Entscheider treffen Haider

Klaus-Peter Wolf: „Mein Serienkiller läuft noch frei herum“

Lesedauer: 8 Minuten
Klaus-Peter Wolf – seine Bücher wurden in 24 Sprachen übersetzt und mehr als zehn Millionen Mal verkauft.

Klaus-Peter Wolf – seine Bücher wurden in 24 Sprachen übersetzt und mehr als zehn Millionen Mal verkauft.

Foto: Wolfgang Weßling

Abendblatt-Chefredakteur Lars Haider spricht in dieser Podcast-Folge mit „Ostfriesenkiller“-Autor Klaus-Peter Wolf.

Hamburg. Es begann mit dem „Ostfriesenkiller“, führt aktuell in die „Ostfriesenhölle“, bis es im Februar mit „Ostfriesenzorn“ weitergeht: Mit seinen Krimis um die Ermittlerin Ann Kathrin Klaasen erreicht Klaus-Peter Wolf Millionen Leser – dabei wollte er nie reich und berühmt werden, sondern einfach nur schreiben. Als er zum Termin mit Abendblatt-Chefredakteur Lars Haider in die Redaktion kommt, hat er die Kladde, in der er handschriftlich seinen neuen Roman verfasst, in einem Jute-Beutel dabei. Ein Gespräch über Serienkiller und Judith Rakers, Füller und Diktiergeräte, Bestsellerlisten und deutsche Krimiautoren.

Das sagt Klaus-Peter Wolf über…

…seine ungewöhnliche Art, Bücher zu schreiben:

„Ich schreibe alle meine Bücher mit einem Füller in eine Kladde, wobei: Ich habe gar nicht das Gefühl, dass ich die Romane schreibe, es ist, als würde ich dem Füller beim Schreiben zusehen. Ich sehe, wie der Füller über das Papier gleitet und lese im Grund mit, was passiert. Deshalb habe ich heute Nacht so lange geschrieben, es war so spannend. Ich kann stundenlang schreiben, da bremst mich auch keine Sehnenscheidenentzündung. Einmal wollte mein Arzt deswegen meinen Arm stilllegen. Da habe ich ihm gesagt: „Das kannst du nicht machen, mein Serienkiller läuft noch frei herum, ich muss den Roman beenden.“ Wenn ein Roman fertig ist, nehme ich ein Diktiergerät und spreche das Geschriebene ein. Erst danach schreibt es eine Mitarbeiterin am Computer ab. Ganz am Ende lese ich den kompletten Roman meiner Frau vor, und auch dabei merke ich manchmal noch, wo es hakt. Wenn man laut liest, stellt man erst fest, dass der Rhythmus der Sprache nicht stimmt oder ein Satz sich peinlich anhört.“

… Figuren, die sich selbstständig machen:

„Bevor ich anfange, einen neuen Roman zu schreiben, habe ich die Geschichte in meinem Kopf. Es gibt also einen Plan, doch leider funktioniert der meistens nicht. Denn beim Schreiben gehe ich in die Perspektive der einzelnen Figuren – und je stärker eine Figur ist, desto eher macht sie etwas völlig anderes, als ich es geplant habe. In mir sind die Figuren aktiv, sie verlangen, dass ich über sie schreibe, sie etwa in einer schwierigen Situation nicht allein lasse. Deshalb verläuft die Handlung auch für mich oft überraschend. Ich weiß zwar, wer der Killer ist – aber ich weiß nicht, ob und wie sie ihn schnappen.“

…das Schreiben an sich:

„Das schlimmste, was man mir antun könnte, wäre mir das Schreiben wegzunehmen. Wenn ich ins Gefängnis käme und würde dort alles bekommen, was ich zum Schreiben brauche, würde mir das wahrscheinlich gar nicht so auffallen. Ich wollte nie reich und berühmt werden, ich wollte immer nur meine Geschichten erzählen. Wenn ich das kann, bin ich ein glücklicher Mensch.“

…die Auflagen seiner Bücher:

„Als der erste Roman, „Ostfriesenkiller“, erschien, hatte er eine Startauflage von 6000, das fanden der Verlag und ich damals schon mutig. Die ersten fünf Folgen meiner Reihe haben sich ganz ordentlich verkauft, manchmal kamen wir über 10.000, es konnte auch schon mal in Richtung 20.000 Exemplare gehen. Aber der Durchbruch kam erst mit Band 6, „Ostfriesenangst“. Bis dahin hatte ich Angst, dass der Verlag die Zusammenarbeit mit mir wieder beenden könnte. Heute starten wir normalerweise bei einem neuen Roman mit einer Auflage von 250.000. Und wenn ein neuer Band erscheint, dann steigen auch die Verkaufszahlen der alten Folgen: Von „Ostfriesenkiller“ sind inzwischen rund 700.000 Exemplare verkauft worden, aktuell ist die 23. Auflage auf dem Markt. Das zeigt, wie wichtig es ist, als Verlag Geduld mit seinem Autor zu haben. Viele Verlage haben das oft nicht.“

