Dem Tod auf der Spur

Morsal: Ihr Wunsch nach einem normalen Leben endete tödlich

Klaus Püschel und Bettina Mittelacher.

Klaus Püschel und Bettina Mittelacher.

Foto: HA

Die 16-Jährige wurde in Hamburg von ihrem Bruder getötet, der den westlichen Lebensstil des Mädchens nicht akzeptierten wollte.

Hamburg. Noch vor wenigen Jahren wussten viele mit dem Begriff Podcast, der für wortbasierte Audio-Angebote im Internet steht, wenig anzufangen. Inzwischen jedoch wird die von festen Sendezeiten unabhängige Medienform millionenfach genutzt, das Angebot wächst ständig. Das Abendblatt bietet unter www.abendblatt.de/podcasts gleich ein gutes Dutzend der „play-on-demand-casts“ an, wobei Redakteure sich mit ganz unterschiedlichen Thematiken befassen – auch mit Verbrechen und der Rechtsmedizin. In dieser Woche geht es in „Dem Tod auf der Spur“ um den Fall Morsal.

Das Wort „Morsal“ bedeutet in der afghanischen Sprache Paschtu „Blühende Rose“. Die Eltern haben ihrem Mädchen diesen Namen gegeben, der Entwicklung und Schönheit impliziert, Entfaltung im allerbesten Sinn. Tatsächlich aber konnte in Morsals Familie, die von Afghanistan nach Hamburg gekommen war, von Blüte und Gedeihen keine Rede sein. Vielmehr galten strengste Regeln und althergebrachte Traditionen. Die Schülerin hat dagegen angekämpft, sie wollte frei sein, unabhängig.

Morsal, die Blühende, wollte leben. Aber sie wurde nur 16 Jahre alt. Ihr Leben endet am späten Abend des 15. Mai 2008 auf einem unbeleuchteten Parkplatz am Berliner Tor in Hamburg. Ihr eigener Bruder Ahmad hat sie attackiert und immer wieder auf sie eingestochen – weil er in ihrem westlichen Lebensstil eine Schande für die Familie sah.

Täter hat mit absolutem Vernichtungswillen gehandelt

„Morsal hat sich heftig gewehrt“, erklärt Rechtsmediziner Klaus Püschel im Abendblatt-Podcast mit Gerichtsreporterin Bettina Mittelacher. „Aus meiner professionellen Sicht ist anhand der Verletzungen der 16-Jährigen eindeutig zu erkennen, dass der Täter mit absolutem Vernichtungswillen gehandelt hat“, erzählt der Experte. „Er hat auch nicht innegehalten, als seine Schwester schon aus vielen Wunden blutend auf dem Boden lag. Sie hat um ihr Leben gekämpft, bis zum letzten Atemzug.“

Als Morsal stirbt, ist das Entsetzen in Hamburg und weit über die Stadtgrenzen hinaus groß. Ihr sinnloser Tod wirft ein Schlaglicht auf die Unterschiede von Kulturen. Zwei Welten prallen aufeinander: auf der einen Seite die afghanischen, archaischen Traditionen mit ultrastrengen Regeln, auf der anderen die Werte einer toleranten westlichen Gesellschaft. Püschel und Mittelacher schildern den Fall auch in ihrem gemeinsamen Buch „Tote lügen nicht“. Morsal ist gerade drei Jahre alt, als sie 1994 aus Afghanistan mit ihrer Familie nach Hamburg kommt. Der sieben Jahre alte Bruder bekommt vom Vater gesagt, dass er „bald ein Mann“ sei. „Du musst auf die Familie aufpassen.“

