Entscheider treffen Haider

Birkel: "Mein Vater war Teil der ersten Start-up-Szene"

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Christoph Birkel ist Geschäftsführer des hit-Technoparks Hamburg.

Christoph Birkel ist Geschäftsführer des hit-Technoparks Hamburg.

Foto: Martina van Kann

Christoph Birkel, einst Nachfolger der Nudeldynastie, über Homeoffice, Technologie und Unternehmergeist in Corona-Zeiten.

Hamburg. Wer glaubt, dass Christoph Birkel etwas mit den namensgleichen Nudeln zu tun hat, liegt richtig – und doch wieder nicht. Die neue Folge von „Entscheider treffen Haider“ beginnt zwar mit der Geschichte und dem tragischen Ende des deutschen Teigwaren-Unternehmens. Doch dann geht es um Hochtechnologie, Weltmarktführer, Digitalisierung und Homeoffice: Denn die Nudelproduzenten von einst betreiben heute einen der größten deutschen Technologieparks – in Hamburg.

Das sagt Birkel über…

… die Nudelmarke, die er im Namen trägt:

„Natürlich sprechen mich Leute auf meinen Namen an, weil ja viele Birkel als Nudelmarke kennen. Als ich ein Kind war, wollten meine Mitschüler komischerweise von mir immer wissen, ob wir zu Hause auch Nudeln essen. Und ich habe gesagt: Was glaubt ihr denn? Die Einzige in unserer Familie, die lieber Kartoffeln mochte, war meine Mutter. Ich bin in und mit dem Unternehmen aufgewachsen, mein Elternhaus stand auf dem Fabrikhof in Buxtehude, das war für uns ein riesiger Spielplatz.“

… die tragische Geschichte der Birkel-Nudeln:

„Das Unternehmen ist von meinem Ururgroßvater Balthasar Stefan Birkel gegründet worden, ich wäre die fünfte Generation gewesen, die die Firma geleitet hätte. Aber leider haben wir Ende der 80er-Jahre die Firma verkaufen müssen, weil es den vermeintlichen Skandal um das Frischei gab, bei dem wir bezichtigt wurden, Bakterien und angebrütete Eier in unseren Nudeln verarbeitet zu haben. Das stimmte nicht, und trotzdem wurde überall darüber berichtet, was bei uns zu einem Umsatzeinbruch von mehr als 80 Prozent über ein ganzes Jahr führte. Das konnten wir irgendwann nicht mehr durchhalten. Mein Vater war der Letzte aus unserer Familie, der Birkel geleitet hat. Ich war etwa 14 Jahre alt, als das Unternehmen praktisch über Nacht weg war. Das war für uns als Familie ein harter Schnitt, den selbst meine Schwester und ich in der Schule mitgekriegt haben. Damals waren wir in Buxtehude der größte Arbeitgeber, und plötzlich waren auch Eltern von meinen Mitschülern arbeitslos. Das war eine unangenehme Situation, vor allem, weil uns als Familie an der Situation überhaupt keine Schuld traf.

… der späte Sieg der Birkels vor Gericht:

„Wir haben als Familie natürlich gegen die Vorwürfe, dass wir unsere Nudeln verseucht hätten, geklagt, und nicht nur Recht bekommen, sondern auch einen Schadenersatz von 13 Millionen Mark. Das bringt einem nur nichts, das Unternehmen war natürlich vor dem Skandal wesentlich mehr wert. Immerhin haben Politik und Presse damals gelernt, dass man mit solchen Beschuldigungen vorsichtig sein muss. Wir waren damals in der ,Tagesschau‘, da kannst du als Unternehmen noch so gegen die Vorwürfe angehen, irgendetwas bleibt haften. Nach uns ist dann die gesamte deutsche Teigwarenindustrie übernommen worden, und die italienischen Hersteller sind auf den Markt gekommen.“

… seinen Vater Wolfram Birkel:

Er hat trotz des erzwungenen Verkaufs von Birkel den Kopf nie hängen lassen. Mein Vater ruht in sich selbst und hat eine unglaubliche Stärke und Gelassenheit, Sachen hinzunehmen, abzuhaken und nach vorn zu blicken. Das habe ich sehr bewundert, denn die Firma war ja unser aller Leben, es gab kein anderes Thema in der Familie. Wir haben mehr als 1000 Menschen einen Arbeitsplatz gegeben, waren sehr anerkannt, und plötzlich ist das weg, obwohl wir nichts falsch gemacht haben. Das ist ja nicht nur ein finanzieller Verlust, da war ja auf einmal auch unser Ansehen und guter Ruf weg. Plötzlich dachten Leute, dass wir sie vergiften wollten. Damit muss man erst mal zurechtkommen, und das ist meinem Vater sehr gut gelungen. Er hat sich umgeguckt, was er mit seiner Erfahrung als Unternehmer machen kann, und kam dann zu seinen ersten Beteiligungen im Technologiebereich. Wenn man so will, war mein Vater Teil der ersten Start-up-Szene, die in den 80er-Jahren aus der Technischen Universität Hamburg-Harburg entstanden ist. Und daraus ist über die Jahre der hit-Technopark geworden.“

… seinen Technologiepark in Harburg, der zu den größten Deutschlands gehört:

