Entscheider treffen Haider

"Hinz&Kunzt" war für Birgit Müller "wie die große Liebe"

Lesedauer: 8 Minuten
"Hinz & Kunzt"-Chefredakteurin Birgit Müller ist zu Gast im Abendblatt-Podcast und spricht über Armut und Obdachlosigkeit in Hamburg.

"Hinz & Kunzt"-Chefredakteurin Birgit Müller ist zu Gast im Abendblatt-Podcast und spricht über Armut und Obdachlosigkeit in Hamburg.

Foto: Marcelo Hernandez / FUNKE Foto Services

Abendblatt-Chefredakteur Lars Haider spricht mit Birgit Müller, der scheidenden Chefredakteurin des Hamburger Obdachlosen-Magazins.

Hamburg. Mehr als ein Vierteljahrhundert war Birgit Müller die Chefredakteurin des Hamburger Obdachlosen-Magazins „Hinz&Kunzt“, und damit eine wichtige Stimme in der Stadt.

Nun geht sie in den Ruhestand und spricht mit Abendblatt-Chefredakteur Lars Haider über Armut und Obdachlosigkeit in Hamburg, ihr Verhältnis zur Politik und Probleme, die erst in einer eigenen Wohnung auftauchen können. Und die Frage, wie der Name "Hinz&Kunzt" entstand, klären wir auch.

Das sagt Birgit Müller über…

…den Abschied als Chefredakteurin von „Hinz&Kunzt“:

„Ich wollte nach 27 Jahren Platz machen für Neues. Trotzdem berührt mich die Abschiedsphase sehr, umso mehr, weil ich wegen Corona meine Kolleginnen kaum noch sehen konnte. Die Abschiedsfeier, von der ich geträumt hatte, mit möglichst vielen Verkäuferinnen, die sich Musik wünschen dürfen, wird es leider auch nicht geben. Das ist sehr traurig. Hinz&Kunzt war für mich wie die große Liebe.“

…den Start bei "Hinz&Kunzt":

„Ich war 37 Jahre alt, arbeitete beim Hamburger Abendblatt und wurde vom damaligen Diakonie-Chef Stephan Reimers gefragt, ob ich ihm ein paar Ratschläge für die Gründung eines Obdachlosen-Magazins geben könnte. Beim ersten Treffen habe ich mich so in die Crew verliebt, die da am Start war, dass ich Feuer und Flamme für das Projekt war. Ich habe drei Monate nebenberuflich für Hinz&Kunzt gearbeitet und mich dann entschieden, beim Abendblatt zu kündigen, um nur noch das zu machen. Ich dachte, dass sei ein Abenteuer, das ich mir leisten kann, bevor ich 40 werde. Das war mit Gehaltseinbußen verbunden, was ich jetzt bei der Rente merke, aber so etwas hat mich damals überhaupt nicht interessiert. Ich war zunächst nur feste freie Mitarbeiterin neben Ivo Banek. Als er dann nach zwei Jahren zu anderen Projekten aufbrach, bin ich Chefredakteurin geworden.“

…den Namen „Hinz&Kunzt“:

„Auf den Namen ist indirekt meine Ziehtochter gekommen. Wir sollten eigentlich „Jetzt“ heißen, aber der Titel war von der „Süddeutschen Zeitung“ belegt. Deshalb mussten wir innerhalb weniger Tage einen neuen Namen finden. Meine Ziehtochter fragte mich, für wen das Magazin denn sein sollte, und ich sagte: für jedermann. ,Dann nennt es doch Hans & Franz‘, sagte sie. Mein Kollege Ivo Banek reagierte darauf mit den Worten, „dann können wir es ja gleich Hinz & Kunz nennen“ – und wir hatten unseren Titel. „Kunzt“ haben wir gemacht, weil wir kein Jammerblatt sein wollten, sondern ein Magazin, das Lebensfreude und Zuversicht ausstrahlt.“

…Obdachlose als Journalisten:

„Mein Traum war immer, dass es irgendwann mal ein Obdachloser über ein Volontariat in die Redaktion schafft. In meiner Zeit ist das nicht gelungen.“

…das journalistische Credo:

„Wir sind parteiisch, setzen uns für Obdachlose und arme Menschen in unserer Gesellschaft ein, versuchen aber trotzdem, so wahrhaftig und umfassend zu berichten. Das ist nicht leicht, weil wir natürlich sehr nah dran an unseren Leuten sind. Man muss immer wieder aufpassen, dass man nicht in eine Aktivistensprache verfällt, und dass man auch die Gegenseite zu Wort kommen lässt – und zwar richtig.“

…eine Lobby für Obdachlose und ärmere Menschen:

