Bürgerschaftswahl 2020

Carola Veit: Die Wahl dürfen nicht nur Reiche entscheiden

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Carola Veit ist Bürgerschaftspräsidentin und dreifache Mutter.

Carola Veit ist Bürgerschaftspräsidentin und dreifache Mutter.

Foto: Andreas Laible / Andreas Laible / FUNKE Foto Services

Entscheider treffen Haider – in der letzten Extra-Ausgabe zur Bürgerschaftswahl ist Carola Veit zu Gast, Präsidentin der Bürgerschaft.

Hamburg. Es ist so weit: Am Sonntag wählt Hamburg die Bürgerschaft – und deren Präsidentin Carola Veit hofft, dass diesmal auch die abstimmen, denen es nicht so gut geht und die nicht so viel Geld haben. Im Gespräch mit Abendblatt-Chefredakteur Lars Haider verrät die SPD-Politikerin, was sie vom Hamburger Wahlsystem hält, warum sie trotz Anfeindungen ihren Job liebt – und wie das mit einer Frau als Bürgermeisterin ist. Das sagt Veit über …

… einen Jobverlust mit Ankündigung:

Man kann meinen Job am besten mit einer Freiberuflichkeit vergleichen. Ich habe einen Anspruch auf die erhöhten Diäten eines Abgeordneten, der mit dem Ende der Legislaturperiode endet. Das heißt, ich verliere wie viele andere Kolleginnen und Kollegen mit der Wahl erst einmal meinen Arbeitsplatz. Und denken Sie nur an die Mitarbeitenden der Abgeordneten, die Pressesprecher, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Senatorinnen und Senatoren. Viele von denen haben Verträge, die von Anfang befristet werden und die jetzt automatisch enden.

… das geringe Interesse vieler Menschen an Hamburger Politik:

Positiv könnte man sagen: Wer sich nicht für Hamburger Politik interessiert, ist mit dieser Politik zufrieden. Aber das kann uns als Demokratinnen und Demokraten nicht reichen. Deshalb versuchen wir als Parlament eigentlich immer, bekannt zu machen, was im Rathaus passiert. Ich stelle gerade bei jungen Leuten fest, dass es etwas bringt, sie über Politik zu informieren. Man muss das nur möglichst niedrigschwellig machen.

… 44 Prozent, die vor fünf Jahren nicht zur Wahl gegangen sind:

Die anderen 56 Prozent, die sich für Politik interessieren und die sich für ihre Interessen stark machen, entscheiden die Wahl. Und das sind oft Menschen aus den sogenannten reichen Stadtteilen: Dort ist die Wahlbeteiligung über die ganze Stadt hinweg deutlich höher als in den sogenannten ärmeren Stadtteilen. Das hat sich in den vergangenen Jahren manifestiert, und das treibt mich um: Es kann doch nicht sein, dass diejenigen, die Zeit und Geld haben, letztlich über die Politik in Hamburg bestimmen. Deshalb sind wir mit unserer Wahlkampagne bewusst in die Stadtteile mit geringer Wahlbeteiligung gegangen, um dort etwa in Kneipen oder in den Umkleidekabinen von Schwimmbädern oder in Sportvereinen auf die Wahl aufmerksam zu machen. Das ist mühsam, aber man darf die Hoffnung nicht verlieren. Bei der Bezirks- und Europawahl hatten wir 2019 zum Beispiel eine viel höhere Wahlbeteiligung als bei den vorigen Wahlen.

… Menschen, die Politiker per se dumm, faul und bestechlich finden:

Ein dickes Fell hilft gegen solche Vorwürfe leider nicht. Mich berührt es jedesmal wieder, wenn Menschen so etwas sagen. Mein Angebot ist dann immer, ins Gespräch zu gehen oder denjenigen zu einer der nächsten Veranstaltungen einzuladen. Grundsätzlich muss man sagen, dass Politikerinnen und Politiker keine Roboter sind, sondern Menschen aus allen Teilen der Gesellschaft, bei denen eben auch nicht immer alles klappt.

Wählen in Hamburg: So geht's
Wählen in Hamburg: So geht's

… der Reiz, trotz allem Politiker zu sein:

Für diese wunderschöne Stadt zu arbeiten und Dinge zum Besseren verändern zu können, ist einfach sehr reizvoll. Das ist erfüllend. Wenn Sie viel Geld verdienen wollen, gehen Sie sowieso nicht in die Politik. Das ist kein Arbeitsplatz; das ist eine wahnsinnig tolle Aufgabe, die niemals endet.

