Entscheider treffen Haider

Tim Sievers: „Ich hatte etwas Geld gespart und das angelegt“

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Tim Sievers (44) hält an Deposit Solutions, zu dem auch die Marke Zinspilot gehört, 20 Prozent.

Tim Sievers (44) hält an Deposit Solutions, zu dem auch die Marke Zinspilot gehört, 20 Prozent.

Foto: Michael Rauhe

Im Podcast spricht der Hamburger Unternehmensgründer über Ideen, legendäre Besprechungen und Strafzinsen.

Hamburg. Mit seiner Firma Deposit Solution hat er schon 20 Milliarden Euro von 30 Millionen Kunden angelegt – und das, obwohl Tim Sievers von Haus aus gar kein Banker ist. Inzwischen zählt nicht nur PayPal-Gründer Peter Thiel sondern auch die Deutsche Bank zu seinen Partnern. Mit Abendblatt-Chefredakteur Lars Haider spricht der Hamburger über seine Idee, legendäre Besprechungen und über Strafzinsen.

Das sagt Tim Sievers über…

… die Idee, die am Anfang seines Unternehmens stand:

„Ich hatte nach zehn Jahren Berufstätigkeit etwas Geld gespart und habe das, wie so viele Deutsche, in Tages- und Festgeld angelegt, weil ich nicht das Risiko eingehen wollte, von dem Geld etwas zu verlieren. Der Charme dieser Produkte ist ja, dass sie langweilig, aber sicher sind. Ich habe damals festgestellt, dass wenn man bei einer Bank Geld anlegen will, man dort auch ein Konto eröffnen muss.

Das wollte ich für Sparer und Banken einfacher machen: Die Idee war, eine digitale Plattform zu schaffen, mit der Sparer Einlagenprodukte verschiedener Banken nutzen können, ohne dafür jedes Mal ein Konto eröffnen zu müssen.“

… die ersten Jahre:

„Ich hatte vorher überhaupt nichts mit Banken zu tun und bin mit einer gewissen Blauäugigkeit an die Sache rangegangen. Es hat drei Jahre gedauert, bis wir den Prototyp für unsere digitale Plattform entwickelt hatten. Bis dahin war es sehr mühsam. Seitdem läuft es dafür sehr gut. Das allererste Büro hatten wir im Schanzenviertel, das wurde irgendwann zu klein.

Dann sind wir in die Nähe der Reeperbahn gezogen, und jetzt an den Gänsemarkt. Ich bin damals mit der naiven Vorstellung gestartet, dass ich den Aufbau des Unternehmens allein finanzieren kann, habe aber relativ schnell gemerkt, dass meine Taschen dafür bei weitem nicht tief genug waren. Deshalb habe ich Investoren an Bord genommen, der erste kam aus Hamburg: Stefan Wiskemann, der Gründer von Ricardo.“

… einen Brief an den Chef der Deutschen Bank:

„Wir haben ganz viele Versuche gestartet, Kontakt zur Deutschen Bank zu bekommen, aber da ich früher überhaupt kein Netzwerk in der Finanzwelt hatte, war das schwierig. In der Verzweiflung habe ich dann irgendwann einen Brief an den damaligen Vorstandsvorsitzenden der Deutschen Bank, Herrn Fitschen, geschrieben, und ihm erklärt, was wir machen und dass das zur Deutschen Bank passen könnte.

Ich habe nicht mit einer Antwort gerechnet. Aber ein paar Wochen später rief das Büro des Verantwortlichen für das Einlagengeschäft der Deutschen Bank bei mir an und hat einen Termin gemacht. Der fand unsere Plattform klasse, und wir sind relativ schnell zu einer Vereinbarung gekommen. Inzwischen hat sich die Deutsche Bank sogar an Deposit Solutions beteiligt.“

… sein Treffen mit Investoren-Legende Peter Thiel:

„Peter Thiel ist eine Legende in unserer Branche, weil er PayPal gegründet hat. Deshalb wollte ich ihn kennenlernen. Ein anderer Investor, der bei uns einsteigen wollte, hat den Kontakt hergestellt. Ich habe bei Peter Thiel einen Termin bekommen, als er für ein paar Tage aus Kalifornien nach Europa gekommen war. Weil er sich die Zeitumstellung sparen wollte, hatte ich dann nachts um zwei Uhr meine Audienz bei ihm. Ursprünglich waren 20 Minuten angesetzt, wie es im Silicon Valley so üblich ist. Aber dann hat sich Peter Thiel für die Idee interessiert, wir haben über eine Stunde über das Konzept, den Markt und unsere Pläne gesprochen. Das hat zu dem Investment geführt, das für uns sehr hilfreich war, weil es uns viel Aufmerksamkeit gebracht und viele Türen geöffnet hat.“

