Entscheider treffen Haider

Michel Abdollahi: „Rassismus macht vor gar nichts halt“

Lesedauer: 13 Minuten
Michel Abdollahi ist zu Gast im Podcast Entscheider treffen Haider.

Michel Abdollahi ist zu Gast im Podcast Entscheider treffen Haider.

Foto: Marcelo Hernandez

Im Podcast "Entscheider treffen Haider" spricht Journalist und Moderator über die AfD, hustende Chinesen und Vorurteile.

Hamburg. Er ist ein Vorzeige-Migrant, ein echter Hamburger Jung – und er wurde trotzdem zum Hass-Objekt der Rechten, insbesondere der AfD. Der Journalist und Moderator Michel Abdollahi hat diese Rolle nicht nur angenommen, er schlägt zurück und lässt sich von Droh-Mails nicht einschüchtern.

Sein Buch „Deutschland schafft mich“ ist eine klare, schonungslose Analyse, wie sich Rassismus und Extremismus in den vergangenen Jahren in einer Republik entwickelt haben, die nach dem Sommermärchen 2006 aus dem Gröbsten heraus zu sein schien.

Abendblatt-Chefredakteur Lars Haider spricht in einer neuen Folge von „Entscheider treffen Haider“ mit Abdollahi nicht nur über den richtigen Umgang mit AfD-Politikern, sondern auch über Rassismus zwischen Schleswig-Holsteinern und Hamburgern. Das komplette Gespräch hören Sie unter www.abendblatt.de/entscheider.

Das sagt Michel Abdollahi über …

… das Ziel, das er mit seinem Buch „Deutschland schafft mich“ verfolgt:

Ich habe heute gelesen, dass man 2017 von mehr als 248.000 rassistischen Anschlägen und Angriffen auf Minderheiten im Jahr in Deutschland ausgeht. Das Bundesinnenministerium meldet aber nur 158 Taten, 250 sind zur Anzeige gebracht worden. Wenn man solche Zahlen hört, die sich mit meinen Erfahrungen decken, ist das erschreckend. Ich hoffe, mit meinem Buch die Leute zu erreichen, die sich alleingelassen fühlen, die glauben, dass sie keine Stimme in der Öffentlichkeit haben. Und ich versuche auch, denen eine Stimme zu geben, die sich ganz doll engagieren, die in ihrem Engagement vielleicht aber nicht gesehen werden. Ich will allen sagen: Ihr seid nicht allein. In der Coronakrise machen wir das ganz selbstverständlich, bei Themen wie Hass und Ausgrenzung ist es schwieriger.

… das Sommermärchen 2006:

Damals sah es auf einmal so aus, als hätten wir es geschafft, als könnten wir Fremdenfeindlichkeit und Ausgrenzung hinter uns lassen. Die Welt zu Gast bei Freunden, eine bunt gemischte Nationalmannschaft. Ich habe mir damals auch mein erstes Deutschland-Trikot gekauft, Miroslav Klose, weil ich dazugehören und mir das nicht von anderen Leuten verbieten lassen wollte. Das hat ziemlich gut funktioniert, aber leider nicht lange gehalten. Vier Jahre, würde ich sagen.

… die Frage, was seit 2010 in Deutschland falschgelaufen ist:

Es gibt in der Gesellschaft immer Menschen, die mit dem, was gerade passiert, nicht einverstanden sind. Das war in den 2000ern auch. Damals gab es leider Menschen, die nicht darüber glücklich waren, dass ein Gerald Asamoah oder ein David Odonkor für die deutsche Nationalmannschaft gespielt haben. Diese Menschen haben im Laufe der Zeit immer weiter eine Stimme bekommen, und diese Entwicklung gipfelte 2010 im Buch von Thilo Sarrazin. Ein Buch von einem Mann, der eben nicht aussah wie der klassische Rechtsradikale und der die beschriebenen­ Klischees bestätigt hat. Man darf nicht vergessen, dass „Deutschland schafft sich ab“ das am besten verkaufte Sachbuch der Nachkriegsgeschichte war.

… latente Fremdenfeindlichkeit in Deutschland:

Die schlummert nicht nur im deutschen Volk, das ist keine Exklusivität, die wir hier haben. Die gibt es überall, in allen Gesellschaften weltweit. Aber ich lebe nun einmal in Deutschland, und deswegen möchte ich mich hier gegen Rassismus engagieren.

… die Flüchtlingskrise 2015:

Die absolute Mehrheit der Menschen hat den Flüchtlingen damals geholfen. Genauso, wie ich Deutschland kenne. Nur leider haben wir den wenigen Störenfrieden in diesem und den folgenden Jahren eine große Bühne gegeben, als müsse man das tun, als gäbe es einen Zwang dazu. In jeder Talkshow saßen Menschen, von denen wir heute wissen, dass sie Rechtsextreme sind. Man hätte das auch damals wissen können.

