Entscheider treffen Haider

Was Maike Röttger mit 190 Millionen Euro macht

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Maike Röttger ist Geschäftsführerin der Organisation Plan International Deutschland.

Maike Röttger ist Geschäftsführerin der Organisation Plan International Deutschland.

Foto: Thorsten Ahlf / Funke Foto Services

Die Chefin von Plan International Deutschland spricht im Podcast mit Lars Haider über Spenden und ihre ungewöhnliche Karriere.

Hamburg. Eigentlich war sie als Kommunikationschefin zu Plan International Deutschland gewechselt. Doch dann ergab sich für Maike Röttger die Chance, Geschäftsführerin der Organisation zu werden. Ein Gespräch über eine ungewöhnliche Karriere, Spendengelder, eine Führerscheinprüfung in Kathmandu – und die Rolle des Hamburger Abendblatts in ihrem Leben.

Das sagt Maike Röttger über …

… die Rolle der deutschen Spender für Plan International:

„Weltweit hat Plan ein Spendenvolumen von 800 Millionen Euro, der größte Einzelanteil kommt aus Deutschland. Wir haben im vergangenen Jahr Spendeneinnahmen von knapp 190 Millionen Euro erhalten, allein bei uns gibt es 340.000 Patenschaften, weltweit sind es 1,2 Millionen. Die deutschen Spenderinnen und Spender sind wirklich die, die Plan am meisten vertrauen. Und zum Glück wachsen die Zahlen stetig. Man zahlt 28 Euro im Monat pro Patenschaft, aber die meisten legen noch etwas speziell für Projekte zur Förderung von Mädchen drauf.“

… die Frage, was mit den Spenden passiert:

„Mehr als 80 Prozent aller Spenden fließen direkt in die Projekte auf der ganzen Welt, 18,7 Prozent brauchen wir für unsere Verwaltung. Das ist ein sehr guter Wert, den wir uns jährlich extern attestieren lassen. Selbstverständlich sind Gehälter bei einer Organisation wie Plan International nicht so hoch wie bei einem normalen Unternehmen. Das weiß jeder, der zu uns kommt, und die Motivation, bei uns zu arbeiten, ist auch eine andere als Geld. Und genauso selbstverständlich überprüfen wir immer wieder unsere Kostenstrukturen und versuchen, so effizient wie möglich zu arbeiten. Bei uns wird jeder Euro umgedreht.“

… ihre Zeit als Journalistin beim Hamburger Abendblatt:

„Ich habe 1989 als Praktikantin beim Hamburger Abendblatt begonnen. Kaum war das Praktikum zu Ende, fiel die Mauer, und man bot mir an, weiter fürs Abendblatt zu arbeiten. Das habe ich dann getan und wegen dieses tollen Angebots mein Studium abgebrochen, weil Journalistin zu sein mein großer Traum war. Insgesamt war ich 22 Jahre beim Abendblatt, bei dem ich auch meinen Mann Berndt kennengelernt habe, der bis heute dort arbeitet.“

… die Wende in ihrem Arbeitsleben:

„Als ich 40 wurde, habe ich mir überlegt: Mache ich jetzt so weiter in meinem Leben, oder verändere ich noch einmal etwas? Ich habe damals festgestellt, dass es nichts ändern würde, wenn ich vom Hamburger Abendblatt zu einem anderen Medium gehen würde. Ich hatte das Gefühl, dass das Kapitel Journalismus für mich beendet war. Ich habe mich gefragt: Was kannst du, und was willst du eigentlich? Ich habe dann bei Plan International als Leiterin der Kommunikation angefangen und bin froh, dass ich nach meinem ersten Traumjob als Journalistin meinen zweiten Traumjob gefunden habe. Es passiert ganz wenigen Menschen, die den Mut haben zu so einem Wechsel, dass sie zwei Aufgaben finden, in denen sie so aufgehen.“

… ihren unglaublichen Karriereschritt:

