Entscheider treffen Haider

Ratsherrn-Chef: „Bier ist langweilig geworden"

Oliver Nordmann mit Ratsherrn-Krause. Er hat 2013 im „Alten Mädchen“ damit angefangen, 20 Fassbiere und 70 Flaschenbiere anzubieten.

Oliver Nordmann mit Ratsherrn-Krause. Er hat 2013 im „Alten Mädchen“ damit angefangen, 20 Fassbiere und 70 Flaschenbiere anzubieten.

Foto: Andreas Laible

Brauerei-Chef Oliver Nordmann über Hamburg als Bierstadt, neue Zielgruppen und die Frage, was Brauer von Winzern lernen können.

Hamburg. Im Familienunternehmen, das er mit seinem Bruder in vierter Generation führt, gilt er als der „kreative Visionär“. Mit der alten Hamburger Traditionsmarke Ratsherrn will Oliver Nordmann, geschäftsführender Gesellschafter der Nordmann-Gruppe (600 Mitarbeiter), vor allem Frauen und Weinkennern Lust auf Bier machen. Was Brauer wie er mit Winzern gemeinsam haben, warum es bald in noch mehr Restaurants große Bierkarten geben soll und was das alles mit einem „alten Mädchen“ zu tun hat, verrät Nordmann im Gespräch mit Abendblatt-Chefredakteur Lars Haider.

Das sagt Oliver Nordmann über …

… die Craft-Beer-Szene:

„Die Craft-Beer-Szene ist als Gegenbewegung zu den Konzentrationsprozessen auf dem Biermarkt entstanden. Je größer die großen Bier-Konzerne wurden, desto mehr kleine, unabhängige Brauereien entstanden wieder, denen eine Vielfalt der Biere wichtig ist. Das hat mich begeistert. In diesem Umfeld wollte ich Ratsherrn 2012 neu positionieren, mit 20 bis 30 verschiedenen Bierstilen.“

… Hamburg als Bierstadt:

„Als Bierstadt hat Hamburg eine lange Tradition. Hier gab es früher eine große Zahl von Bierstilen und rund 500 Brauereien. Auch Ratsherrn steht ja in der Tradition der Elbschloss-Brauerei, die schon 1881 gegründet wurde und dann in den 50er-Jahren die Marke Ratsherrn als Premiumbier für Hamburg eingebraut hat. Dieser Tradition fühlen wir uns verpflichtet und sind auch stolz darauf!

… langweiliges Bier:

„Früher wurde in Deutschland pro Kopf und Jahr rund 140 Liter Bier getrunken, heute sind es noch 100. Das hat auch etwas damit zu tun, dass die Brauereien sich vor allem darauf konzentriert haben, effizienter zu werden, und die Bier-Vielfalt dadurch auf der Strecke geblieben ist. Dadurch ist Bier langweilig geworden, daran wollen wir etwas ändern.“

… die Frage, was Bierbrauer von Winzern lernen können:

Ich denke, vor allem Geduld, aber auch die Liebe zur Natur und zur Vielfalt von Aromen. Hopfen ist ja genauso abhängig von der Region und dem Boden, auf dem er wächst, wie Weintrauben. Unsere Mission ist, dass jeder Konsument seinen Bierstil, seine Aromatik entdeckt und dann sagt: Ich bleibe beim Bier. Eine Bierbegleitung zu einem Fünf-Gänge-Menü soll und kann genauso selbstverständlich werden, wie es heute eine Weinbegleitung ist. Mit dem großen Vorteil, dass Bier deutlich weniger Alkohol hat. Übrigens war ich vor Kurzem in einem Restaurant in Stockholm, wo es zu jedem Essen eine Wein- und eine Bierempfehlung gab. So soll es sein.“

… ein Bier und 60 Weine:

