Entscheider treffen Haider

Krisenforscher: „Drehbuch für Corona längst bekannt“

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Im Podcast "Entscheider treffen Haider" spricht Frank Roselieb über good guys, bad guys und die Sechs-Wochen-Regel.

Hamburg. Wenn es einen Menschen gibt, der sich in Deutschland mit der Bewältigung von Krisen auskennt, ist es Frank Roselieb. Seit mehr als zwei Jahrzehnten beschäftigt sich der Direktor des Instituts für Krisenforschung der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel mit nichts anderem.

In der Coronakrise beginnt sein Arbeitstag morgens um 6 Uhr und endet irgendwann um Mitternacht. Abendblatt-Chefredakteur Lars Haider sprach mit ihm über das Krisenmanagement der Regierung und die nächsten Schritte.

Das sagt Frank Roselieb über…

… verschiedene Arten von Krisen:

„Wir unterscheiden in der Krisenforschung zwei Arten von Krisenfällen: Ad-hoc-Krisen auf der einen Seite und schleichende Krisen auf der anderen Seite. Ad-hoc-Krisen sind beispielsweise Terroranschläge, Blackouts, also längerfristige, großflächige Ausfälle der Stromversorgung oder Flugzeugabstürze. Dieser Typ von Krise tritt unmittelbar auf. Eine echte Frühwarnung ist meist nicht möglich.

Anders bei schleichenden Krisen, die kündigen sich oft an und entwickeln sich über einen längeren Zeitraum. Dazu gehören beispielsweise Naturereignisse wie der Frühjahrsorkan ,Sabine’ im Februar 2020 oder Sturmfluten. Hier kann der Wetterdienst oft frühzeitig warnen und die Bahn die Bürger auffordern, zu Hause zu bleiben, oder den Verkehr gleich ganz einstellen. Auch Pandemien wie das Coronavirus fallen in diese Kategorie.“

… den Unterschied zwischen der Coronakrise und anderen Krisen:

„Im Kern sind das zwei zwei Dinge: Erstens entwickelt sich eine Pandemie als schleichende Krise über einen sehr langen Zeitraum hinweg. Beispielsweise hatte China bereits am 31. Dezember 2019 der Weltgesundheitsorganisation das angezeigt, was dann später auf den Namen Corona getauft wurde.

Weil eine Pandemie recht schwach beginnt, muss man auch die Maßnahmen der Krisenbewältigung dosiert und schrittweise zur Anwendung bringen, sonst bleibt am Ende keine Munition mehr übrig, wenn es wirklich kritisch wird. Stellen Sie sich vor, die Bundesregierung hätte bereits unmittelbar im Januar 2020 die Bürger in die häusliche Isolation geschickt. Da säßen Sie dann jetzt seit drei Monaten drin. Das wäre unverhältnismäßig.

Und zweitens benötigt man bei der Krisenbewältigung bei Pandemien immer einen sehr langen Atem. Die Schulen sind schon seit Wochen geschlossen, trotzdem steigt die Zahl der Neuinfizierten weiter. Das erweckt natürlich bei den Bürgern den Eindruck, der Staat habe die Lage nicht im Griff, mache das Falsche oder reagiere zu spät. Das ist aber nicht Fall. Ganz im Gegenteil. Bei einer Pandemie ist das eine ganz normale Entwicklung. Notwendig ist dann sehr viel Kommunikation, um den Bürgern die Besonderheiten einer Pandemie zu vermitteln. Das klappt aber dank der vielen Virologen derzeit recht gut.“

… die Phasen der Pandemie:

„Wir unterscheiden bei Pandemien immer acht Phasen. Derzeit befinden wir uns in der fünften Phase. Ein bisschen was haben wir also noch vor uns. Alle Phasen beginnen mit ,A’. Das erste war das Aufklären, also Hände waschen. Dann kam das Appellieren, bitte Homeoffice nutzen. Als die Bürger dann trotzdem abends noch ins Fitnessstudio gegangen sind, folgte das Anordnen. Das waren die Schulschließungen. Als die Helikopter-Mütter ihre Kinder danach weiter zusammen mit anderen auf die Spielplätze geschickt haben, kam das Abriegeln. Mittlerweile sind wir beim fünften A für Abschotten angelangt. Das sind dann die Ausgangsbeschränkungen und Grenzschließungen.

Danach kämen dann noch das sechste A für Abwickeln, beispielsweise von Unternehmen. Dann das Aufheben, also das schrittweise Wiederanfahren von Wirtschaft, Gesellschaft und Menschen und schließlich das Aufarbeiten. Da kommen wir dann wieder ins Spiel beispielsweise bei der Frage, was richtig und falsch gelaufen ist. Sicherlich wird es einige Gesetzesänderungen geben und vielleicht auch den einen oder anderen parlamentarischen Untersuchungsausschuss.“

… das Krisenmanagement der Politik:

„Das ist vom Grundsatz her eigentlich ganz gut. Das sehen Sie auch daran, dass sich die Opposition mit Kritik zurückhält. Die ist sonst immer recht schnell, wenn es um Kritik am Krisenmanagement der Regierenden geht. Bei Corona ist das offenbar anders. Das liegt auch daran, dass man bei Corona genügend Zeit zum Üben hatte. Einerseits gab es genügend echte Fälle wie 2002 Sars oder 2009 die Schweinegrippe.

