Dem Tod auf der Spur

Der Piraten-Schädel: Was am Mythos Störtebeker dran ist

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Foto: HA

Rechtsmediziner Klaus Püschel erklärt, wie er dem 1878 entdeckten Totenkopf im Jahr 2000 viele Geheimnisse entlocken konnte.

Hamburg. Der Schädel ruhte im Sand des Hamburger Grasbrooks, ein knöchernes Gebilde mit hohlen Augen, in dem ein langer rostiger Nagel steckte. Als Bauarbeiter im Jahr 1878 bei Erdarbeiten auf dem früheren Hamburger Hinrichtungsplatz auf diesen historischen Fund stoßen, wird er flugs als „Störtebeker-Schädel“ geadelt. Doch was hat es wirklich auf sich mit der knöchernen Reliquie?

Ist es tatsächlich der Kopf jenes legendären Piraten Klaus Störtebeker, der zusammen mit seinen Mannen zu Beginn des 15. Jahrhunderts von Scharfrichter Rosenfeld hingerichtet wurde? „Ich war voller Ehrfurcht, als sich mir im Jahr 2000 die Gelegenheit bot, diesen bedeutenden Fund wissenschaftlich zu untersuchen“, erzählt Experte Klaus Püschel im Abendblatt-Crime-Podcast. „Schon von frühester Jugend an hat mich die Geschichte dieses tapferen Freibeuters fasziniert, der bis 1401 auf den Meeren zu Hause war und schließlich in Hamburg durch das Schwert eines Henkers starb.“

Nachdem alle Freibeuter, die als Verbrecher galten, hingerichtet worden waren, wurden seinerzeit ihre Schädel zur Abschreckung auf Pfähle aufgenagelt. Doch die Monumente des Grauens verloren ihre Wirkung, als die hölzernen Pfähle zerfielen. Und nun also, rund 600 Jahre später, gibt es diesen spannenden Schädel zu untersuchen, von dem man bis dahin nicht wirklich wusste, ob er überhaupt aus der richtigen Zeit stammte – ja, noch nicht einmal, ob es tatsächlich der Totenkopf eines Mannes war und wie alt der Mensch wurde.

Störtebeker-Schädel mit der Radiocarbonmethode untersucht

Was der Rechtsmediziner über den historischen Schädel herausfinden konnte, hat das Autoren-Duo Mittelacher/Püschel auch in seinem gemeinsamen Buch „Tote schweigen nicht“ beschrieben: Mithilfe der sogenannten Radiocarbonmethode kann entschlüsselt werden, dass der Schädel mit größter Wahrscheinlichkeit tatsächlich aus der Epoche zwischen 1380 und 1450 stammt. Damit passt er genau in die Zeit der Hinrichtung von Störtebeker und seinen Mannen.

Doch nicht nur das: Bestimmte anatomische Besonderheiten an den Ansatzstellen der Nackenmuskeln geben Auskunft darüber, dass es der Schädel eines Mannes ist. Der Verknöcherungsgrad der Schädelnähte lässt darauf schließen, dass der Verstorbene um die 35 Jahre alt war. Auch das unterstützte die These, dass es sich um einen Seeräuber im besten Mannesalter handelte.

Warum in dem Schädel ein Nagel steckte

Der Clou ergab sich allerdings bei der Analyse der Nagelung an dem skelettierten Kopf. „Wir konnten unter anderem vier parallel verlaufende Knochenscharten direkt vor der Perforation feststellen, die sich eindeutig als Spuren einer Klinge herausstellten“, erklärt Püschel. So wurde seinerzeit ein Loch im Schädeldach vorbereitet, durch das dann der Nagel getrieben wurde.

Dies war eine einzigartige Vorbereitung, die man bewusst außerordentlich herausgehobenen Persönlichkeiten unter den Seeräubern zukommen ließ. „Man wollte, dass der Schädel dieses Mannes bei der Nagelung nicht zerbirst, sondern auf einen Holzpfahl genagelt möglichst lange erhalten bleibt und so als abschreckendes Beispiel am Hafeneingang prangt. Nach dem Motto: Seht, was wir in Hamburg mit Verbrechern machen! Hier herrscht Ordnung!“

Marschierte Störtebeker noch an seinen Kameraden vorbei?

Und was ist mit der Legende, dass Störtebeker noch nach seiner Enthauptung an elf seiner Kameraden vorbeimarschiert sein soll, um ihnen die Hinrichtung zu ersparen? „Das ist leider ganz gewiss eine erfundene Geschichte“, erläutert Püschel. Denn bei einer Durchtrennung des Rückenmarks eines Menschen, wie es bei einer Enthauptung vollständig geschieht, entsteht ein sogenannter spinaler Schock, und der Körper dieser Person fällt umgehend in sich zusammen. „Ein koordiniertes Laufen ist ausgeschlossen. Auch ein Aufstehen ist dann unmöglich.“

Anders als es beispielsweise von Geflügel erzählt wird, die nach dem Abschlagen ihres Kopfes noch einen Augenblick herumflattern können. Püschel stellt klar: „Der Vergleich greift hier nicht. Der Mensch ist halt kein Huhn.“

( HA )