Dem Tod auf der Spur

Wenn plötzlich Finger fehlen, ist die Rechtsmedizin gefragt

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Klaus Püschel und Bettina Mittelacher.

Klaus Püschel und Bettina Mittelacher.

Foto: HA

Im Podcast erzählt Klaus Püschel von schweren Verletzungen, deren wahre Ursache nur mit viel Expertise zu ergründen ist.

Hamburg. Es war ein furchtbares Unglück mit der Kreissäge. Oder eine Gehwegplatte ist heruntergefallen und hat schlimme Schäden verursacht. Manchem ist auch beim Holzhacken die Axt abgerutscht: Es sind oft grausige Geschichten, die Ärzte zu hören bekommen, wenn ein schwer verletzter Patient zu ihnen kommt. Wenn eine Hand abgetrennt oder ein Finger abgequetscht wurde, kann in der Tat ein verhängnisvoller Unfall die Ursache gewesen sein. Rechtsmediziner aber wissen: Immer wieder gibt es Menschen, die solche Verletzungen mutwillig herbeiführen, um wegen abgetrennter Gliedmaßen hohe Schadenersatzforderungen an ihre Versicherungen stellen zu können. Oft geht es um sechs- und sogar siebenstellige Summen.

Manche Menschen verletzen sich absichtlich mit Axt oder Gartenschere

Mit viel Schmerz und Invalidität sehr viel Geld abzocken, lautet bei manchen die kühl kalkulierte Rechnung. „Man muss sich von dem Gedanken verabschieden, dass sich niemand absichtlich große Schmerzen sowie eine Gliedmaßenamputation zufügen würde“, sagt Rechtsmediziner Klaus Püschel beim Abendblatt-Crime-Podcast „Dem Tod auf der Spur“ mit Gerichtsreporterin Bettina Mittelacher.

„Für Selbstverletzungen gibt es viele Ursachen, etwa psychische Gründe. Und manche Menschen erhoffen sich eben durch Versicherungsbetrug viel Geld. Da wird tatsächlich auch absichtlich zur Axt oder Gartenschere gegriffen, um sich beispielsweise Finger abzutrennen. Es lockt das finanziell sorgenfreie Leben.“

Die Versicherung holt Gutachten von Rechtsmedizinern ein

So wie in dem Fall des Kfz-Meisters, der innerhalb eines Jahres sage und schreibe neun Unfall- und Invaliditätsversicherungen über insgesamt fast 3,5 Millionen D-Mark sowie eine Rechtsschutzversicherung abgeschlossen hatte. Wenige Monate später ereignete sich ein Vorfall, den der 48-Jährige als Unglück darstellt. Demnach will er in der Küche zwei Eisbeine in Scheiben hacken. Seine beiden Dackel sind wie immer dabei. Beim ersten Eisbein läuft alles noch reibungslos, das zweite jedoch rutscht dem Mann plötzlich aus der Hand. „Ich griff hinterher und genau unter das Hackbeil. Mein Daumen und mein Zeigefinger wurden glatt durchtrennt und flogen auf den Fußboden, dorthin, wo die Hunde gerade ihre Fleischration erwarteten“, lautet später seine Schilderung. Er habe seine Wunden verbunden. „Dann versuchte ich, meinen Hunden Daumen und den Zeigefinger wegzunehmen. Doch wenn die fressen, kommt da keiner ran.“

Die von dem Invaliden in Anspruch genommene Versicherung holt Gutachten ein, unter anderem von Rechtsmedizinern. Diese lassen sich den angeblichen Tatablauf genau schildern und machen Versuche, die das Szenario nachstellen. Dabei benutzen sie auch „biologisches Material“, also Leichenhände. Es stellt sich heraus, dass bei einem Geschehen, wie es der Kfz-Meister erlebt haben will, niemals eine ebensolche Verletzung entstehen kann, wie er sie erlitten hat. Hergang, Handhaltung – nichts ist plausibel. Die zwingende Schlussfolgerung für das Gericht, das sich mit dem Rechtsstreit um die Versicherungssumme befasst: Die Verletzungen sind nicht unfreiwillig entstanden. Der Mann bekommt keinerlei Entschädigung.

Nicht selten werden Haustiere als Täter angegeben

„Ich kenne Dutzende ähnlich gelagerte Fälle, in denen sich Menschen an ihre Versicherung wandten und ihre Verletzung als Unfall ausgaben“, erzählt Püschel. „Bei etwa der Hälfte der Fälle kriegt man durch sorgfältige und detailgerechte Dokumentation und Rekon­struktion heraus, dass das nicht stimmt.“ Da war zum Beispiel der Mann, dem ein Finger der linken Hand fehlte und der behauptete, dieser sei ihm bei Arbeiten auf seinem Grundstück abgetrennt worden, als ihm angeblich eine fast 30 Kilogramm schwere Gehwegplatte auf die Hand fiel. Das Röntgenbild zeigte eine glatte Knochendurchtrennung und keinerlei Bruchfragmente. „Wir ließen uns den Hergang genau schildern. Dann simulierten wir das Szenario mehrfach und stellten fest: Es kommt zu Trümmerfrakturen und niemals zum glatten Bruch. Der Betrüger war überführt.“

Nicht selten sind es die lieb gewonnenen Haustiere, die als angebliche Täter oder Auslöser eines Unfalls herhalten. Wenn die Katze sich erschreckt und mit ausgefahrenen Krallen auf einen zuspringt, sodass man stolpert und sich den Finger beispielsweise in einer Tür quetscht. Wenn der Hund übermütig zwischen den Beinen herumtollt, just während die Axt zum Holzspalten niedersaust. „Natürlich sind die Fälle von Selbstverstümmelung oft die spektakulärsten. Aber es ist nur ein kleiner Bereich. Mancher Betrug ist ganz banal, wie etwa bei der Arbeit zu fehlen mit einer Krankschreibung wegen angeblicher Kopfschmerzen“, so Püschel. Da geht es bundesweit um einen Schaden von Hunderten von Millionen Euro jedes Jahr.

Meist gibt es bei diesen Fällen keine Zeugen

Bei Versicherungsfällen mit abgetrennten Gliedmaßen kommen immer wieder bestimmte Besonderheiten vor: Der Versicherte hat häufig sogar mehrere Policen abgeschlossen, ist oft verhältnismäßig hoch versichert. Auffällig ist auch: Der abgetrennte Finger wird nicht für eine mögliche Replantation mit in die Klinik gebracht. Denn bei erfolgreichem Annähen entfällt der Versicherungsfall.

Meist gibt es bei diesen Fällen auch keine Zeugen. Bei den Erklärungen von Verletzten, warum die Gliedmaßen verloren gingen, sind der Fantasie keine Grenzen gesetzt. So hat einer geschildert, er habe sich so geekelt, dass er den Finger in den Müll warf. Und dann war da der Arzt, der sagte, er sei Opfer eines Überfalls geworden. Weil die Verbrecher wenig Beute machten, waren sie verärgert. Sie hätten ihm den Finger mit einer Gartenschere abgetrennt und etwas von „Souvenir“ gemurmelt. Dann seien sie verschwunden – mit dem Finger.