… der Ton im Umgang mit Politikern:

Das Denken in Schwarz-Weiß-Kategorien wird in den sozialen Netzwerken leider stark befeuert. Damit müssen wir uns auseinandersetzen. Ich habe das Gefühl, dass es schon geholfen hat, dass wir als Politikerinnen und Politiker diesen rauen Ton im Internet in den vergangenen Jahren thematisiert haben. Immer, wenn ich Bedrohungen öffentlich mache, bekomme ich viele Rückmeldungen von Menschen, die sagen: Das wussten wir gar nicht, das geht überhaupt nicht.

… Hausbesuche im Vorfeld einer Wahl:

Die ersten vier Türen sind schwierig, dann geht es wie von selbst. Man schafft so 200 bis 300 Türen am Stück, und ich glaube, Hausbesuche sind wichtig, weil wir uns zeigen und den Menschen Gespräche anbieten.

… ungewöhnliche Wahlkampagnen:

Es gab auch schon mal den Vorschlag, das Geld, das wir für die Kampagne der Bürgerschaftswahl ausgeben, unter allen, die zur Wahl gehen, zu verlosen. Das wäre immerhin eine knappe Million Euro. Ist aber rechtlich schwierig.

… das Hamburger Wahlsystem:

Alle haben ja Muster-Stimmzettel nach Hause bekommen, mit denen man sich schon mal vertraut machen konnte. Und das Prinzip ist nicht so schwer: Es gibt zwei Hefte, in denen jeder jeweils fünf Kreuze machen kann. Übrigens ist es ganz interessant, welche Rolle bei der Wahl das Alter, die Berufe und die Stadtteile der jeweiligen Kandidierenden spielen. Das kann entscheidend sein.

… die ausschließlich männlichen Bürgermeister in Hamburg:

Für mich stellt sich die Frage, dass Hamburg noch nie eine Frau als Bürgermeisterin hatte, nicht so. Das Rathaus ist ja nicht unweiblich: Der Senat ist gut besetzt, in der Bürgerschaft sitzen knapp 40 Prozent Frauen. In der Vergangenheit gab es doch weniger Frauen, die sich um Politik gekümmert haben, deshalb hat es bisher auch keine Kandidatin für das Amt des Bürgermeisters gegeben. Und ich finde, dass wir mit unserem aktuellen Bürgermeister gut gefahren sind. Jetzt haben wir eine Frau als Gegenkandidatin, und irgendwann wird es auch mal eine Bürgermeisterin in Hamburg geben. Aber das macht jetzt Politik nicht besser oder schlechter. Und um etwas zu verändern, reicht es nicht, eine Frau an der Spitze zu haben. Es muss sich grundsätzlich etwas ändern, etwa, was die Familienfreundlichkeit angeht. Nehmen Sie nur die Veranstaltungen, die es am Jahresende in Hamburg gibt: Das sind doch Termine, die irgendwann mal Männer erfunden haben, weil sie zwischen den Jahren mal zu Hause raus wollten.

… die Möglichkeit, online zu wählen:

So weit sind wir schlicht noch nicht, weil das ja ganz viel mit Datensicherheit zu tun hat. Aber wir haben mit der Briefwahl ja eine Möglichkeit, bequem von zu Hause zu wählen, von der schon jede und jeder Zweite Gebrauch macht.

… die Medienlandschaft in Hamburg:

Uns ging es immer sehr gut mit unserer lokalen Berichterstattung in Hamburg. Um die Vielzahl der Medien haben uns andere Städte und Bundesländer beneidet. Es ist wirklich richtig schade, dass wir jetzt einige Zeitungen verloren haben, auch, weil diese Zeitungen ja unterschiedliche Menschen angesprochen haben. Die unabhängige Berichterstattung ist das Wichtigste, was wir in Hamburg haben. Das lässt sich durch soziale Medien nie ersetzen.

Der Fragebogen

Was wollten Sie als Kind werden und warum?

Da war ich nicht festgelegt.

Was war der beste Rat Ihrer Eltern?

Dass andere es auch nicht besser können, ist keine Ausrede dafür, nicht alles so gut wie möglich zu machen.

Wer war beziehungsweise ist Ihr Vorbild?