„Bei uns sitzen 110 Unternehmen aus 45 Branchen, darunter vier Weltmarktführer. Wir haben unsere Größe in den vergangenen acht Jahren verdreifacht, wollen sie in den nächsten fünf Jahren noch einmal verdoppeln und bis zu hundert weitere Firmen ansiedeln. Wir glauben daran, dass gerade kleinere, spezialisierte Firmen in einer globalisierten Welt nur zurechtkommen, wenn sie Netzwerke mit anderen bilden. Dieses Netzwerk versuchen wir unseren Mietern im hit-Technopark zu geben. Und wir glauben an den Hamburger Süden, auch wenn für viele Bürger aus dem Norden die Stadt an der Elbe zu enden scheint. Hamburg ist eine tolle Stadt, und sie hat endlich auch verstanden, dass sie mehr als einen Technologiepark braucht, und will deshalb weitere gründen. Doch leider ist lange kaum jemand zu uns nach Harburg gekommen und hat sich angeschaut, wie wir das hier machen, und was man davon für den Rest der Stadt lernen kann.“

… die Folgen der Corona-Krise für die Tech-Firmen:

„Bisher sind unsere Unternehmen von der Krise nicht betroffen, ich befürchte aber, dass das mit einer zeitlichen Verzögerung der Fall sein könnte. Wir haben aktuell nur vier sehr kleine Mieter verloren, die vorsichtshalber gekündigt haben und nun im Homeoffice arbeiten.“

... den Siegeszug des Homeoffice:

„Ja, Homeoffice funktioniert, aber nur, wenn sie die Leute, mit denen sie Videokonferenzen machen, schon kennen. Neue Menschen und Unternehmer über das Homeoffice kennenzulernen, ist dagegen schwierig. Gespräche, bei denen sie versuchen, ein geschäftliches Verhältnis aufzubauen, funktionieren nicht über Skype oder Zoom. Dafür muss man sich treffen. Ich persönlich merke übrigens mit jeder Woche, die ich im länger im Homeoffice bin, dass mir Energie verloren geht. Wenn sie im Büro sind und dort ständig von anderen Menschen umgeben, bekommen sie ganz andere Impulse. Was Dienstreisen oder wiederkehrende Treffen, zum Beispiel Baubesprechungen mit vielen Leuten, angeht, frage ich mich allerdings, warum erst Corona kommen musste, damit wir Videokonferenzen schätzen lernen.“

... seine Beteiligungen an Firmen und die Frage, nach welchen Kriterien er sich für ein Investment entscheidet:

„Ich entscheide mich fast immer nach meinem Bauchgefühl. Ich muss das Produkt verstehen, wenn ich das nach 20 Sekunden nicht tue, ist das Thema für mich erledigt. Dann frage ich mich, ob ich das entsprechende Produkt oder die Dienstleistung auch selbst verwenden würde. Und zum Schluss geht es natürlich um die Menschen, die hinter einem Produkt oder einer Firma stehen, an der ich mich beteilige. Die müssen begeisterungsfähig sein, lernwillig und nicht beratungsresistent. Kurz gesagt: Die Leute müssen mir gefallen, und es muss mir Spaß bringen, mit ihnen etwas zusammen zu machen.“

… seine Beteiligung an der Trampolinpark-Gruppe Jumphouse, die wegen der Corona-Krise alle ihre Anlagen schließen musste:

„Jumphouse hat ein Management, das extrem professionell und vorausschauend ist, die brauchen wenn überhaupt nur moralische Unterstützung und werden gut durch die Krise kommen. Das ist überhaupt meine Rolle als Business Angel: Ich muss jetzt da sein für meine Firmen und ihnen Mut machen. Und ich weiß aus der Erfahrung meiner Familie, was denen da gerade wegbricht, und wie schrecklich es ist, dass man sich dagegen nicht wehren kann. Was heute für viele Unternehmen Corona ist, war für uns Birkels damals der angebliche Flüssigei-Skandal. Wir müssen das irgendwie durchstehen und zwar zusammen. Aber: Wenn ihnen am Ende der Laden pleitegeht, ist es ein schwacher Trost, wenn Hunderte andere das gleiche Schicksal erleiden. Ich habe viele unserer Beteiligungen jetzt finanziell aufmunitioniert, damit die erst mal durchhalten.“

… die Rolle, die sein Vater im Unternehmen noch spielt:

„Mein Vater und ich haben fünf Jahre zusammengearbeitet, und das war toll. Er war mein natürlicher Sparringspartner. In Verhandlungen war es großartig, wenn wir zu zweit waren, weil mal der eine und mal der andere etwas netter beziehungsweise härter sein konnte. Das fehlt mir heute. Als meine Mutter schwer erkrankt ist, ist mein Vater aus dem operativen Geschäft ausgestiegen und hat sich um sie gekümmert. Heute ist er vor allem mit seinem Segelboot in der ganzen Welt unterwegs, zurzeit sitzt er in der Karibik fest, weil er wegen des Coronavirus keinen Hafen anlaufen kann. Wie er das Unternehmen an mich übergeben hat, war einfach vorbildlich, ich hoffe, dass ich das eines Tages auch mit einem meiner Kinder so machen kann. Denn was gibt es Schöneres als sein Unternehmen an eines seiner Kinder weiterzugeben? Das ist doch ein Traum, für mich wenigstens.“

… die Frage, ob es in all den Jahren die Überlegung gab, Birkel zurückzukaufen:

„Ich weiß nicht, ob es gut wäre, so eine Geschichte noch einmal aufzuwärmen. Wenn Sie mich jetzt aber fragen würden, was ich lieber täte, den Technologiepark oder Birkel zu führen, dann würde ich sagen: Eigentlich gehöre ich zu Birkel. Das ist in meiner DNA drin. Den Geruch von frisch gebackenen Nudeln wird man einfach nicht los.“

… Start-ups in Hamburg:

„Die nächsten 20 Jahre werden unsere Zeit sein, Hamburg läuft Berlin gerade als Start-up-Hauptstadt den Rang ab. Und das liegt nicht nur, aber auch, an der unterschiedlichen Politik, die in beiden Städten gemacht wird.“