Entscheider treffen Haider

Ralf Martin Meyer: „Ich bin heute relaxter als je zuvor“

Hamburgs Polizeipräsident Ralf Martin Meyer im Podcast-Studio des Hamburger Abendblatts.

Hamburgs Polizeipräsident Ralf Martin Meyer im Podcast-Studio des Hamburger Abendblatts.

Foto: Marcelo Hernandez

Hamburgs Polizeipräsident spricht im Abendblatt-Podcast über sein Gehalt, kritische Momente bei G20 – und Angststörungen.

Hamburg. Er muss immer erreichbar sein, kann jeden Tag ohne Angaben von Gründen die Kündigung erhalten – und wird wahrscheinlich bis zu seiner Rente Hamburgs Polizeipräsident bleiben: Ralf Martin Meyer (60) ist der Chef einer Organisation, die als Unternehmen mit ihren 10.000 Mitarbeitern zu den größten in der Stadt gehören würde. Mit Abendblatt-Chefredakteur Lars Haider spricht er über seine erstaunlichen Nehmer-Qualitäten, nächtliche Anrufe und Angststörungen.

Das sagt Ralf Martin Meyer über…

…Rückschläge, die ihn zu einem Stehaufmännchen werden ließen:

„Ich habe in meinem Leben einige Rückschläge erlebt, so dass ich eine besondere Resilienz entwickelt habe. Ganz gleich, was passiert, es gelingt mir in der Regel sehr schnell wieder nach vorn zu blicken.“

…das Angebot, Polizeipräsident Hamburgs zu werden:

„Der damalige Innensenator Michael Neumann hat mich unter einem Vorwand zu einem Gespräch in sein Büro gebeten und mir dort das Angebot gemacht, Polizeipräsident zu werden. Ich habe mir erst Bedenkzeit erbeten und dann sogar abgesagt, auch, weil mein Inneres mir gesagt hat: Du brauchst das nicht, du musst das nicht machen. Aber Michael Neumann hat nicht lockergelassen, und irgendwann hat er mich doch überzeugt. Was ein Glück war, denn im Nachhinein habe ich mich oft gefragt, warum ich überhaupt gezögert habe. Die Hamburger Polizei lag mir schon damals sehr am Herzen.“

…sein Gehalt:

„Der Hamburger Polizeipräsident ist für fast 11.000 Mitarbeiter verantwortlich und verdient gut 100.000 Euro im Jahr. Darüber schmunzelt mancher meiner Sportkollegen nur. Bei einigen ist das die Größenordnung einer Gehaltserhöhung. Wenn man den Job allerdings wegen des Geldes macht, ist man als Polizeipräsident falsch.“

...die kritischsten Momente bei G 20:

„Das war der Morgen des 7. Juli. Mein Handy klingelte und der Lagedienst fragte, ob ich erreichbar sei, weil Frau Merkel sich gleich bei mir melden würde. Da hatten die Krawalle an der Elbchaussee gerade begonnen… Ich hätte mir am liebsten einen Einsatzanzug angezogen, und wäre dort hingefahren, um die Kollegen zu unterstützen. Als am späten Abend die Gewalt im Schanzenviertel eskalierte, habe ich mit Innensenator Andy Grote und Olaf Scholz in meinem Büro gesessen und die Lage die ganze Nacht über verfolgt. Wir haben uns stundenlang die Köpfe heißgeredet, was zu tun ist. Ich habe mich unheimlich über den ganzen Tag geärgert, weil ich mir nicht hatte vorstellen können, dass uns so etwas passiert. Wir hatten alle Verfassungsschutzbehörden und Staatsschutzämter in Hamburg, und niemand hatte vorher eine entsprechende Information.“

…die Frage, wann er angerufen wird, um lebenswichtige Entscheidungen zu treffen:

„Bei besonderen Lagen, großen Verbrechen, kritischen Entwicklungen und immer, wenn ich selber etwas anordnen muss, z.B. wenn Handys geortet werden sollen. Das anzuordnen, ist meine Aufgabe und das kann leider zu jeder Tages- und Nachtzeit vorkommen. Oft geht es dabei um Fälle, bei denen Menschen unmittelbar in Lebensgefahr sind. Deshalb liegt mein Handy auch nachts immer griffbereit.“

…das Verhältnis von Polizei und Presse:

„Polizisten und Journalisten haben einen ähnlichen Berufsalltag: Viel Kaffee, immer im Dienst, Informationen sammeln und verarbeiten. Häufig haben wir mit denselben Themen zu tun, häufig recherchieren wir zur selben Zeit. Ich kann mich an eine Schießerei in Dulsberg erinnern, bei der die Journalisten immer einen Augenblick vor uns beim nächsten Zeugen waren. Da gibt es viele Parallelen. Wir brauchen einander, wir ärgern uns manchmal übereinander, es ist ein Geben und Nehmen. Die Zeiten, in denen Journalisten an Türen geklingelt haben und laut „Polizei“ gerufen haben, und ganz leise, sodass es keiner verstehen konnte, „Reporter“ sind zum Glück vorbei.

…Angststörungen:

„Ich habe lange beim MEK gearbeitet. Dort hatten wir einen Fall, bei denen wir auf einen Menschen schießen mussten, um andere Leben zu retten. Der Angeschossene ist vor meinen Augen verstorben. Solche und andere extremen Erfahrungen addieren sich und können irgendwann psychische Probleme auslösen. Das ist menschlich. Ich könnte mir vorstellen, dass selbst die Kanzlerin mal etwas Ähnliches hatte, als sie eine Zeit lang bei Empfängen neben anderen Regierungschefs anfing zu zittern. Eine Angststörung ist nichts anderes, als die Angst davor, dass die Angst kommt. Ich hatte eine Art Sprechangst, die wie besonderes Lampenfieber wirkte bei Ansprachen oder etwa bei Pressekonferenzen. In meinen sieben Jahren als Pressesprecher der Polizei habe ich gelernt damit umzugehen und bin heute relaxter als je zuvor!“

…die Polizistenausbildung:

„Der Beruf ist nach wie vor sehr attraktiv, wir haben hohe Bewerberzahlen, daran ändern auch Debatten wie aktuell die über Rassismus in der Polizei zum Glück nichts. Wir können gerade im Bereich des gehobenen Dienstes noch aus einer großen Menge an Kandidatinnen und Kandidaten auswählen. 80 Prozent der Polizistinnen und Polizisten haben heute übrigens Abitur.“

…Homeoffice:

„Wir haben zu Beginn der Corona-Pandemie unter anderem die vulnerablen Gruppen bei uns aus Sicherheitsgründen ins Homeoffice geschickt. Aber auch vielen anderen Mitarbeitern diese Möglichkeit angeboten. Zum Glück hatten wir bisher wenige Erkrankungen bei uns, es sind über die ganze Zeit jetzt 48 Fälle. Ein Kollege ist leider an Covid-19 gestorben. Zukünftig wollen wir schrittweise versuchen, Homeoffice weiter auszubauen.“