… den richtigen Umgang mit AfD-Politikern:

Natürlich soll man sich mit den Leuten unterhalten. Aber wenn ich herausfinde, dass mein Gegenüber ein Rechtsextremist ist, dann muss ich das genauso benennen. Wir müssen das für die Zuschauer und Leser ganz klar einordnen. Aber ich habe das Gefühl, dass wir dieser Einordnung immer ausgewichen sind, um nicht in aller Härte sagen zu müssen, was da gerade passiert. Es ist ja auch schwierig zuzugeben, dass man einem Rechtsextremen ganz viel Platz in einer Sendung oder einer Zeitung gibt. Was soll das, wenn wir wissen, dass der in Wirklichkeit unsere freiheitliche Grundordnung zerstören will?

… die „Bild“-Zeitung, die keine Interviews mit AfD-Politikern führt:

Man kann sich ganz schön „intelligent“ davonschleichen, wenn man wie Bild-Chefredakteur Julian Reichelt sagt, dass man diese Leute nicht interviewt, gleichzeitig aber die Schlagzeilen macht, die die „Bild“-Zeitung nun einmal macht.

… die sozialen Netzwerke:

Ohne die sozialen Medien hätte es länger gedauert, dass sich Rechtsextreme in Deutschland ein solches Gehör verschaffen, wie sie es im Moment haben, und der Zuspruch etwa zur AfD wäre auch nicht so immens gewesen. Durch die sozialen Medien sind diese Leute überall sichtbar und können ganz leicht ihre Falschmeldungen und Verschwörungstheorien unter das Volk bringen. Mit denen erwischst du Menschen, die unzufrieden sind, und von denen gibt es in unserem Land relativ viele. Das hat die AfD sehr gut erkannt, die für ihre Propaganda heute die ARD oder andere Massenmedien gar nicht mehr braucht. Und die mithilfe der sozialen Medien sagen kann, was sie will, weil eben kein kritischer Journalist dabei ist, der das hinterfragt. Und dann sehen die Nutzer, dass ein Video 100.000-mal oder mehr angesehen wurde, und denken: Dann muss das ja wichtig sein.

… „Fremdenfeindlichkeit“ in Zeiten der Coronakrise, wenn plötzlich Schleswig-Holsteiner Hamburger Ferienhausbesitzern über den Gartenzaun zurufen: „Hau endlich ab, du hast hier nichts mehr zu suchen!“:

Ich bin traurig, wenn Menschen solche Erfahrungen machen. Aber ich weiß ganz genau, wie die Menschen, die solche Situationen erleben, sich fühlen müssen. Und wer so etwas erlebt hat, weiß vielleicht, wie es Leuten mit Migrationshintergrund geht. Das Gefühl ist ganz schön schlimm. Das Beispiel zeigt, dass der Rassismus, den wir verstärkt in der Gesellschaft wahrnehmen, vor gar nichts halt macht, nicht einmal vor Schleswig-Holsteinern und Hamburgern. Die Leute sollten sich nicht der Illusion hingeben, dass sie davor geschützt sind, nur weil sie zum Beispiel eine weiße Hautfarbe haben und Christ sind. Wer einmal das Gefühl hat, ausgegrenzt zu werden, fängt an, misstrauisch zu werden und sich selbst von Menschen angegriffen zu fühlen, die es gut mit einem meinen. Das ist übrigens das Gefühl, das viele männliche Muslime kennen. Wenn ich zum Beispiel am Flughafen bin, werde ich immer etwas intensiver kontrolliert als andere. Das ist nicht in Ordnung, das ist nicht das Land, in dem ich leben möchte.

… Ausgrenzungen in Krisenzeiten:

In der Sekunde, in der du das Gefühl hast, dass du in persönliche Gefahr gerätst, möchtest du dich schützen. Das ist vollkommen menschlich. Ich möchte als Schleswig-Holsteiner nicht, dass der Hamburger jetzt zu uns kommt, ihr habt doch viel mehr Coronafälle, wir wollen uns jetzt abschotten, die Regierung hat entsprechende Allgemeinverfügungen erlassen! Die gleiche Reaktion hat man auch bei den Migranten in diesem Land, mit dem Unterschied, dass mir niemand verboten hat, hier zu sein. Und trotzdem sagt man: Du gehörst hier nicht hin. Das liegt daran, dass die Menschen diffuse Ängste haben und dass Gruppierungen wie die AfD diese Ängste bewusst schüren, um sich dann als Retter aufzuspielen. Um im Bild zu bleiben: so wie die Polizei an der Grenze zwischen Hamburg und Schleswig-Holstein dafür sorgt, dass die vielleicht infizierten Hamburger gar nicht erst ins Land kommen.

