeitet hat:

„Ich war Kreisvorsitzender in Hamburg Nord, Olaf Scholz Kreisvorsitzender in Altona, als wir uns angefreundet haben. Es gibt einiges, was uns verbindet: Die Art, wie wir arbeiten und was uns wichtig ist. Wir können uns aufeinander verlassen.“

…die Bundestagswahl 2021:

„Weil zum ersten Mal in der deutschen Geschichte nur Kanzlerkandidaten antreten, die noch nie Kanzler waren, ist der Ausgang der Wahl offen. Ich würde Olaf Scholz‘ Chancen nicht an den 15 Prozent messen, die die SPD im Moment in Umfragen erhält. Es ist wichtig, dass sich die Sozialdemokratie auf ihre Kernkompetenz konzentriert, und nicht so viele grüne Themen verhackstückt. Man muss zum Beispiel aufpassen, dass man nicht leichtfertig Hand an die Arbeitsplätze im verarbeitenden Gewerbe anlegt, etwa in der Automobilindustrie, denn die gehören zum sozialen Inventar in Deutschland.“

…das bedingungslose Grundeinkommen:

„Ich halte das für keine gute Idee. Der Sozialstaat hat die Pflicht jemandem, der in einer Notlage ist, zu helfen. Mit einem bedingungslosen Grundeinkommen würde sich der Staat von der Aufgabe freikaufen, sich etwa um Menschen zu kümmern, die ihren Arbeitsplatz verloren haben.“

…seine Überraschung darüber, dass Peter Tschentscher Nachfolger von Olaf Scholz als Hamburger Bürgermeister wurde:

„Wir sind damals alle davon ausgegangen, dass Andreas Dressel Nachfolger von Olaf ­Scholz werden würde. Im Nachhinein hat sich die Wahl von Peter Tschentscher aber als Glücksfall für den Senat und die Stadt erwiesen, seine Art, Politik zu machen, kombiniert mit seinen medizinischen Kenntnissen hilft gerade bei der Bekämpfung der Pandemie sehr.“