…brutale Morde und Serienkiller in seinen Büchern:

„Ich glaube, es muss in einem Buch existenziell werden. Für mich ist der Kriminalroman der Gesellschaftsroman unserer Zeit, weil ich in die Abgründe der menschlichen Seele gucken kann.“

…Titelheldin Ann Kathrin Klaasen, die große Ähnlichkeit mit seiner Frau hat:

„Ann Kathrin Klaasen hat am selben Tag wie meine Frau Bettina Göschl Geburtstag, sie lebt im selben Haus in Norden, sie hat viel von ihr. Aber sie hat auch viel von mir, stammt zum Beispiel aus Gelsenkirchen. Viele meiner Figuren gibt es wirklich: Holger Bloehm ist tatsächlich Chefredakteur des Ostfriesland-Magazins und als solcher auch in meinen Büchern. Peter Grendel ist ein Nachbar von mir im Distelkamp in Norden, Jörg und Monika Tapper betreiben tatsächlich das Café ten Cate, in dem es großartiges Marzipan gibt. Dass ich die als Figuren in meinen Romanen verwende, geht nur, weil es Freunde von mir sind, weil ich die gut kenne und weiß, wie sie reden, wie sie handeln. Im letzten Roman verstecken die Tappers den Innenminister bei sich zu Hause. Bevor ich das schreibe, gehe ich einfach hin und frage: „Jörg, wenn ihr jetzt den Innenminister verstecken müsstest, wo würdet ihr das tun?“ Er hat mir dann das Jugendzimmer seines Sohnes gezeigt… So entwickelt sich meine Roman-Welt.“

…die Figur Rupert, die eigentlich unmöglich ist und gerade deswegen von den Fans geliebt wird:

„Eigentlich war Rupert mit seinen sexistischen und frauenfeindlichen Sprüchen, mit seinem Hang zur Gewalt für mich eine Nebenfigur in den Romanen. Einer, über den man sich aufregen, über den man aber auch mal lachen kann – und der oft ein Gefühl der Schadenfreude auslöst. Die Fans haben diese Nebenfigur aber sehr geliebt, ich habe oft Briefe bekommen, in denen ich gebeten wurde, ihn auf keinen Fall ums Leben kommen zu lassen. Der ist praktisch eine demokratisch gewählte Hauptfigur geworden, deshalb hat er jetzt seine eigene Roman-Trilogie bekommen. Die erste Folge ist auch von null auf Platz eins in die „Spiegel“-Bestsellerliste eingestiegen, hat sich mehr als 200.000 Mal verkauft.“

…den Tatort Ostfriesland:

„Ein Tourismusmanager hat einmal gesagt, dass das, was ich mache, für Ostfriesland das beste Marketing ist, das man sich vorstellen kann. Inzwischen gibt es ohne Ende Eifersüchteleien zwischen den Inseln, wo denn die Morde stattfinden…“

…deutsche Krimischriftsteller:

„Es ist ja noch gar nicht so lange her, dass Krimiautoren aus Deutschland hier kaum Bücher verkauft haben. Am Anfang meiner Zeit hat mal ein Verleger zu mir gesagt: „Klaus-Peter, du schreibst wirklich gute Spannungsliteratur. Aber die sucht niemand bei einem deutschen Autor.“ Er riet mir, meine Romane nicht in Deutschland, sondern am besten in Amerika, wenigstens in England spielen zu lassen und sie unter einem anderen Namen zu veröffentlichen. Weil ich das nicht wollte, haben Sie mir K.P. Woolf als Namen vorgeschlagen. Heute klingt das wie Satire, aber damals war das wirklich so. Inzwischen haben wir deutschen Krimiautoren die Bestsellerlisten zurückerobert.“

… Corona, Serienkiller Dr. Sommerfeldt und Judith Rakers:

„In einem der nächsten Romane wird natürlich auch die Pandemie eine Rolle spielen. Sie ist nicht das Thema, aber es werden Ermittlungen stattfinden, während wir alle Masken tragen. Mein Serienkiller Dr. Sommerfeldt sagt ja dazu: „In unseren Kreisen sind wir seit langem ans Maskentragen gewöhnt…“ Darum wird es aber erst in „Ostfriesensturm“ 2022 gehen. Im nächsten Buch, „Ostfriesenzorn“, das Anfang 2021 erscheint, wird Judith Rakers eine wichtige Rolle spielen… mehr wird nicht verraten. Judith Rakers hatte übrigens nur eine Frage: Bin ich die Leiche?“