… die Frage, was Solidarität in unserem Land wert ist, wenn es schon nach einer Woche Corona zu Verwerfungen zwischen Hamburgern und Schleswig-Holsteinern kommt:

Die Frage ist immer, was es mit einem macht. Was macht es mit dem Hamburger Ferienhausbesitzer, dem sein Nachbar zuruft, dass er abhauen soll? Plötzlich geht es nicht mehr um den Nachbarn, sondern daraus wird eine Sache zwischen Hamburg und Schleswig-Holstein – und was die einen den anderen wegnehmen. Das ist der Mechanismus, den ich in meinem Buch an vielen Stellen beschreibe.

… die Erfahrung, wie schnell in Deutschland Grund- und Freiheitsrechte eingeschränkt werden können, und was das bedeuten würde, wenn die falschen Politiker an der Macht wären:

Das ist der Punkt, über den ich immer wieder diskutiere. Was wäre denn, wenn in der Coronakrise ein AfD-Politiker Ministerpräsident in Thüringen wäre? Man sieht auf einmal die Allmacht des Staates und was im Rahmen unserer Gesetze alles möglich ist. Man darf nur noch zu zweit vor die Tür gehen, man darf nicht von einem Bundesland ins andere fahren, Demonstrationen sind verboten und, und, und. Das geht alles innerhalb von wenigen Wochen. Aber was passiert, wenn jemand an die Macht kommt, der mit dir oder mit mir ein Problem hat? Dann kann der uns auch durch ganz normale Gesetze das Leben sehr, sehr schwer machen. Deshalb warne ich davor, dass es eben nicht unerheblich wäre, wenn die AfD wo auch immer an die Macht käme.

… Vorurteile in der Coronakrise, wenn plötzlich Zweifel daran laut werden, dass Menschen mit Migrationshintergrund „auch richtig verstanden haben, worum es eigentlich geht“:

Ich möchte im Moment nicht Chinese oder Italiener sein. Wenn du heute als Ausländer hustest, ist das doppelt schlimm: Erst ist er Migrant, dann verbreitet er das Virus auch noch. Was will uns Donald Trump damit sagen, wenn er vom „chinesischen Virus“ spricht? Das ist latente Fremdenfeindlichkeit, die überall mitschwingt. Das Vorurteil, „die Ausländer verstehen das nicht“, höre ich oft. Und ich sage: Soll das euer Ernst sein? Die überragende Anzahl der Ausländer, die sich integriert haben, setzen wir gleich mit ein paar Leuten, die das noch nicht geschafft haben? Wenn man mit Türken, die in vierter Generation hier leben, darüber spricht, ob man für sie deutsche Nachrichten übersetzen soll, schütteln die nur mit dem Kopf.

… die Frage, warum wir Klopapier horten:

Ich möchte eine Lanze für die Deutschen brechen. Wenn du tausendmal in den sozialen Medien Grafiken siehst, aus denen hervorgeht, dass die Deutschen Klopapier und Nudeln kaufen und die Franzosen Rotwein und Kondome, was macht das mit dir? Du denkst, dass die Klischees von den jeweiligen Ländern eben doch stimmen, dass die Deutschen langweilig sind. Dabei zeigen seriöse Statistiken, dass in der Coronakrise überall auf der Welt der Verkauf von Klopapier und Nudeln gestiegen ist, das gilt für die Franzosen genauso wie für die Deutschen. Und die Kassiererin in meinem Drogeriemarkt hat neulich erzählt, dass die Kunden dort auch ganz ordentliche Mengen an Kondomen kaufen …

… die Folgen der Coronakrise für die Bundestagswahl im kommenden Jahr:

Ich habe schon Vertrauen darin, dass Menschen, die sich in den vergangenen Jahren von Volksparteien abgewandt haben, in der Krise merken, wie wichtig seriöse Politiker für uns sind. Und dass sie spüren, dass die AfD bisher keine Lösungen angeboten hat. Wer die dann bei der nächsten Bundestagswahl immer noch wählt, wählt eine Partei, die in der Krise vollkommen versagt hat.

… das Virus, das alle anderen Themen zu erdrücken scheint:

Ich habe große Sorgen, was für ein Schaden angerichtet wird, wenn wegen der Coronakrise andere Dinge aus dem Fokus geraten. Was ist mit Themen wie Klimawandel, soziale Ungerechtigkeit, Ex­tremismus, mit den ganzen Anschlägen? Wir dürfen diese anderen Themen nicht außen vor lassen, müssen Schritt für Schritt auch über die Berichterstattung in den Medien versuchen, in die Normalität zurückzukommen. Und die Normalität heißt soziale Ungerechtigkeit bekämpfen, Rassismus bekämpf

( Lars Haider )