Außerdem wurden mehrere länderübergreifende Katastrophenschutzübungen zur Pandemie durchgeführt, beispielsweise 2007 und nochmals 2013. Damals ging man von 400.000 Krankenhauseinweisungen und 100.000 Toten aus. Davon sind wir aktuell glücklicherweise noch weit entfernt. Trotzdem war das Drehbuch für Corona natürlich schon längst bekannt, auch wenn Olaf Scholz das jüngst im Bundestag noch vehement bestritten hat. Zum anderen ist Krisenmanagement auch immer Teamarbeit. Man kann sicherlich viel Kritik an der Großen Koalition in Berlin üben. Aber in der jetzigen Coronakrise bin ich froh, dass wir genau diese Krisentaskforce am Kabinettstisch sitzen haben.“

… über die Frage, ob die Länder recht haben, wenn sie an den dezentralen Strukturen der Krisenbekämpfung festhalten wollen:

„Ja. Wobei der Föderalismus eigentlich noch weiter geht. Wir haben aktuell nicht nur 16 Krisenstäbe in den Ländern, sondern rund 400 in den Kreisen und kreisfreien Städten. Das ist auch gut so. In Deutschland kommt ein zweistufiges System zur Anwendung: Auf der Ebene der Kreise und kreisfreien Städten liegt die letztendliche Verantwortung für die Maßnahmen gegenüber der Bevölkerung. Dort hat also nicht die Bundeskanzlerin das letzte Wort, sondern vielmehr die Landrätin oder der Oberbürgermeister.

Aus jahrzehntelanger Krisenforschung wissen wir, dass dieser Ansatz dem zentralistischen Vorgehen anderer Länder durchaus überlegen ist. Erstens können passgenauere Entscheidungen für die jeweilige Region getroffen werden. Zweitens sind auch die Rettungsorganisationen dezentral aufgestellt. Und drittens möchte man natürlich in einer Marktwirtschaft auch beim Krisen- und Katastrophenmanagement den Wettbewerb stimulieren.“

... die Rolle der Virologen in der Krise:

„Die sind derzeit wichtige Berater der Politik. In der Pandemiekommunikation kommt dabei eine Art Good-guy-bad-guy-Strategie zur Anwendung. Die Experten verkünden die schlechten Nachrichten. Sie warnen die Bürger und schimpfen, wenn die behördlichen Anordnungen nicht befolgt werden. Die Politiker liefern dann als Good guy die Lösungsvorschläge, um das Leid der Bevölkerung etwas abzumildern. Die Virologen werden auch ganz gezielt sehr früh in der Krise eingesetzt.

Die Bundeskanzlerin und die Ministerpräsidenten schalten sich immer erst in den höheren Phasen ein. Sie sollen dem Thema die nötige Bedeutung in der Wahrnehmung der Bevölkerung verleihen. In der nächsten Phase, die wir noch nicht erreicht haben, kommt dann noch der Bundespräsident hinzu. Der wendet sich dann mit sehr deutlichen, aber auch motivierenden Botschaften an das Volk. Spätestens dann wissen die Bürger, dass sie das Schlimmste bald überstanden haben.“

… über eine Krisenkommunikation zwischen „keine Panik“ und „das ist die Ruhe vor dem Sturm“:

„Da gilt das, was ich bereits zuvor gesagt habe. Den Takt gibt auch immer das Verhalten der Menschen vor. Viele Bundesbürger haben aus dem Blick verloren, dass zur Freiheit auch immer das Risiko und die Verantwortung dazugehören. Am Anfang haben die Menschen die Warnungen aus der Wissenschaft ignoriert. Erst die Brandrede von Angela Merkel und einiger Ministerpräsidenten hat hier ein Umdenken ausgelöst. Sicherlich wird man an einigen Stellen die Wortwahl überdenken müssen.

In Krisenzeiten gilt aber auch: Lieber einmal zu viel und zu eindringlich warnen, als einmal zu wenig. Aus dieser Sicht ist die aktuelle Krisenkommunikation also gar nicht so schlecht.“

… die Frage, wie lange man eine Gesellschaft einsperren kann und was damit für Risiken verbunden sind:

„Das haben wir mehrfach untersucht. Neben den behördlichen Ausgangssperren wie zurzeit beim Coronavirus, gibt es natürlich auch immer die natürlichen Ausgangssperren, beispielsweise durch Sturmfluten und Orkane. Das haben wir beispielsweise beim Hurrikan ,Katarina’ 2005 an der Südostküste der USA untersucht. Da lag das Maximum an generellen Ausgangsbeschränkungen bei etwa vier bis sechs Wochen. Das wäre bezogen auf Hamburg und Schleswig-Holstein derzeit Mitte bis Ende April 2020 der Fall.