„Ich war sechs Wochen als Kommunikationschefin bei Plan, als mich der Vorstandsvorsitzende in der Kaffeeküche ansprach, ob ich mir vorstellen könnte, mich auf die Stelle als Geschäftsführerin zu bewerben. Ich war total überrascht und musste mich bemühen, möglichst professionell zu gucken. Ich hatte dann ein Wochenende Zeit, mir das zu überlegen. Und ich weiß noch, wie es war, als ich am Montag zur Arbeit gefahren bin: Je näher ich dem Büro kam, desto klarer war mir, dass ich den Job unbedingt wollte. Es gibt so Fragen im Leben, zu denen man einfach nicht Nein sagen darf. Gerade, wenn man eine Frau ist. Ich habe mich also beworben und bin im Dezember 2010 Vorsitzende der Geschäftsführung geworden. Und ich kann nur anderen Frauen raten: Denkt nicht zu lange über gute Angebote nach, sondern nehmt sie an.“

… Entscheidungen:

„Ich musste lernen, dass große Entscheidungen manchmal Zeit brauchen und dass man selbst Geduld haben muss. Man darf sich nicht unter Druck setzen lassen, man muss auch mal einen Schritt zurückgehen, weil die Dinge dann anders aussehen können.“

… Führung in Zeiten von „Fridays for Future“:

„Neue, moderne Führungsstile werden anders sein als die herkömmlichen. Es kann nicht mehr nur um die Frage Mann oder Frau oder Hierarchie gehen, es wird immer wichtiger, auch junge Menschen in Entscheidungen einzubeziehen. Wir können von Jugendbewegungen wie „Fridays for Future“, von dieser Art, sich zu vernetzen und möglichst viele Stimmen zu hören, lernen.“

… ihre Führerscheinprüfung in Kathmandu:

„Ich war 17 und habe eine Freundin in Nepal besucht, deren Eltern dort Entwicklungshilfe gemacht haben. Dort habe ich dann die Gelegenheit genutzt, Auto fahren zu lernen. Die Prüfung hat ein Polizist abgenommen, der mich 500 Meter auf einer geraden Straße fahren ließ, auf der es viele heilige Kühe, aber keine anderen Autos gab. Und dann bekam ich den Führerschein, mit dem ich auch ein Jahr in Hamburg gefahren bin.“

Der Fragebogen: Seht die Welt durch die Augen der Kinder!

Was wollten Sie als Kind werden und warum?

Ich wollte singen können wie Mireille Matthieu, vermutlich weil ich ihre Frisur so faszinierend fand.

Was war der beste Rat Ihrer Eltern?

Es gibt im Leben immer zwei Seiten einer Medaille.

Wer war beziehungsweise ist Ihr Vorbild?

Peter Kruse, der ehemalige Chefredakteur des Hamburger Abendblatts. Von ihm habe ich die wichtigsten Koordinaten des Berufslebens gelernt.

Was haben Ihre  Lehrer/Professoren über Sie gesagt?

In meinem Zeugnis stand: „Als Klassensprecherin hat sie sich sehr für die Interessen der Klasse eingesetzt.“

Wann und warum haben Sie sich für den Beruf entschieden, den Sie heute machen?

Weil ich es unbedingt wollte und weil mir jemand die Frage gestellt hatte: „Können Sie sich vorstellen, sich auf die Stelle als Geschäftsführung von Plan International Deutschland zu bewerben?“ Das war im November 2010.

Wer waren Ihre wichtigsten Förderer?

Meine Eltern und mein Mann.

Auf wen hören Sie?

Auf meine Familie, einige Freundinnen und meine engsten Kolleginnen und Kollegen.

Was sind Eigenschaften, die Sie an Ihren Chefs bewundert haben?

Klarheit vermitteln, Vertrauen entgegenbringen, Authentizität vorleben.

Was sollte man als Chef auf keinen Fall tun?

Entscheidungsschwach sein.

