Dem Tod auf der Spur

Der Serienmörder, der „schweinenett“ zu den Frauen war

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PODCAST Püschel Mittelacher

PODCAST Püschel Mittelacher

Foto: HA

Im Abendblatt-Podcast "Dem Tod auf der Spur" geht es um den "Heidemörder" Thomas H., der mit 23 erstmals tötete.

Hamburg. Er wurde als „Heidemörder“ bekannt, er versetzte die Öffentlichkeit mit seinen Verbrechen in Angst und Schrecken, er tötete drei Opfer auf brutale Weise. Doch selber hat sich Thomas H. bei seinen Taten eher als charmant und fürsorglich empfunden. „Ich war schweinenett zu den Frauen“, sagte der Mann über seine Gewalttaten. Er bezeichnete sich auch als „Lustmörder“.

„Jede junge Frau hätte es treffen können“, befand seinerzeit das Gericht, vor dem sich der gelernte Grafiker 1993 verantworten musste. „Es“, das war das Mordverlangen des Thomas H., das sich immer wieder offenbar aus dem Nichts heraus äußerte. Mal während des Geschirrspülens oder auch, als er gerade zeichnete. Dann zog er los, um sich ein Opfer zu suchen.

Serienmörder, der „schweinenett“ zu den Frauen war

„Wie sein literarischer Zwilling Dr. Jekyll und Mr. Hyde ist Thomas H., der zum Serienmörder geworden ist, ein Kerl mit zwei Gesichtern“, sagt Rechtsmediziner Klaus Püschel im Crime-Podcast „Dem Tod auf der Spur“ mit Gerichtsreporterin Bettina Mittelacher. „H. war einer, der nach Belieben sein wahres Ich hinter einer sympathisch wirkenden Maske verbergen konnte. So, dass er vertrauenswürdig wirkte.“ Thomas H. selber zeichnete sich als einen Mann, der gleichsam fremdgesteuert war, als er die Frauen umbrachte. „Ich war nur noch Zuschauer“, sagte der Täter über seine Morde, die Püschel und Mittelacher auch in ihrem neuen Buch „Sex and Crime — Die Wahrheit ist der beste Krimi“ beschreiben.

Thomas H. war 23 Jahre alt, als er das erste Mal tötete. Der Grafiker zwang eine Studentin in Rissen unter Vorhalt eines Messers, zu ihm ins Auto zu steigen und dann in seine Wohnung mitzukommen. Dort vergewaltigte und strangulierte er sie. „Der Leichnam der 20-Jährigen wurde zwei Tage nach dem Mord in der Nähe von Kaltenkirchen gefunden“, erzählt Püschel. Drei Monate darauf schlug H. wieder zu. In Rahlstedt quälte, fesselte und missbrauchte er eine zweifache Mutter. Dann erwürgte er sie. Die unbekleidete Tote brachte er auf einen Acker bei Bargfeld-Stegen.

Eine 22-jährige Kosmetikschülerin war die Nächste, die dem Serienmörder zum Opfer fiel, am 27. November 1990. „Ich wusste, dass ich sie töten würde. Ich hatte keinen Zugriff mehr auf mich selbst“, sagte Thomas H. Dann erwürgte er sie wie die beiden anderen Frauen. Schließlich tat er aber etwas, was zeigt, dass sich seine grausamen Fantasien offenbar noch weiter steigerten: Er holte Beil und Säge und verstümmelte die Hände der Toten.

Thomas H. verschleppte und getötete Frauen

„Der Leichnam der 22-Jährigen wurde fünf Tage später von einem Spaziergänger in einem Wald bei Holm-Seppensen (Nordheide; d. Red.) gefunden“, berichtet Püschel. „Als die drei von Thomas H. verschleppten und getöteten Frauen jeweils in der Rechtsmedizin untersucht wurden, führte dies zum Nachweis eines sehr vielfältigen und zum Teil sehr bizarren Verletzungsmusters.

Die Toten wurden in den Medien und später in den Ausführungen vor Gericht als ,schrecklich‘ beziehungsweise ,grauenvoll zugerichtete‘ Körper beschrieben.“ Und neben den drei Morden an den Frauen waren da immer noch die Fälle von Tötungszwang bei Thomas H., die glimpflich endeten. Mehrere Male habe er sich Opfer suchen wollen, die ihm dann aber entkommen konnten, sagte er. „Es wäre passiert, hätte ich eine gefunden.“ Dann hätte er sie getötet.

Später wurde H. vor Gericht gestellt, erst für einen Mord vor dem Landgericht Stade, später wegen der anderen beiden Kapitalverbrechen in Hamburg. „Auffällig war, dass der Mann meist einfach nur starr wirkte“, erinnert sich Prozessbeobachterin Mittelacher. „Er hat seine Haltung kaum geändert, da war auch kaum Mimik. Nur manchmal gab es eine vage Andeutung eines Lächelns, das dann fast ein bisschen überheblich wirkte.“

Thomas H. floh aus der geschlossen Psychiatrie

Im Stader Prozess hat Thomas H. noch geschwiegen, später in Hamburg äußerste er sich gegenüber einem psychiatrischen Sachverständigen. Dieser stellte bei dem Angeklagten eine schwere neurotische Störungen fest, sprach von einem „gemütlosen Psychopathen“. Wie Thomas H. zu behandeln sein werde, wisse niemand genau. „Denn so viele Fälle“, sagte der Gutachter, „gibt es Gott sei Dank nicht.“ Der Hamburger sei ein Mensch mit „unverminderten Tötungstrieben“ und „extremer Rückfallgefahr“.

Auch bei der Urteilsverkündung blieb das Gesicht des Angeklagten blass und zu seiner undurchdringlichen Maske erstarrt. Das Gericht erkannte auf lebenslange Freiheitsstrafe und Einweisung in die Psychiatrische Anstalt. Überführt ist er nach Überzeugung der Kammer nicht nur durch sein Geständnis, das er gegenüber dem Sachverständigen abgegeben hat, sondern unter anderem auch durch Faserspuren. Tatsächlich, so die Überzeugung des Gerichts, hat Mordlust den jungen Mann zu seinen Verbrechen getrieben, „Tötung als Ausübung totaler Macht über eine Frau“. Speziell in Bezug auf das 29 Jahre alte Opfer sagte der Vorsitzende: „Er wollte sie nicht nur töten, sondern auch noch vorher besonders quälen.“

Dieser Thomas H., da sind sich alle Fachleute einig, darf nie wieder in Freiheit kommen. Und doch gelang es dem Verurteilten, am 27. September 1995 aus der geschlossenen Abteilung zu entkommen. Er hat es geschafft, seine Therapeutin zu umgarnen, sodass sie heimlich und aus Zuneigung zu diesem unberechenbaren Mann seine Flucht unterstützte. Später, drei Monate nach seiner Flucht, stellte sich Thomas H. und kam erneut in den Hochsicherheitstrakt der geschlossenen Psychiatrie. Dort sitzt er bis heute