Mit persönlichen Vorbildern habe ich es nicht so. Aber ich finde es großartig, wie die Hamburger ihre Stadt gestalten.

Was haben Ihre Lehrer/Professoren über Sie gesagt?

Im Staatsexamen hat mich einer der Prüfer für meine ‚kreative Rechtsfindung‘ gelobt.

Wann und warum haben Sie sich für den Beruf entschieden, den Sie heute machen?

Anfangs war ich nicht sicher, deshalb habe ich erst mal eine Lehre gemacht, bevor ich Jura studierte. Politische Ämter sind ja nicht planbar. Aber Gerechtigkeit ist eine schöne Lebensaufgabe.

Wer waren Ihre wichtigsten Förderer?

Meine Familie, die mir bis heute immer den Rücken freigehalten hat. Und meine Musiklehrerin, bei der ich gelernt habe, keine Angst vor großem Publikum zu haben.

Auf wen hören Sie?

Ich höre erst mal allen zu – vor allem klugen Widerworten. Meine Meinung bilde ich mir dann selbst.

Was sind Eigenschaften, die Sie an Ihren Chefs bewundert haben?

Dass sie Vertrauen hatten und mir Freiräume ließen, ohne den Überblick zu verlieren.

Was sollte man als Chefin auf keinen Fall tun?

Da hilft ein Blick auf die wundervollen Schnitzereien in unserem Bürgersaal: Eine Chefin sollte frei von Neid, Ironie, Missgunst und Schadenfreude sein.

Was sind die Prinzipien Ihres Führungsstils?

Möglichst wenig Prinzipien zu haben und unvoreingenommen zu entscheiden. Im Übrigen: das offene Wort.

Wie wichtig war/ist Ihnen Geld?

Wenn Sie Steuergelder meinen: die größte Verantwortung in der Politik. Privat: kein Lebensziel. Aber als ich keins hatte, war es mir wichtiger als heute.

Was erwarten Sie von Ihren Mitarbeitern?

Pfiffige Ideen, Ehrlichkeit und die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen.

Worauf achten Sie bei Bewerbungen?

Es muss halt passen.

Duzen oder siezen Sie?

Mit allen 10.000 SPD-Mitgliedern gilt das Du. Ansonsten bin ich da eher zurückhaltend.

Was sind Ihre größten Stärken?

In der Regel habe ich den Blick für das Wesentliche. Und ich kann gut zuhören. Allen.

Was sind Ihre größten Schwächen?

Ungeduld.

Welchen anderen Entscheider würden Sie gern näher kennenlernen?

Facebook-Chef Mark Zuckerberg.

Was würden Sie ihn fragen?

Warum er im Netzwerk so viel Nazipropaganda und Fake News zulässt.

Was denken Sie über Betriebsräte?

Sehr wichtige Ratgeber.

Wann haben Sie zuletzt einen Fehler gemacht?

Heute Morgen. Ich habe meinem kleinen Sohn das falsche Müsli gegeben.

Welche Entscheidung hat Ihnen auf Ihrem Karriereweg geholfen?

„Die“ Entscheidung gab es nicht.

Wie viele Stunden arbeiten Sie in der Woche?

Darauf kommt es nicht an. Aber manchmal sind es auch zu viele …

Wie viele Stunden schlafen Sie (pro Nacht)?

Das fragen Sie eine dreifache Mutter …

Wie gehen Sie mit Stress um?

Gut, hoffe ich. Sonst fragen Sie gerne meine Familie und meine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.

Wie kommunizieren Sie?

Technisch auf allen Kanälen. Am liebsten ist mir aber das persönliche Gespräch.

Wie viel Zeit verbringen Sie an Ihrem Schreibtisch?

Es gibt Tage, da sehe ich ihn gar nicht, weil ich unterwegs bin. Dafür gibt es aber glücklicherweise Laptop und Smartphone.

Wenn Sie anderen Menschen nur einen Rat für ihren beruflichen Werdegang geben dürften, welcher wäre das?

Trau dich was. Mach das, wofür du wirklich brennst. Und bleib loyal.

Was unterscheidet den Menschen von der Präsidentin Carola Veit?

Höchstens mal die Klamotten.

Und zum Schluss: Was wollten Sie immer schon mal sagen?

Demokratie ist keine Hängematte. Gehen Sie am 23. Februar zur Wahl. Lebendige Demokratie lebt von engagierten Bürgerinnen und Bürgern. Sie bestimmen mit!