Was sind die Prinzipien Ihres Führungsstils?

Ein gutes Vorbild zu sein, zuzuhören, Fragen zu stellen, Eigenständigkeit und Leistung zu fördern.

Wie wichtig war/ist Ihnen Geld?

Als Studentin habe ich mir immer vorgestellt, dass es ein Luxus sein wird, wenn ich mich im Supermarkt nicht mehr zwischen den beiden billigsten abgepackten Käsesorten entscheiden muss. Diese Freiheit genieße ich heute.

Was erwarten Sie von Ihren Mitarbeitern?

Einsatzbereitschaft, Teamfähigkeit, Loyalität.

Worauf achten Sie bei Bewerbungen?

Auf den Lebenslauf. Mich interessieren spannende Lebenswege.

Duzen oder siezen Sie?

Beides, aber ich finde es leichter zu duzen. Da ich beruflich auch viel Englisch spreche, ergibt sich das von selbst. Gleichzeitig bin ich auch zurückhaltend den Mitarbeitenden gegenüber, die ihre Chefin vielleicht lieber nicht duzen wollen.

Was sind Ihre größten Stärken?

Ich denke, ich bin in der Regel sehr ausgeglichen und vermittle Zuversicht. Ich bin immer neugierig – auf Menschen, auf neue Entwicklungen, auf Lösungen von Herausforderungen.

Was sind Ihre größten Schwächen?

Ich kann nicht singen.

Welchen anderen Entscheider würden Sie gern näher kennenlernen?

Angela Merkel

Was würden Sie sie fragen?

Woher nehmen Sie Ihre Kraft?

Was denken Sie über Betriebsräte?

Ein konstruktives Miteinander mit Betriebsräten ist wichtig.

Wann haben Sie zuletzt einen Fehler gemacht?

Als ich an der Saarlandstraße mal wieder zu schnell an dem Blitzgerät vorbeigefahren bin.

Welche Entscheidung hat Ihnen auf Ihrem Karriereweg geholfen?

Mir selbst die Frage zu beantworten, was ich kann und was ich erreichen will.

Wie viele Stunden arbeiten Sie in der Woche?

Schwer zu sagen. Arbeit ist immer präsent, mal mehr und mal weniger.

Wie viele Stunden schlafen Sie (pro Nacht)?

Am liebsten acht, auch gern nach dem Motto: Nutze jede Gelegenheit. Also nicht nur in der Nacht, sondern auch im Zug, im Flugzeug, auf dem Sofa.

Wie gehen Sie mit Stress um?

Unter Stress werde ich ruhiger. Ich sortiere dann das Wichtige vom Unwichtigen. Und ich suche gezielt Ausgleich, meistens im Sport.

Wie kommunizieren Sie?

Am liebsten direkt im Gespräch und schnelle Nachrichten über WhatsApp. Ich schreibe aber auch gern noch Karten oder Briefe (mit Füller auf Papier).

Wie viel Zeit verbringen Sie an Ihrem Schreibtisch?

Klassisch an meinem Schreibtisch im Büro sitze ich vermutlich die wenigste Zeit. Meine „Schreibtische“ stehen für mich überall auf der Welt. Ein Drittel bis die Hälfte meiner Arbeitstage bin ich außerhalb des Büros, meistens auf Reisen.

Wenn Sie anderen Menschen nur einen Rat für ihren beruflichen Werdegang geben dürften, welcher wäre das?

Sei mutig!

Was unterscheidet den Menschen von dem Manager?

Hoffentlich nicht so viel.

Und zum Schluss: Was wollten Sie immer schon mal sagen?

Lasst uns die Welt durch die Augen der Kinder sehen, vor allem durch die Augen der Millionen von Mädchen und jungen Frauen, die keine Chancen haben, nur weil sie weiblich sind. Was wir dann sehen, muss unser Handeln bestimmen. Dann werden wir Hunger und Armut besiegen.