… die Liebe der Deutschen zum Tages- und Festgeld selbst in Zeiten, in denen man dort kaum noch Zinsen bekommt:

„Ein wichtiges Argument ist die Einlagensicherung. Bis 100.000 Euro kann ich mir sicher sein, dass ich nicht das Insolvenzrisiko der betreffenden Bank trage und das Geld zuzüglich Zinsen zur Not von der nationalen Einlagensicherung wiederbekomme. Bei uns auf der Plattform ist der durchschnittliche Anlagebetrag 40.000 Euro. Außerdem gibt es kein Kursrisiko. Das ist das große Plus dieser Produkte, deshalb sind sie so beliebt. In Deutschland liegen rund 2,5 Billionen Euro auf Tages- und Festgeldkonten. In Europa sind es 10 Billionen Euro.“

… die Frage, ob die Zinsen irgendwann wieder steigen:

„Als ich die Firma gegründet habe, hat man für ein Festgeld mit einer Laufzeit von einem Jahr noch einen Zins von zwei Prozent erhalten. Historisch gesehen war die Zins- immer eine Pendelbewegung. Die Frage, die im Raum steht, ist, ob es diesmal anders ist und wir in eine Phase rutschen, wie sie Japan mit niedrigen Zinsen seit langem erlebt. In Wirklichkeit weiß das heute niemand.“

… sein Geschäftsmodell:

„Die Banken, die über uns Gelder von Kunden bekommen, zahlen an uns eine Gebühr, die sich nach der Höhe der Einlagen richtet. Das ist der Kern unseres Geschäftsmodells.“

… Strafzinsen und wie man sie vermeiden kann:

„Es ist bei einigen Banken so, dass sie im Grunde zu viele Kundeneinlagen haben, für die sie bei der Europäischen Zentralbank Strafzinsen zahlen müssen. Das tut natürlich richtig weh. Für diese Banken ist es ein Vorteil, wenn ein Kunde Geld auf Tages- oder Festgeldkonten bei anderen Banken parkt, dadurch sparen sie Kosten. Und für die Kunden ist es besser, auf einem Tagesgeldkonto 0,1 Prozent Zinsen zu bekommen, als etwa bei der eigenen Bank Strafzinsen bezahlen zu müssen. Wir können so den Schmerz für alle Beteiligten lindern.“

… die Pläne für die USA:

„Das Sparverhalten der Amerikaner ist anders als bei den Deutschen, sie legen viel mehr Geld in Aktien an. Trotzdem stecken auch dort 13 Billionen Dollar in Einlagen. Deshalb haben wir lange mit dem Gedanken gespielt, in den USA zu expandieren. Inzwischen haben wir in New York ein Team aufgebaut und die ersten Partner gewonnen. Das, was wir tun, gibt es in den USA bisher nicht, das wollen wir mit unserer Plattform in diesem Jahr ändern. Und die Zinssituation ist in den USA ganz anders, es gibt dort immer noch zwei Prozent für ein einjähriges Festgeld.“

…den Standort Hamburg:

„Hamburg ist ein guter Standort für ein Fintech-Unternehmen. Wir haben Mitarbeiter aus mehr als 40 Nationen, und die sind alle gern nach Hamburg gekommen, weil es schön und weltoffen ist.“

… private Geldanlage:

„Ich kümmere mich selbst wenig darum. Wenn ich Zeit habe, verbringe ich die mit meiner Familie.“

... Erfolg und Verantwortung:

„Ich spüre eine Verantwortung, über das persönliche Geldverdienen hinaus Wege zu finden, um sich zu engagieren und etwas zu machen, was einen höheren Wert hat. Ich finde Unternehmer faszinierend, die sich einem übergeordneten Thema widmen. So wie Bill Gates, der bestimmte Krankheiten auslöschen will.“

Liebe Leserinnen, liebe Leser, wir haben das Interview mit Tim Sievers vor dem Ausbruch der Corona-Epidemie geführt.