„Es kann doch nicht sein, dass es in Restaurants eine Weinkarte mit 60 oder mehr verschiedenen Titeln gibt, aber nur eine Biersorte. Ein Grund hierfür ist, dass viele Gastronomen finanziell von Brauereien abhängig sind: Die haben ihnen jahrzehntelang Darlehen gegeben, die sie von Banken nicht bekommen hätten, und dafür als Gegenleistung verlangt, dass nur ihr Bier ausgeschenkt wird. Das ist die alte Welt, die brechen wir gerade auf. Wir haben eine Spezialbank gefunden, die Gastronomen finanziert – und die somit die Möglichkeit haben­, mehrere Biersorten auszuschenken. Gut sortierte Restaurants sollten drei bis fünf Fassbiere haben und darüber hinaus weitere Sorten in der Flasche anbieten.“

… Biere aus Weingläsern:

„In unserer Ratsherrn Bar am Mühlenkamp werden die Biere aus Weingläsern getrunken und auch genauso geschwenkt. Bei den Belgiern kann man je nach Sorte zwischen sechs oder sieben verschiedenen Gläsern wählen.“

… die eigenen Braugaststätten:

„Wir haben 2013 im Ratsherrn Braugasthaus Altes Mädchen damit angefangen, in einem Lokal 20 Fassbiere und 70 Biere aus der Flasche anzubieten. Und es funktioniert: Die Gäste mögen das. Inzwischen haben wir fünf eigene Braugaststätten und planen weitere. Es gibt auch eine Anfrage aus der Schweiz, ob wir dort so etwas planen können.“

… neue Zielgruppen:

„Unser Ziel ist, Frauen und Weintrinker von den neuen Bieren zu begeistern. Bei Pilstrinkern ist das schwieriger, die sind in der Regel sehr konservativ und ihrem Bier treu. Für mich ist es ein Ansporn, Weintrinker zu konvertieren. Sehr wichtig sind für uns als Zielgruppe auch junge Leute zwischen 25 und 30.“

… alkoholfreies Bier:

„Wir haben anderthalb Jahre geforscht, wie wir Geschmack in ein Bier ohne Alkohol kriegen. Das ist nicht leicht, weil Alkohol ja der Geschmacksträger ist, beim Bier wie beim Wein. Wir haben uns damit erst schwergetan, haben jetzt aber ein alkoholfreies Ratsherrn im Programm, mit dem wir sehr zufrieden sind.“

… Bio-Bier:

„Wir haben einige Sorten in Bio-Qualität. Wir haben einen eigenen ökologischen Anbau auf Rügen, den wir sukzessive ausbauen. Es geht ja auch um Umweltschutz, und in diesem Bereich sind wir aus meiner Sicht ziemlich weit vorn. Darauf achten gerade junge Leute, und das ist ja auch gut so. Noch ist Bio aber eine Nische, die wachsen muss.“

… Pleiten von Gastronomen durch Corona:

„Wir glauben schon, dass 20 Prozent der Gastronomen existenzielle Probleme bekommen werden. Vor allem die, die schon vor Corona nicht so richtig positioniert waren. Das ist für uns alle nicht gut.“

… Bier, das Heimat braucht:

Gerade für Bier gilt dieser Slogan doch sehr! Wenn Sie mitten in den Schanzenhöfen im Biergarten des Alten Mädchen sitzen, dann können Sie dem Brauer in der Ratsherrn Brauerei ja quasi direkt über die Schulter gucken – das ist für mich Heimat gepaart mit Lebensgefühl! Ratsherrn gehört überall dort hin, wo Hamburger sind, also in die Stadt und ihren Großraum, aber auch an die Nord- und Ostseeküste Schleswig-Holsteins.“

… das Angebot eines amerikanischen Unternehmers, sich an Ratsherrn zu beteiligen:

„Als wir das Angebot bekamen, schüttelte mein Sohn nur mit dem Kopf. Er ist die fünfte Generation in unserem Familienunternehmen. Was das angeht, sind wir sehr traditionsbewusst. Und das wissen potenzielle Käufer …“