Morsal wird mit 23 Messerstichen getötet

Ahmad, der früh mit etlichen Straftaten auffällt, nimmt diesen Auftrag sehr ernst. Er hat vor allem ein waches Auge auf Morsal. Sie ist freiheitsliebend, westlich orientiert. Sie will sich so figurbetont kleiden und auffallend schminken wie andere Mädchen ihres Alters. Die Eltern sorgen sich um die Jungfräulichkeit ihrer Tochter und versuchen, Morsal mit Schlägen zu bändigen. Die Situation eskaliert. „Am 13. Mai 2008 kam Morsal zu uns ins Institut für Rechtsmedizin. Sie hatte mehrere Verletzungen und erzählte, ihre Eltern hätten sie geschlagen, und ein jüngerer Bruder habe sie bis zur Bewusstlosigkeit gewürgt“, erinnert sich Püschel. Das Tragische: In welcher Gefahr durch ihre Familie die Schülerin wirklich schwebt, ahnt noch niemand, am allerwenigsten wohl Morsal selbst. Zwei Tage später ist sie erneut ein Fall für die Rechtsmedizin – von ihrem Bruder Ahmad mit 23 Messerstichen getötet.

Er hat sie zuvor mit einem Trick zu einem Treffen am Berliner Tor gelockt und sie dort erwartet, das Messer hinter seinem Rücken verborgen. Als sie nah genug gewesen ist, hat er zugestochen. „Tödlich waren zwei Stichverletzungen ins Herz“, erklärt Püschel. Insgesamt erfolgten die Stichverletzungen in unterschiedliche Körperregionen und aus sehr unterschiedlichen Richtungen. Die Stichkanäle waren bis zu zehn Zentimeter tief. Nach dem Verbrechen flieht Ahmad zunächst, wird am darauffolgenden Tag aber festgenommen.

Vater bezeichnet seinen Sohn als Verbrecher

Seine Eltern distanzieren sich von der Tat. Sie sagen, sie seien zwar mit Morsals Lebensstil nicht einverstanden gewesen. „Aber die Tat war nicht von der Familie geplant“, sagen sie. Der Vater bezeichnet den Sohn als „Verbrecher“, die Mutter sagt: „Ich hasse ihn.“ Als etwa ein halbes Jahr später der Prozess beginnt, lautet die Anklage auf Mord. Der 23-Jährige habe „heimtückisch und aus niedrigen Beweggründen“ getötet, heißt es. Der Angeklagte sagt nichts zu den Vorwürfen, bestreitet sie aber auch nicht.

Wahrscheinlich hat Ahmad O. fest damit gerechnet, dass das Urteil des Gerichts am Ende auf Totschlag lauten werde und er mit einer mehrjährigen, aber zeitlich begrenzten Strafe davonkommt. „Als aber schließlich das Urteil auf lebenslänglich wegen Mordes lautet“, erzählt Prozessbeobachterin Mittelacher, „wird der Angeklagte kreidebleich und taumelt zurück, sitzt dann minutenlang wie versteinert da.“ Der Vorsitzende Richter spricht von einem „Blutbad“, das der Angeklagte vorsätzlich geplant und letztlich vollendet hat.

Ahmad O. tötet aus reiner Intoleranz

„Wir haben nicht den geringsten Zweifel, dass Sie Morsal getötet haben, weil Sie ihre Einstellung, wie deutsche Mädchen zu leben, nicht toleriert haben. Morsals Unglück war, dass sie eine Frau war“, sagt der Vorsitzende. Ahmad O. habe durch Morsal seine Ehre und die seiner Familie beschmutzt gefühlt. Sein Verbrechen sei „verachtungswürdig. Er tötete aus reiner Intoleranz.“

Zu diesem Zeitpunkt ist Ahmad aus seiner Erstarrung erwacht. Als der Richter sagt, der Angeklagte habe getötet, um die sogenannte Ehre wiederherzustellen, ruft dieser aufgebracht: „Sag mir, welche Ehre? Ich kenne keine Ehre.“ Seine Mutter bricht wegen der Verurteilung in Tränen aus, sie droht, aus dem Fenster zu springen. Und vor dem Strafjustizgebäude schnappt sich Ahmads Vater eine brennende Kerze mit einem aufgedruckten Bild seiner toten Tochter. Er schleudert die Kerze voller Wut auf die Straße.

Was hatten die Eltern Monate zuvor gesagt? Dass sie um ihre Tochter trauern? Dass ihr Sohn ein Verbrecher sei?