Grund dafür ist, dass der Schaden aus Ausgangsbeschränkungen und Kontaktverboten irgendwann größer wird als der Nutzen. Das heißt, dass zu Beginn der Maßnahmen immer noch das Ziel im Mittelpunkt stand, die Pandemie zu bekämpfen. Allerdings rücken dann schrittweise auch andere Aspekte wieder in das Blickfeld: Das sind die Schäden für die Wirtschaft, die Auswirkungen auf die Psyche der Menschen usw.“

… die nächsten Schritte:

„Die sind längst geschrieben und finden sich in den vertraulichen Pandemieplänen von Bund und Land. Den Gipfel erreichen wir frühestens in zwei bis drei Wochen. Einerseits kann es zu einer Verschärfung der Maßnahmen kommen. Anderseits halten die Bundes- und Landesbehörden natürlich noch weitere Maßnahmen im Köcher, um auf anderen Wegen den Weg des Virus zu stoppen oder zumindest zu verlangsamen.“

… die Bekämpfung einer Krise, die sowohl medizinische als auch wirtschaftliche und gesellschaftliche Aspekte hat:

„Hier kommt ein sogenanntes rollierendes Maßnahmencontrolling zur Anwendung. Das heißt: Bevor die Maßnahme eingeleitet wird, prüfen die Krisenstäbe zunächst die Effektivität. Einerseits werden so genannte Kipppunkte definiert. Ab wann sind wirklich weniger Neuinfektionen zu verzeichnen? Andererseits werden andere Indikatoren im Blick behalten, aktuell beispielsweise die wirtschaftliche Entwicklung (Zahl der Anträge auf Kurzarbeit) oder die mögliche Zunahme häuslicher Gewalt (Zahl der fallspezifischen Strafanzeigen). Das alles hilft, die vielen Dimensionen einer Krise, nicht aus dem Blick zu verlieren.“

… seine Rolle in Krisenzeiten:

„Es ist eine zweifache. Zum einen wurde die staatliche Kommunikation über präventive Maßnahmen für Krisen und Katastrophen in den vergangenen Jahren immer mehr zurückgefahren. Grund dafür ist, dass der Feind sozusagen mithört. Das sind neben Terroristen auch immer Links- und Rechtsextreme, die sich brennend dafür interessieren, wie man das System destabilisieren kann.

Viele Bürger und Journalisten wissen daher gar nicht mehr, wie eigentlich Katastrophenmanagement in Deutschland funktioniert. Hier leisten wir derzeit viel Aufklärungsarbeit. Und zum anderen werden wir als Bewertungsinstanz herangezogen. Wir beraten derzeit in einem Marathon von Telefonkonferenzen Krisenstäbe im öffentlichen aber auch privatwirtschaftlichen Bereich, wie sie mit der Krise umgehen.“

… die Bewahrung von Ruhe und Zuversicht in der Krise:

„Das geschieht durch zwei Instrumente. Zum einen, indem man mit viel Übung und Erfahrung an das Thema rangeht. Ich bin jetzt seit 22 Jahren Direktor des Instituts für Krisenforschung in Kiel. Zwar ist jede Krise immer ein wenig anders als die vorhergehende. Trotzdem gibt es auch immer einige Muster, die sich schnell zeigen. Beispielsweise die globale Dimension von Pandemien. Und zum anderen, indem man Prioritäten setzt. Jetzt ist sicherlich nicht die Zeit, um den Föderalismus neu zu diskutieren. Dafür hat man nach der Krise noch genug Zeit.

Und letztlich weiß ich, dass wir bisher jede Krise überlebt haben. Zwar rüttelt eine Krise das Land kräftig durch und sortiert die Werte neu. Und für viele beginnt die eigentliche Krise damit erst nach der Krise. Einige Unternehmen werden keinen Aufschwung mehr erleben, weil sich ihr Geschäftsmodell mit der Krise erledigt hat.

Beispielsweise wird der Kongress- und Geschäftsreisetourismus auf längere Zeit deutlich zurückgehen. Man hat mittlerweile gemerkt, dass es auch per Webcam geht und man Kongresse lieber meidet, wegen der unmittelbaren Nähe zu anderen Menschen. Dafür entstehen neue Geschäftsmodelle und werden in einer Krise auch immer wieder Helden geboren. Das spürt derzeit auch die Demokratie und Große Koalition in Berlin. Vor wenigen Wochen waren das noch totgesagte Politikdinosaurier. Jetzt merkt man, dass man genau solche Leute mit viel Erfahrung braucht, um die Krise zu bewältigen.“

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