Dem Tod auf der Spur

Alte Menschen töten anders – wenn Liebe zum Mordmotiv wird

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PODCAST Püschel Mittelacher

PODCAST Püschel Mittelacher

Foto: HA

Rechtsmediziner Klaus Püschel spricht über Mordfälle, die von Senioren begangen wurden – oft aus anderen Gründen als "üblich".

Hamburg. Wir reden oft von Mord, von Tötungen, die aus Rache, aus Eifersucht oder aus Habgier geschehen. Doch es gibt auch Menschen, die solche Taten aus ganz anderen Motiven begangen haben. Aus Verzweiflung zum Beispiel, weil jemand nicht mehr weiter weiß. Vielleicht auch, weil jemand an Depressionen leidet, oder weil er alt und des Lebens müde ist. Die Motive können vielfältig sein. Und es gibt auch Menschen, die andere töten, weil sie ihnen ein schweres Schicksal ersparen wollen. Aus ihrer Sicht ist dann Liebe das Motiv.

„Tatsächlich können Lebensumstände, die man in jüngeren Jahren noch als schön oder zumindest hinnehmbar empfunden hat, mit fortgeschrittenerem Alter vermeintlich unerträglich werden. Wir in der Rechtsmedizin haben es immer mal wieder mit Fällen zu tun, in denen Menschen jenseits der 70 oder auch der 80 zu Tätern werden“, erklärt Rechtsmediziner Klaus Püschel im Abendblatt-Crime-Podcast „Dem Tod auf der Spur“.

Und auch Gerichtsreporterin Bettina Mittelacher erlebt in Strafprozessen immer wieder mal Täter, die längst das Rentenalter erreicht oder überschritten haben.

Die Tochter ins Heim geben? Unmöglich - die Frau sieht nur einen Ausweg

Da ist zum Beispiel eine Frau von 76 Jahren. Ihr Leben lang hat sie schier Übermenschliches geleistet. Sie hat sich rund um die Uhr um ihr schwerstbehindertes Kind gekümmert. Sie hat die hilflose Tochter voller Liebe und Hingabe gepflegt, 52 Jahre lang. Und nun ist die zierliche, schmerzgebeugte 76-Jährige mit ihren Kräften am Ende. Aber wohin soll sie ihre Tochter geben? In ein Heim? Das ist für sie undenkbar. Also entschließt sich die Hamburgerin zum Äußersten. Sie will ihr Kind möglichst schmerzfrei töten – und dann selber Suizid begehen.

Zwei Jahrzehnte zuvor hat sie einen sogenannten „Exit-Bag“ von der „Gesellschaft für Humanes Sterben“ beschafft, der bei vorschriftsmäßiger Anwendung zunächst den Sauerstoffgehalt in der Atemluft absenkt und später zum Tod führt. Als die Tochter in den Tod hinübergedriftet ist, will die Mutter sich die Pulsadern aufschneiden, doch das Messer ist nicht scharf genug. Weitere Versuche, sich das Leben zu nehmen, scheitern ebenfalls.

Püschel: "Ältere Menschen wählen den erweiterten Suizid"

„Es ist ein Phänomen, das uns Medizinern immer wieder begegnet“, sagt Püschel. „Wenn ältere Menschen keinen Ausweg mehr sehen, wollen sie sich töten, aber dabei ihren Partner oder ihr Kind nicht allein lassen. Also wählen sie den erweiterten Suizid, bei dem beide sterben und so in eine vermeintlich bessere Welt hinüber driften sollen. Doch häufig geht ihr Plan nicht auf, und eine Person überlebt.

Das ist für den, der zurückbleibt, besonders schlimm. „Ich habe mein Kind nie allein gelassen. Ohne mich war sie doch völlig hilflos“, hat die Seniorin Monate nach der Tat gesagt. In einem Prozess, in dem sie sich wegen Totschlags verantworten musste, wird sie später zu zwei Jahren Haft auf Bewährung verurteilt. Der Vorsitzende Richter sagt, die Frau sei „von extremer Verzweiflung“ getrieben gewesen. Er spricht von einer „menschlichen Tragödie“. Püschel und Mittelacher haben diesen Fall auch in ihrem Krimi-Sachbuch „Tote schweigen nicht“ geschildert.

Ein Rentner erschlägt seine Frau, dann erhängt er sich selbst

Eine menschliche Tragödie: Ist das auch der Grund für das grausame Verbrechen, das ein Rentner auf einem Bauernhof in Niedersachsen an seiner Frau begeht und sich anschließend im Kuhstall selber umbringt?

Polizisten sind von den Kindern der Landwirte alarmiert worden. Sie finden im Esszimmer der Rentner die Frau blutüberströmt und tot neben dem Tisch vor. Die mutmaßliche Tatwaffe entdecken die Ermittler wenig später, als sie den Hof absuchen. Sie finden in einem Stall den Ehemann, der sich dort im Angesicht seiner Kühe erhängt hat. Der 74-Jährige kniet tot, mit dem Rücken an eine Wand gelehnt, unterhalb eines Balkens. An diesen Balken hat er ein Hanfseil geknüpft und sich die Schlinge um den Hals gelegt hat. Neben ihm liegt ein blutverschmiertes Beil.

Begraben am Tag der Goldenen Hochzeit

„Ich habe beide Toten obduziert“, so Püschel. „Die 73-Jährige verstarb durch Verbluten aus zahlreichen schweren Kopfverletzungen, beigebracht mit einem halbscharfen Gegenstand, vermutlich mit besagtem Beil. Bei dem Mann hat sich die Todesursache durch Strangulation bestätigt.“ Weil alles auf einen erweiterten Suizid hindeutet und weil der Täter ebenfalls nicht mehr lebt, werden die Ermittlungen relativ schnell eingestellt und die beiden Toten begraben, Seite an Seite.

Die Beerdigung erfolgt wenige Tage nach dem Datum, an dem das Paar eigentlich gemeinsam Goldene Hochzeit hätte feiern sollen. Eine Goldene Hochzeit, die nun nicht mehr stattfinden kann.

( HA )