„Da hat sich in den vergangenen Jahrzehnten viel getan. In Hamburg kann man Obdachlose nicht mehr wegdiskutieren. Die haben eine Lobby, allerdings nicht bis in die Politik hinein. Die Hamburgerinnen und Hamburger sind sehr empfindlich, was die Lage der Obdachlosen angeht. Sie wissen, dass es sehr viele arme Menschen in der Stadt gibt, entsprechend groß ist die Solidarität. Zur Politik: Ich war schockiert, dass der Bürgermeister uns vor der Bürgerschaftswahl im Februar zum ersten Mal kein Interview gegeben hat. Das war früher immer selbstverständlich. Er hat diesmal mit vielen, um nicht zu sagen: mit jedem geredet, mit uns nicht. Ich weiß nicht warum. Wir haben leider auch kein besonders gutes politisches Verhältnis zur Sozialsenatorin, sind oft unterschiedlicher Meinung, was den Umgang mit Obdachlosen angeht.“

…die Zahl der Obdachlosen in Hamburg:

„Wir haben zusammen mit der Behörde 1910 Menschen gezählt, die in Hamburg auf der Straße leben. Das Problem ist nicht nur, dass es in einer Stadt wie Hamburg zu wenig bezahlbare Wohnungen gibt. Viele Obdachlose scheuen sich auch, mit Menschen in einer Gemeinschaftsunterkunft zusammen zu leben, die die gleichen Probleme haben wie sie. Das ist sehr anstrengend. Deshalb plädieren wir für kleine, dezentrale Unterbringungen.“

…die Frage, wie man in die Obdachlosigkeit rutscht:

„Bei den deutschen Obdachlosen gibt es in der Regel frühkindliche Traumata. Viele Menschen haben im Heim oder in zerrütteten Familien gelebt, es dann doch in einen Beruf geschafft oder einen Partner gefunden – und dann wird ihnen eine dieser Säulen wieder weggerissen. Es dauert lange, bis man aus so einem Tief wieder herauskommt. Übrigens: Die durchschnittliche Lebenserwartung eines Obdachlosen liegt bei 49 Jahren.“

…die Legende von den Obdachlosen, die nicht mehr in einer Wohnung leben können oder wollen:

„Die Rückkehr in eine Wohnung fällt vielen nicht leicht, weil die Wohnung oft mit einem Gefühl des Scheiterns verbunden ist. Ein Kollege von mir, ehemaliger Obdachloser, hat mir einmal erzählt, dass er in der ersten Nacht in der neuen Wohnung nicht schlafen konnte, er habe sich wie in einem Schuhkarton gefühlt, auf den ein Deckel gestülpt wird. Er hat gedacht, dass er diese Einsamkeit nicht durchhält, die es auf der Straße so nicht gibt. Aber die meisten, die ich kenne, wollen trotz alledem eine Wohnung. Es darf nur nicht die Gefahr bestehen, dass sie dort vereinsamen.“

…das Verhältnis von Verkäufern & Käufern:

„Die Käufer von Hinz&Kunzt sind für die Verkäufer, in meiner Zeit hatten wir insgesamt rund 7000, ein stabilisierendes Element in ihren Leben, so viele Sozialarbeiter könnte man gar nicht einstellen. Man hat Gespräche, man hat Kontakte, dass erleichtert die Rückkehr in ein normales Leben ungemein.“

… die Auflage von „Hinz&Kunzt“:

„Wir hatten einmal, im Januar 1994, eine Auflage von 194.000 Exemplaren. Sonst lagen wir in der Anfangszeit zwischen 110.000 und 120.000. 2020 sind wir leider, auch wegen Corona, ziemlich runtergerutscht, unter einen Wert von 60.000. Das ist für die Hinz&Künztler schlecht und auch für uns als Projekt. Die Zeitung trägt sich nach wie vor vollumfänglich selbst, der Anteil der Spenden an unseren Einnahmen ist aber deutlich auf jetzt 60 Prozent gewachsen. Davon bezahlen wir unter anderem 38 Mitarbeiter, von denen 22 ehemalige Verkäufer sind. Wir sind sehr stolz, dass bei uns Obdachlose und Nicht-Obdachlose zusammenarbeiten, das ist die DNA von Hinz&Kunzt.“

…die Suche nach ihrer Nachfolgerin:

„Es gab 106 Bewerbungen, darunter viele hochkarätige Journalisten, tolle Leute, die Preise gewonnen haben. Wir hatten eine große Auswahl. Am Ende ist die Wahl auf Annette Bruhns vom „Spiegel“ gefallen, die schon seit Mitte November in der Redaktion ist und am 1. Januar endgültig übernehmen wird. Ich freue mich, dass ich noch ein paar Wochen mit ihr zusammenarbeiten durfte.“