Entscheider treffen Haider

Michael Mittermeier: „Ich wollte nie systemrelevant sein“

Lesedauer: 5 Minuten
Lars Haider
Michael Mittermeier ist 54 Jahre alt. Der Comedian lebt mit seiner Frau und der gemeinsamen Tochter in Pullach.

Michael Mittermeier ist 54 Jahre alt. Der Comedian lebt mit seiner Frau und der gemeinsamen Tochter in Pullach.

Foto: Andreas Laible / Funke Foto Services

Der Comedian spricht im Abendblatt-Podcast über Corona-Witze, Auftritte vor Autos und Verschwörungstheoretiker.

Hamburg. Michael Mittermeier ist einer der deutschen Künstler, dem das Land vor Corona zu Füßen lag und der inzwischen, wie so viele andere, lernen musste, dass er zwar sehr witzig, aber leider nicht systemrelevant ist.

Jetzt schlägt der Comedian unter dem Motto „Tausche Witze gegen Antikörper“ zurück – mit einem Buch („Ich glaube, ich hatte es schon“), in dem er seine Pandemie-Erfahrungen verarbeitet. Mit Abendblatt-Chefredakteur Lars Haider spricht Mittermeier über Verschwörungstherapien, Auftritte vor 90 Zuschauern, Homeschooling – und über einen Supermarkteinkauf ohne Maske.

Das sagt Michael Mittermeier über…

…lachen, wo man eigentlich heulen könnte

„Ich habe noch den Satz von meinem Lektor im Ohr, der gesagt hat: Das einzige, was uns passieren kann, ist, dass es wieder einen Lockdown gibt, wenn dein Buch herauskommt… Das war unser Schreckensszenario: Du schreibst ein Buch über diese Zeit, damit die Leute mal wieder lachen können – und dann geht das alles von vorne los. So oder so gilt aber das Zitat des von mir sehr verehrten Kabarettisten Werner Fink, das mich immer begleitet hat: ,Wer lachen kann, dort wo er hätte heulen können, bekommt wieder Lust zum Leben.’ In diesem Satz steckt viel Wahrheit.“

…die ihm am häufigsten gestellte Frage, ob man über Corona-Witze machen darf?

„Diese Frage ist so deutsch, da zieht es mir die weißen Tennissocken aus.“ …den Existenzkampf vieler Kulturschaffender: „Viele halten schon nicht mehr durch, und haben sich andere Jobs gesucht. Ich kenne Musiker, die jetzt Pizza ausfahren, weil sie von irgendetwas leben müssen. Ich sage den Leuten, mit denen ich in der Vergangenheit viel zusammengearbeitet habe: Wenn du in Schwierigkeiten kommst, ruf mich an, ich helfe dir. Oft reicht es schon, wenn die Menschen wissen, dass im Falle eines Falles jemand da ist.

Aber den Politikern muss klar sein, dass im Kulturbereich 1,5 Millionen Menschen arbeiten, und dass es jetzt um die Zukunft von vielen Bühnen, von traditionsreichen Theatern geht. Und wenn die erstmal zumachen, dann sind die weg, ein für alle Mal. Wir brauchen dringend eine Taskforce Kultur, das sage ich schon seit März. Es muss eine Möglichkeit geben, mit dem Ganzen zu leben. Wenn man in einem Raum, in den normalerweise 500 Leute passen, nur vor 100 auftreten darf, dann ist es so. Aber lasst es uns wenigstens tun.“

… Auftritte vor wenigen Zuschauern

„Ich habe gar kein Problem damit, in diesen Zeiten vor 50 oder 100 Menschen aufzutreten. Wenn ich auftrete, gibt es kein Genöle. Ich habe kein Verständnis für Künstler, die sich darüber beschweren, dass zu wenig Leute bei ihrem Auftritt waren – dann sollen sie daheimbleiben. In der Frankfurter Festhalle habe ich den Zuschauern bei einer TV-Aufzeichnung gesagt: ,Ich habe hier schon mal vor 8000 Menschen gespielt, jetzt seid ihr 90. Und damit wisst ihr, was euer Job ist: Ihr müsst die 8000 machen.’ Die waren von Minute eins voll da, das war eine tolle Atmosphäre.“

… Auftritte vor Autos

„Die liefen überraschenderweise ganz toll, weil die Leute hinter der Windschutzscheibe gemerkt haben, dass ich für sie alles gebe. Mein erster Auftritt war am 7. Juni in einem Autokino in Niederbayern, es hatte elf Grad und hat geregnet. Ich stand vor 150 Autos, die Scheibenwischer liefen, und ich habe gespielt, als ob 1000 Leute da wären. Es war sehr lustig.“

… die Reihenfolge, in der Branchen aus dem Lockdown gelassen wurden

„Erst haben ja die Baumärkte aufgemacht, dann kamen die Friseure und die Massagesalons, und man sprach auch über die Bordelle. Ich habe mich damals gefragt: Hat irgendwer schon die Theater erwähnt? Die Comedy-Clubs? Oder gilt: erst poppen, dann lachen? Das ist Deutschland. Wobei ich lachen jetzt nicht viel unhygienischer finde, als in den Puff zu gehen. Manchmal überholt die Realität die Satire und begeht danach Fahrerflucht. Wobei mich nicht überrascht hat, dass Kulturschaffende und gerade Comedians stiefmütterlich behandelt worden sind und wurden. Und, ganz ehrlich: Ich wollte ja auch nie systemrelevant sein, ich wollte und will die Leute zum Lachen bringen.“

… Verschwörungstheoretiker

„Ich habe Mitleid mit denen, die auf der dunklen Seite der Welt leben, da ist kein Humor mehr, nur Ärgernis und Hass. Du wirst sofort beschimpft, wenn du anderer Meinung bist. Ich weiß: Immer wenn einer mich anschreit, dann stimmt was nicht. Denn schlechte oder gar keine Argumente werden ja nicht besser, wenn man sie laut vorträgt. Ich habe auch keine Lust mehr, über dämliche Verschwörungstheorien zu diskutieren